Von Marc Pitzke, New York
New York - Es sind ungewohnte Worte von Barack Obama. Er lobt Hillary Clintons Kandidatur - als beispiellosen Fortschritt für die US-Frauenbewegung. "Senator Clinton hat Mythen zerschmettert und Schranken durchbrochen und das Amerika verändert, in dem meine und eure Töchter aufwachsen werden", sagt er neuerdings und bemüht sich so, ihre Fans für sich zu ködern.
Die Demokratin Nancy Pelosi, Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, erste Frau auf dem drittmächtigsten Posten der Nation und selbst eine künftige Aspirantin auf eine Präsidentschaftskandidatur, nennt Clintons Erfolg "bahnbrechend". Ins gleiche Horn stößt die prominente demokratische Bloggerin Arianna Huffington, die Clinton sonst immer hart kritisiert: "Es besteht kein Zweifel, dass sie für immer verändert hat, wie die Kandidatur von Frauen gesehen wird", schreibt sie. Sie habe sich als "plausible" Oberkommandierende empfohlen und ein Beispiel für die nächste Generation gesetzt - für Frauen und Männer -, die nächste Frauengeneration macht sich bereits hinter den Kulissen bereit.
Demokratinnen und Republikanerinnen, Junge und Erfahrene, Frauen aus dem Süden und dem Mittleren Westen, Unbekannte und Prominente - SPIEGEL ONLINE stellt sie vor:
Es gibt viele Gründe, weshalb Hillary Clintons Präsidentschaftskandidatur nicht ganz nach Plan verlaufen ist: falsches Wahlkampfmanagement. Die Entgleisungen der Kandidatin. Das byzantinische Vorwahlsystem der Demokraten. Die berüchtigte Hybris der Clintons. Ein brillanter Rivale. Die Examens-Atmosphäre der Clinton-Auftritte. Die Hosenanzüge. Gemeine Medien. Bill Clinton.
Die Clintons selbst aber beklagen vor allem eine einzige, übergreifende Ursache: Sexismus. "Leute, die nichts anderes sind als Frauenhasser", schimpfte Clinton in einem Interview mit der "Washington Post", hätten sie mit "unglaublicher Giftigkeit" kritisiert. Ihr Gatte rief auf einer Wahlveranstaltung in South Dakota hochroten Kopfes: "Ich habe noch nie erlebt, dass eine Kandidatin so respektlos behandelt wurde, nur weil sie kandidiert!"
Sicher, es gab die üblichen Boshaftigkeiten. Frauenfeindliche T-Shirts und Zwischenrufe, "Hillary-Nussknacker" mit Stahl-Schenkeln, mokante Webseiten und YouTube-Videos. Die linke Radio-Talkerin Randi Rhodes nannte Clinton eine "big fucking whore" (Hure). Andere nannten sie - live im Fernsehen! - "bitch" (Zicke) oder "she-devil" (Teuflin) oder verglichen sie mit Alex, der karnickelmordenden Glenn-Close-Psychopathin aus dem Thriller "Eine verhängnisvolle Affäre".
Doch mit ähnlichen Unflätigkeiten müssen sich, auf ihre eigene Weise, auch Obama und McCain rumschlagen. Viele Clinton-Kritiker wurden außerdem öffentlich für sexistische Bemerkungen gegeißelt und mussten sich kleinlaut entschuldigen. Chris Matthews vom TV-Nachrichtensender MSNBC etwa. Radio-Talkerin Rhodes wurde gar gefeuert.
Und so ist der Sexismusvorwurf vor allem auch unter Frauen umstritten. Mehr noch: Der oft schärfste Gegenwind blies Clinton aus dem Lager ihrer eigenen Geschlechtsgenossinen entgegen.
Tiraden prominenter linker Frauen
Da ist zum Beispiel das Buch "Thirty Ways of Looking at Hillary", das im Januar zu Beginn der Vorwahlsaison erschien und fast ausschließlich aus Tiraden prominenter linker Frauen gegen Clinton bestand. Sie "sieht aus wie eine Republikanerin" (Amy Wilentz), steht dort zu lesen. Sie sei "Lady Macbeth im schwarzen Preppy-Haarband" (Maureen Dowd), "willens, alles zu tun" (Elizabeth Kolbert). Die Kolumnistin Katha Pollitt beschimpfte Hillary als "Eis-Queen", "Hexe", "Feminazi".
Die Feministin Camille Paglia warf Clinton kürzlich sogar vor, es künftigen Generationen von Präsidentschaftsbewerberinnen "mit ihrem rohen Ehrgeiz und ihrer störrischen, knirschenden Energie" nur noch schwerer gemacht zu haben. Sie habe jungen Frauen "keinen Gefallen" getan, schrieb Paglia im Londoner "Telegraph": Clinton sei "inspirierendes Vorbild" und "hochnotpeinliches, schlechtes Beispiel" zugleich. Und nun mache sie einen auf Opfer - und bestätige damit nur die alten Geschlechterklischees: "Ihre Leute schlagen die Klagetrommeln und versuchen, jede wütende Frau aus dem Busch zu schrecken."
Tatsächlich zeugen die Vorwahlen eher von Clintons gewaltiger, historischer Schlagkraft über alle Geschlechter- und Gesellschaftsrollen hinaus - ganz unabhängig vom Ausgang. Sie hat mehr als 170 Millionen Spendendollar gesammelt. Sie hat so viele Stimmen erkämpft wie noch nie ein Demokrat vor ihr. Sie hat stets bessere Debattennoten bekommen als die Männer, Obama inklusive. Sie hat Wählerschichten geknackt, die Demokraten lange verschlossen geblieben sind.
Auch Umfragen widerlegen die Annahme, der US-Präsidentschaftswahlkampf sei per se frauenfeindlich - und damit gegen Clinton gewesen. 86 Prozent der Amerikaner haben demnach nichts dagegen, eine Frau zur Präsidentin zu machen - daran kann es bei Clinton also nicht gelegen haben. Zumal 17 Millionen Wähler sie siegen sehen wollten.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema US-Präsidentschaftswahl 2008 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH