Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Vorige Woche war Dick Cheney zum Lunch in den "National Press Club" in Washington geladen. Nach dem Hauptgang musste sich der Vizepräsident harte Fragen der Journalisten gefallen lassen - über das Vermächtnis der Bush-Regierung. Doch Cheney, eine Hand in der Hosentasche, lehnte unbeeindruckt am Rednerpult. Er nutzte Hinweise auf die Vergangenheit als Schutz gegen jede Kritik an der Gegenwart.
Grabenkämpfe zwischen Demokraten und Republikanern? "Nichts im Vergleich zu den Jahren des 'Watergate'-Skandals." Frustration über den Irak-Krieg, geringe Rückendeckung für den Präsidenten? War schon mal schlimmer: Man müsse nur an Abraham Lincoln im US-Bürgerkrieg denken. Auch Lincoln habe unpopuläre Entscheidungen treffen müssen - ohne auf Meinungsumfragen zu schielen. Die seien heute ja so beliebt, ätzte Cheney.
Zufrieden beendete der Vizepräsident nach rund einer Stunde das Geschichtsseminar.
Auch Cheneys Chef pflegt derzeit gerne den Blick zurück. Seit Monaten streut George W. Bush immer häufiger historische Referenzen in seine Reden und Auftritte ein. So häufig, dass die "Washington Post" den Präsidenten schon "einen Zeitreisenden" nennt.
Gerade erst verglich Bush in der israelischen Knesset Verhandlungen mit Iran mit der Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Soldaten in North Carolina sagte er laut "Washington Post" im vorigen Monat: "Wenn die Geschichtsbücher geschrieben werden, werden sie zeigen, dass die Freiheit gesiegt hat." Bei zahlreichen Gelegenheiten verglich sich Bush mit Ex-Präsident Harry Truman, der nach dem umstrittenen Korea-Krieg in den fünfziger Jahren ähnlich unbeliebt war wie Bush heute. Schon länger kursieren Presseberichte, Bush lade regelmäßig Historiker diskret ins Weiße Haus - zur Debatte, wie einmal Geschichtsschreiber sein Vermächtnis bewerten werden. Diese Woche wird die Liste wohl ergänzt: Die Reise nach Europa bietet Bush eine ideale Bühne für rhetorische Geschichtsausflüge. In Deutschland wird Bush an den 60. Jahrestag der Berliner Luftbrücke und des Marshall-Plans erinnern. In Paris bietet eine große Afghanistan-Konferenz die Gelegenheit zu historischen Vergleichen.
Bush schielt im Schlussspurt seiner Präsidentschaft immer offener auf die Geschichtsbücher. Seine These: Historiker werden anders als die kritischen Zeitgenossen einst erkennen, wie richtig seine Entscheidungen waren. So lässt sich Kritik leicht aushebeln. "Er baut sein Vermächtnis um den Erfolg, dass es seit sieben Jahren keinen Terroranschlag auf amerikanischem Boden gegeben hat", sagte Victorino Matus vom konservativen "Weekly Standard" im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "In diesen Zusammenhang stellt er auch die Entscheidung zur Irak-Invasion. Es ist ein riskantes Vermächtnis, denn es könnte jederzeit widerlegt werden. Doch es erlaubt Bush die Hoffnung, dass Historiker seine Präsidentschaft einst positiver bewerten."
Zwiesprache mit den Ölgemälden der Vorgänger
Ungewöhnlich ist Bushs neues Geschichtsbewusstsein in der US-Präsidentengeschichte nicht. Einmal im Amt, haben sich die mächtigsten Männer der Welt stets um ihren Rang in der Geschichte gesorgt. John F. Kennedy hatte schon als Senator ein Buch über mutige Präsidentenentscheidungen geschrieben, das ihm einen Pulitzer-Preis einbrachte. Richard Nixon soll gerne respektvolle Zwiesprache mit den Ölgemälden seiner Vorgänger im Weißen Haus gehalten haben. Bill Clinton verbrachte ganze Nächte mit Diskussionen, wer der beste US-Präsident gewesen sei. George W. Bush selbst hat sich immer an die Amtszeit seines Vaters erinnert, der nach nur vier Jahren das Weiße Haus wieder verlassen musste - das sollte ihm auf keinen Fall passieren.
