Von Marc Pitzke, New York
Es war beileibe nicht der erste Fehler Obamas - oder seiner Gegenkandidaten. Dieser lange, bittere Vorwahlkampf war fast täglich von Patzern, Schönfärbereien, Irreführungen, Vereinfachungen und historischen Plattheiten geprägt. Und die fallen langsam immer krasser aus - je gestresster vor allem die Demokraten sind. "Es wird spät", hat die "Washington Post" beobachtet. "Die Kandidaten sind erschöpft und neigen zu dämlichen Fehlern."
So hat Obama behauptet, dass er 57 US-Bundesstaaten bereist habe (es gibt 50). Dass sich seine Eltern beim Bürgerrechtsmarsch von Selma 1965 kennengelernt hätten (Obama wurde 1961 geboren). Und dass er als Kind fließend Indonesisch gesprochen habe (was eine seiner Lehrerinnen bestritten hat).
Nach Obamas Auschwitz-Ausrutscher publizierten die Republikaner triumphierend eine Liste mit den "häufigen Übertreibungen" des Demokraten, die "sein Urteilsvermögen und seine Eignung als Oberkommandierender" in Frage stellten. Ein pikanter Vorwurf - ausgerechnet in der selben Woche, da Scott McClellan, der frühere Pressesprecher des Weißen Hauses, in seinen Memoiren eine "Kultur der Täuschung" im Weißen Haus beschreibt und Präsident George W. Bush der "Propagandakampagnen" beschuldigt.
Auch der Republikaner-Kandidat John McCain sitzt diesbezüglich im Glashaus. Der nennt seinen Wahlkampfbus zwar "Straight-Talk Express", den Klartextexpress. Doch auch McCain hat sich da schon so manchen Schnitzer geleistet. So dozierte er neulich über die Lage im Irak: "Es gibt keine Chronik gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen Sunnis und Schiiten. Ich denke also, dass sie sich wahrscheinlich vertragen können."
Längst Wahlkampflegende ist McCains Besuch in Bagdad vor einem Jahr - später prahlte der Republikaner, er habe über einen Markt spazieren können, so friedlich sei es dort. In Wahrheit wurde McCain, wie NBC enthüllte, von "100 amerikanischen Soldaten mit drei Blackhawk-Helikoptern und zwei Apache-Kampfhubschraubern" bewacht. Und er trug eine kugelsichere Weste.
Anlässlich eines kürzlichen Besuchs in Jordanien warf McCain Iran vor, al-Qaida-Kämpfer auszubilden - bis ihm sein Reisebegleiter, Senator Joe Lieberman, zuflüsterte, er möge da lieber "Extremisten" sagen statt "al-Qaida". Überhaupt verkürzt McCain die Splittergruppe "al-Qaida in Mesopotamien", die sich erst nach dem US-Einmarsch bildete, gerne zu "al-Qaida", was den Irak mit dem 11. September assoziiert.
Auch Hillary Clinton neigt, mit zunehmendem Adrenalinverbrauch, zu gewagten Ausschmückungen ihrer Reden, und auch sie ist über die Geschichte gestolpert - ihre eigene, in diesem Fall. Mehrmals untermalte sie ihre militärische Härte mit einer dramatischen Anekdote: Bei einem Besuch in Bosnien als First Lady 1996 sei sie mit Tochter Chelsea unter Scharfschützenbeschuss geraten. Leider war das nicht wahr - bei dem friedlichen Empfang wurde Clinton mit Blumen begrüßt.
Auch jüngste Behauptungen, mit der sie ihren weiteren Anspruch auf die Kandidatur rechtfertigt, gehören eher in die Rubrik "eigennützige Phantasie". O-Ton Hillary Clinton: "Aufgrund von jeder Analyse, jeder noch so kleinen Untersuchung und jeder Umfrage, die getätigt wurde in jedem Staat, den ein Demokrat gewinnen muss, bin ich der stärkere Kandidat gegen McCain im Herbst."
Kein Wunder also, dass weder Clinton noch McCain sich zu Obamas Auschwitz-Episode äußerten. Nur die rechten Blogs und die TV-Talker hauten auf den Putz, in der Hoffnung, Obama Fehlbarkeit anhängen zu können. "Obama lügt über den Holocaust, um sich politisch zu bereichern", schrieb der Blog "Red State" und nannte das "abscheulich." Der "Daily Standard" fragte: "Wie klug ist Obama?" Und gab sich gleich selbst die Antwort: "Nicht klug genug."
Eine tolle Tirade kam auch von Karl Rove, dem Ex-Chefstrategen Bushs. Der Mann, der den Präsidenten sechs Wochen nach dem Irak-Einmarsch 2003 vor dem Banner "Mission erfüllt" auftreten ließ, mokierte sich im "Wall Street Journal" doch tatsächlich über "Obamas revisionistische Geschichte".
Und doch, ein kleiner Makel wird wohl an Obama hängen bleiben - zumal er sich selbst gerne über Bushs historische Ignoranz mokiert. "Viele Amerikaner dürften Probleme haben, Buchenwald und Ohrdruf von Auschwitz zu unterscheiden", schreibt der Blogger Michael Dobbs. "Doch sollten wir von einem Harvard-geschulten Präsidentschaftskandidaten nicht mehr erwarten? Ist das zu viel verlangt?"
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