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30.05.2008
 

Obamas Auschwitz-Verwechslung

Wie ein peinlicher Patzer zur Staatsaffäre wurde

Von Marc Pitzke, New York

Der US-Demokrat Obama hat sich blamiert, indem er Auschwitz mit Buchenwald verwechselte. Die Republikaner bezichtigen ihn der Amtsuntauglichkeit - doch sie vergessen dabei, dass auch ihr Kandidat McCain vor solchen Patzern nicht gefeit ist.

New York - Es war einer dieser typischen Wahlkampfauftritte. Rund 200 geladene Gäste hatten sich am Montag vor dem "Farm and Ranch Heritage Museum" in Las Cruces versammelt, einem staubigen Ort im Süden New Mexicos. Barack Obama stand in der prallen Sonne am Pult und hielt eine ernste Rede zum Memorial Day - jenem Tag, an dem die Nation ihrer gefallenen Soldaten gedenkt.

Obama bei seinem Auftritt vor Veteranen: Probleme mit der persönlichen Anekdote
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AP

Obama bei seinem Auftritt vor Veteranen: Probleme mit der persönlichen Anekdote

Obama sprach von "Amerikas Söhnen und Töchtern", die sich "für uns opfern", er sprach von seinem Großvater, der "in Pattons Armee marschierte", und davon, dass "die, die wir verloren haben, von einer dankbaren Nation in Erinnerung behalten werden". Anschließend griff er sich das Mikrofon, wanderte auf und ab und beantwortete die Fragen des Publikums.

Ein Mann, der sich als Vietnam-Veteran zu erkennen gab, erzählte ihm mit brechender Stimme von den Spätfolgen des Krieges, die er auch an seinen vier Neffen sehe, "die drüben im Irak sind". Obama versprach ihm, sich besser um die Versorgung traumakranker Krieger zu kümmern als die jetzige Regierung.

Und dann erzählte er eine seiner leidigen, lang gewundenen Obama-Anekdoten."Ich hatte einen Onkel, der einer derjenigen (…) unter den ersten amerikanischen Truppen war, die in Auschwitz eindrangen und die Konzentrationslager befreit haben, und die Geschichte in unserer Familie geht, dass er, als er heimkehrte, einfach nur auf den Speicher ging und das Haus für sechs Monate nicht verließ", sagte Obama, die linke Hand lässig in der Hosentasche. "Nun, offenbar hatte ihn irgendetwas wirklich tief berührt, aber zu jener Zeit gab es diese Art von Einrichtungen nicht, die jemandem helfen, diese Art von Leid zu verarbeiten." Niemand im Publikum muckte auf, und nach weiteren gut 20 Minuten ging die Veranstaltung ohne Auffälligkeiten zu Ende.

Kaum jemand schien zu dem Zeitpunkt bemerkt zu haben, dass sich "Obamas Auschwitz-Moment" ("Washington Post") bald zu einem Sturm im Wasserglas entwickeln würde - und ihn womöglich noch bis in den Herbst verfolgen könnte.

Denn es gab mehrere Probleme mit Obamas Story. Erstens wurde Auschwitz natürlich nicht von den Amerikanern befreit, sondern von der Roten Armee. Und zweitens war Obamas Mutter ein Einzelkind, während der Bruder seines Vaters lange nach dem Krieg geboren wurde - in Kenia. Oder, wie die republikanische Parteispitze genüsslich resümierte: "Oops."

Obama hatte freilich weder "gelogen", wie es rechte Blogger später hysterisch anprangerten, noch maßlos übertrieben. Sondern seine Familiengeschichte und die Kriegsgeschichte heillos - und blamabel - durcheinandergebracht.

Er sprach nämlich von seinem Großonkel Charlie Payne. Der Onkel seiner weißen Mutter kämpfte in der 89th Infantry Division, 355th Infantry Regiment, Company K - jenes Regiment, das am 4. April 1945 nicht Auschwitz, sondern das Zwangsarbeitslager Ohrdruf in Thüringen befreite, eine Außenstelle des KZ Buchenwald. Die 89th war die erste US-Einheit, die auf ein NS-Lager stieß, und wird im Holocaust Museum in Washington heute mit einer eigenen Sektion gewürdigt. Die Sowjets erreichten Auschwitz bereits im Januar 1945.

Nur die "Washington Post" und CBS News berichteten noch abends von Obamas angeblicher Auschwitz-Connection. Doch beide ohne Wortlaut - und ohne die Fehler zu bemerken, geschweige denn zu korrigieren.

Erst als auf der "Post"-Website ein virtueller Proteststurm von Lesern losbrach, bat die Zeitung ihren Reporter um einen Mitschnitt. Der landete sofort auch auf YouTube - und beim Republican National Committee (RNC).

Die republikanische Parteispitze verlor keine Zeit, den Patzer zur Staatsaffäre aufzublasen. "Obamas dubiose Behauptung", donnerte RNC-Sprecher Alex Conant, "widerspricht der Weltgeschichte und erfordert eine Erklärung". Die kam einen Tag darauf vom Obama-Camp, inzwischen in Las Vegas. Sprecher Bill Burton räumte ein, sein Chef habe sich "versehentlich" auf Auschwitz statt Buchenwald berufen, um seinen Stolz auf seine Vorfahren zu illustrieren - "vor allem den Umstand, dass sein Großonkel an der Befreiung eines der Konzentrationslager bei Buchenwald teilgenommen hat".

Aber auch das war schon wieder ein Patzer: Ohrdruf - das kurz darauf von den US-Generälen George Patton und Dwight Eisenhower besichtigt wurde - war ein Arbeitslager. Auch wenn dort Tausende ums Leben kamen, nicht zuletzt beim Todesmarsch nach Buchenwald zwei Tage vor der Befreiung.

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