Doch viele von Bushs Vergleichen stoßen Historikern bitter auf. Etwa sein Hinweis auf andere unpopuläre Präsidenten wie Truman. Douglas Brinkley erinnerte in der "Washington Post" daran, wie dünn die Parallelen seien. Auch Truman war zwar daheim äußerst unbeliebt, doch er engagierte sich international für die Vereinten Nationen oder den Marshall-Plan. Bushs Ansehen ist hingegen weltweit wohl noch geringer als daheim. Seine Bereitschaft, das zu ändern, bleibt gering. Vor seiner Europa-Visite raunte der Präsident wieder über mögliche Angriffe auf Iran und verweigerte Kompromisse beim Klimaschutz. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass sich die historische Bewertung einer Präsidentschaft ändert. Kennedy, als strahlender Held gestorben, gilt im Rückblick als eher mäßiger Präsident. Nixon, nach dem "Watergate"-Skandal als Lügner aus dem Amt gejagt, erhält mittlerweile viel Anerkennung für seine außenpolitische Weitsicht. Doch Zeithistoriker bewerten Bush wenig gnädig. David Halberstam, legendärer US-Kriegsreporter, schrieb schon voriges Jahr in "Vanity Fair" über die historische Sichtweise des Weißen Hauses: "Präsident Bush lebt in einer Welt, die immer im Sommer 1945 verharrt - eine Welt, in der andere Nationen die USA bewundern oder bewundern sollten, und Amerika immer Recht hat und das Gute will. Der Rest der Welt muss das nur verstehen." Die historische Perspektive, so Halberstam, lehre normalerweise ja eher Zweifel und Demut.
Im Reinen mit sich selbst - trotz aller Kritik
Doch plagen Bush, der bislang öffentlich kaum Fehler eingestehen mochte, wirklich Zweifel? Andere Ex-Präsidenten mit durchwachsenen Arbeitszeugnissen - wie Jimmy Carter, Nixon oder Clinton - wirkten persönlich gemartert wegen der Versäumnisse ihrer Amtszeit. Sie bemühten sich unmittelbar nach deren Ende um die Korrektur ihres Vermächtnisses: Nixon durch das unermüdliche Verfassen von Büchern, Carter durch Friedensvermittlung in aller Welt, Clinton durch die Gründung einer Stiftung.
Bush hingegen wirkt laut Aussagen von Personen, die mit ihm zu tun haben, trotz aller Kritik an seiner Amtsführung nach wie vor mit sich selbst im Reinen. Viele Beobachter nehmen an, dass er sich bereits auf den Ruhestand freut. Als Bush in Gesprächen einen Journalisten für ein Buchprojekt voriges Jahr seltene Einblicke in sein Seelenleben gewährte, zeigte er zwar auch Interesse an Fragen, die erst Historiker lösen könnten - etwa ob Saddam Hussein anders auf Diplomatie reagiert haben könnte.
Doch seine Voraussagen für die eigene Zukunft hörten sich nicht nach intellektueller Nabelschau an: "Ich kann mir auch vorstellen", gab Bush zu Protokoll, "ins Auto zu steigen, mich zu langweilen - und zur Ranch zu fahren".
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Obwohl ich auf keinen Fall Bush mit den Nazis gleichsetzen will, erlaube ich mir dennoch den Kommentar: "Zukünftige Generationen werden mich verstehen" hat auch Hermann Göring im Nürnberger Gefängnis behauptet, [...] mehr...
Demokratisierung des nahen Ostens" wird nicht erreicht werden.Dieser Kulturkreis ist nicht mit unserem vergleichbar. Das muss auch nicht negativ sein.Geschichte,Kultur und Religion. Es könnte trotzdem ein Miteinander [...] mehr...
Rückblickend in 20 oder 30 Jahren diesen fragwürdigen Oberbefehlshaber der Streitkräfte einer scheidenden Weltmacht zu beurteilen, da wird die Schwierigkeit wohl vor allem darin liegen, die Veränderungen die er und seine Regierung [...] mehr...
Natürlich ist es immer eine Frage des Standorts wie und wer als guter oder schlechter Präsident später in denn Geschichtsbüchern auftauchen wird. Der noch amtierende,aber im Auslauf begriffene Bush,wird jedoch als [...] mehr...
Er hat sein Land der langfristigen Zielsetzung, den nahen Osten kontrollieren zu wollen ein Stück näher gebracht. Sollte es in den nächsten Jahren ein befriedeter, amerikafreundlicher Irak geben und das Öl-Zeitalter noch ein paar [...] mehr...
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