Brüssel - Es war 17.38 Uhr als bei der EU-Kommission in Brüssel ein Alarm aus Slowenien einging. Dort war das Entweichen des Kühlwassers im Atomkraftwerk Krsko bemerkt worden. In Brüssel aktivierte man umgehend das Notfallsystem Ecurie (Community Urgent Radiological Information Exchange), ein Netzwerk der EU zum Informationsaustausch bei radioaktiven Vorfällen, an das alle 27-EU-Mitgliedsstaaten angeschlossen sind.
Harald Händel, Sprecher der EU-Kommission in Deutschland, sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, mit der Warnung seien keine Handlungsanweisungen an die Mitgliedsstaaten verknüpft. In der Praxis heißt das: "Die Behörden - insbesondere die der slowenischen Nachbarstaaten - sind jetzt alarmiert und beobachten die Lage."
In den slowenischen Hauptnachrichten um 19 Uhr wurde über die Havarie erst gegen Ende informiert. Für Menschen und Umwelt bestehe keine Gefahr, hieß es. Beim Herunterfahren der Motoren im Zuge einer Routine-Wartungsarbeit, wie sie mehrfach im Jahr durchgeführt werde, sei Kühlwasser ausgetreten.
Erstaunen über europaweite Warnung
In einer Erklärung der EU hieß es, das Kraftwerk sei inzwischen vollständig abgeschaltet worden. Teile der Anlage kühlten noch aus. Die Lage sei aber unter Kontrolle. Es sei kein radioaktives Material in die Umwelt gelangt. Auswirkungen auf die Umwelt seien derzeit nicht bekannt.
Der Sprecher von EU-Energiekommissar Andris Piebalgs sagte, der Kommissar habe die Mitteilung, dass im dem Kernkraftwerk Kühlwasser verlorenging, aus Gründen der Transparenz herausgegeben. "Es ist nicht sehr schlimm", teilte der Sprecher in einer persönlichen Einschätzung mit.
Der Direktor der slowenischen Atomsicherheitsbehörde, Andrej Stritar, erklärte auf der website seiner Behörde, die Anlage sei sicher heruntergefahren worden. "Die Lage ist unter Kontrolle. Die Anlage ist in einem stabilen Zustand." Es gebe keine Auswirkungen für die Umwelt und keine Notwendigkeit für Schutzmaßnahmen. Stritar zeigte sich angesichts des europaweiten Alarms erstaunt, da die Behörden in Ljubljana den Zwischenfall selbst als "eher gering" einstuften, so der Behördendirektor.
Der Betreiber des Atomkraftwerks teilte mit, das Kraftwerk sei präventiv "für einige Stunden" heruntergefahren worden, um die Ursache des Fehlers zu finden und zu beheben. "Eine Notabschaltung war nicht notwendig und die Störung dürfte keine Auswirkungen auf die Umwelt haben", hieß es weiter.
Und Maja Kocjancic, Sprecherin der slowenischen EU-Ratspräsidentschaft, sagte: "Es besteht keine Gefahr für Menschen und Umwelt. Es sei "lediglich Wasser aus dem Kühlsystem ausgeflossen".
Greenpeace stufte die europaweite Warnung als "sehr ungewöhnlich" ein. Dies komme nur selten vor, sagte der Greenpeace-Atomexperte Thomas Breuer. "Von den Regeln her muss das eine sehr ernste Situation sein." Der Alarm werde nur ausgelöst, wenn es zu einem Unfall gekommen sei, oder in einer Notsituation, wenn eine Kernschmelze drohe. Greenpeace habe über eine Mitarbeiterin in Slowenien, die Kontakt zum dortigen Direktor der nuklearen Aufsichtsbehörde hatte, erfahren, dass sich das Leck in der Nähe des Primärkreislaufes des Reaktors befinde. Es sei keine Radioaktivität in die Umwelt gelangt.
Die slowenische Nachrichtenagentur STA berichtete, der Vorfall habe sich im "Primärkreislauf" des AKW ereignet. Das Wasser im "Primärkreislauf" befinde sich direkt an verstrahltem Material. Die EU-Kommission sprach vom "Hauptkühlsystem", aus dem Flüssigkeit ausgetreten sei. Nach den Überprüfungen von deutschen und österreichischen Experten gab es ein Ventilproblem im Primär-Kühlkreislauf das Akw, meldet die Nachrichtenagentur AFP.
Formularpanne sorgt für Verwirrung
Die Nachricht löste vor allem im benachbarten Österreich heftige Reaktionen aus. Umweltminister Josef Pröll verlangte nach Angaben des Wiener "Standards" von Slowenien umgehend Aufklärung über den Vorfall. Er wolle wissen, wie es dazu kommen konnte, dass ein Vorfall im Primärkreislauf dem österreichischen Strahlenschutz von Slowenien lediglich als Übung gemeldet wurde, während gleichzeitig über das Ecurie-Warnsystem der EU ein europaweiter Alarm ausgelöst wurde.
Die slowenischen Behördenräumten am Abend einen Fehler bei der Benachrichtigung der zuständigen Behörden ein. Der Zwischenfall sei tatsächlich zunächst als Übung gemeldet worden, hieß es nach slowenischen Medienberichten. Es sei aus Versehen zunächst ein falsches Formular benutzt worden, hieß es aus der Atomschutzbehörde.
Österreich erklärte, radioaktive Strahlung sei in Krsko nicht ausgetreten. Doch die Aufregung ist groß. "Auch wenn es offenkundig zu keinem radioaktiven Austritt in Krsko gekommen ist, sehe ich das Vertrauen in die Alarmierung durch Slowenien massiv in Frage gestellt.", sagte Pröll. Er wolle bereits am Donnerstag beim Umweltministerrat in Luxemburg Protest einlegen und volle Aufklärung verlangen.
Österreichs Grüne fordern eine sofortige Aufklärung von Pröll über den Störfall. "Entsprechend dem internationalen Informationsabkommen wird das Umweltministerium sofort informiert. Wir erwarten uns, dass diese Information sofort an die Bevölkerung weitergeben wird", erklärte Bundessprecherin Eva Glawischnig am Abend. "Eine Störung des Kühlsystems im Primärkreislauf ist kein harmloser Zwischenfall, dafür spricht auch die Auslösung des europaweiten Alarms durch die EU-Kommission. Es ist aufklärungsbedürftig, warum nicht der Umweltminister die Bevölkerung warnt."
Das Berliner Bundesumweltministerium vor "unnötiger Dramatik" gewarnt. Der Alarm sei in Slowenien selbst ausgelöst und wie üblich über Brüssel ohne eigenes Zutun der Kommission automatisch an alle Mitgliedsstaaten weitergeleitet worden, "Aufgrund dieser Informationen haben wir es nicht für erforderlich gehalten, Maßnahmen zu ergreifen", sagte Ministeriumssprecher Michael Schroeren.
asc/AFP/dpa/AP/ddp/Reuters
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