SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das Urteil des obersten US-Gerichtes?
Agnieszka Fryszman: Es ist ein großartiger Sieg. US-Präsident George W. Bush darf in Guantanamo nicht länger Menschen außerhalb des Gesetzes und der Verfassung festhalten - ohne Berücksichtigung ihrer Menschenrechte.
SPIEGEL ONLINE: Muss Guantanamo geschlossen werden?
Fryszman: Schwer vorauszusagen. Ich hoffe es, aber wir sind schon oft überrascht worden.
SPIEGEL ONLINE: Was geschieht mit den Häftlingen?
Fryszman: Sie haben ab sofort das Recht, ihre Inhaftierung vor einem regulären US-Bundesgericht anzufechten.
SPIEGEL ONLINE: In Guantanamo sitzen noch rund 270 Menschen ein. Gibt es jetzt eine Welle von Einsprüchen?
Fryszman: Ja, zumindest bei den 251 Insassen, die bisher noch nicht als "feindliche Kämpfer" angeklagt wurden. Und auf jeden Fall was meine Klienten in Guantanamo angeht.
SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das Urteil für Ihre Klienten?
Fryszman: Ich hatte ursprünglich drei Klienten in Guantanamo. Einer wurde kürzlich nach mehr als vier Jahren Haft entlassen und hat gerade geheiratet. Die anderen beiden spitzten weiter ein. Wir fordern jetzt natürlich sofort schnelle Anhörungen.
SPIEGEL ONLINE: Wo werden die stattfinden?
Fryszman: Vor einem US-Bezirksgericht in Washington, DC. Die meisten Guantanamo-Häftlinge haben vor diesem Gericht bereits Petitionen anhängig. Die lagen aber bis zum heutigen Urteil des Supreme Courts auf Eis. Jetzt können sie alle reaktiviert werden.
SPIEGEL ONLINE: Wann dürfte das geschehen?
Fryszman: So schnell wie möglich. Der Supreme Court hat die Gerichte ausdrücklich zur Eile gemahnt und gesagt, die Häftlinge dürften nicht länger warten. Wir selbst wollen das noch diese Woche in die Wege leiten.
SPIEGEL ONLINE: Nach welchen Kriterien wird das Schicksal der Häftlinge bestimmt?
Fryszman: Es liegt nun an den regulären US-Gerichten, den weiteren Verlauf zu entscheiden. Da gibt es eine Reihe von Kriterien. Zuerst muss geklärt werden, ob die Betroffenen tatsächlich als "feindliche Kämpfer" definiert werden können. Wenn das nicht der Fall ist, muss die weitere Faktenlage geklärt werden. Meine Klienten Ahmed Abdel Aziz (ein Mauretianer, der am 11. September 2001 in Pakistan verhaftet wurde, Anm .d. Red.) und Abdul Rabbani (ein Pakistaner) sind jedenfalls keine "feindlichen Kämpfer".
SPIEGEL ONLINE: Sie wurden bisher nicht angeklagt?
Fryszman: Nein. Auch mein früherer Klient Mohammed Al Amin (ebenfalls ein Mauretianer, der laut Amnesty International im April 2002 verhaftet wurde) nicht. Er wurde schon nach kurzer Zeit zur Freilassung freigegeben, saß dann aber trotzdem noch mehr als vier Jahre in Guantanamo. Es ist traurig: In der Zeit starb sein Vater.
SPIEGEL ONLINE: Ist dies das Ende der Debatte um Guantanamo?
Fryszman: Das Thema ist noch nicht zu Ende, das wird sicher noch weitergehen. Doch das Hauptargument für Guantanamo ist ein für allemal tot.
Die Interviews führte Marc Pitzke, New York
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