Von Marc Pitzke, New York
Und so wurden die sechs Männer - gegen den erklärten Willen des Gerichts - nicht freigelassen, sondern in Sarajewo direkt an wartende US-Soldaten übergeben. Überwacht habe diese Aktion, so Petritsch, der US-General John Sylvester, damals Kommandeur der internationalen Bosnien-Schutztruppe Sfor.
Den Männern seien "Kapuzen und Handschellen angelegt" worden, rekonstruierte ihre Anwältin Melissa Hoffer später. Man habe sie "in wartende Autos bugsiert", obwohl sich eine "große Menge versammelt" habe, "um ihre Festnahme zu verhindern". Vergeblich.
Augenzeugen sprachen von einer aufgebrachten Menge von rund 150 Menschen, die den Abtransport und die Auslieferung der Sechs an die Amerikaner blockieren wollten. Darunter auch entsetzte Familienmitglieder: "Ehefrauen versuchten noch, einen Blick auf ihre Männer zu erhaschen", so Hoffer. Es half nichts.
Endstation: Camp X-Ray in Guantanamo. Dort war Boumediene einer der ersten Häftlinge.
Die "Tipton Three" - drei Briten, die zur gleichen Zeit ebenfalls nach Guantanamo gekommen waren und 2004 freigelassen wurden - berichteten über das Leiden der "Algerian Six" in dem Lager. "Sie kamen fünf Tage nach uns an. Sie wurden besonders schlecht behandelt. Sie wurden alle zwei Stunden verlegt. Sie wurden stundenlang verhört. Ihnen wurden kurze Fußketten angelegt. Sie wurden des Schlafes beraubt."
Auch Anwältin Hoffer beschrieb diese Torturen unter Berufung auf ihre Klienten. Sie seien "regelmäßig gefoltert" worden, um "der Disziplin im Lager Nachdruck zu verleihen". Man habe die Häftlinge in ihrer "Menschlichkeit herabgewürdigt".
So sei Boumediene gleich nach seiner Ankunft in Guantanamo einem 13-tägigen "extremen Verhör" bei "fast völligem Schlafentzug" unterzogen worden. Seine Wächter hätten ihn misshandelt und gedroht, ihn nach Jordanien zu schicken, wo "sie ihn zum Reden bringen könnten", oder in ein US-Gefängnis, wo er vergewaltigt würde. Insgesamt habe Boumediene 100 bis 200 Verhöre durchlitten.
Diese Behauptungen werden durch einen Untersuchungsbericht der New Yorker Menschenrechtsgruppe Center for Constitutional Rights (CCR) im Detail bestätigt.
Heillose Verwirrung vor dem Militärtribunal
Im Oktober 2004 wurden die Männer erstmals einem Militärtribunal in Guantanamo vorgeführt. Die Protokolle, die kürzlich veröffentlicht wurden, zeugen von heilloser Verwirrung - auch auf Seiten der Militärs. "Wir haben keine Ahnung, wessen ihr beschuldigt werdet", sagte ein Offizier, dessen Name geschwärzt wurde, demzufolge. Die Männer blieben dennoch in Haft - nun offiziell zu "feindlichen Kämpfern" deklariert.
Im selben Jahr wurden sie von der bosnischen Staatsanwaltschaft von jeder Schuld entbunden. Im Februar 2005 schrieb der bosnische Ministerpräsident Adnan Terzic persönlich an US-Außenministerin Condoleezza Rice und bat um die Freilassung der Sechs. Rice lehnte ab: Die Männer "besitzen weiterhin wichtige Geheimdienstinformationen".
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Jedes Jahr wurden sie erneut einem Tribunal vorgeführt. Jedes Jahr wurde ihr Status bestätigt.
Eine Gruppe von US-Anwälten nahm sich der Männer an, unterstützt vom CCR und mehr als 500 Freiwilligen. Sie klagten auf das Recht der Häftlinge auf "habeas corpus", das Recht auf richterliche Haftprüfung. Der Fall kletterte durch die Instanzen, bis er schließlich im Juni 2007 am Obersten US-Gerichtshof landete, der ihn anfangs ablehnte, seine Haltung aber revidierte.
"Symbol für alles, was falsch ist am Kampf gegen den Terror"
Boumediene und seine Leidensgenossen seien in Guantanamo "in einem juristisch schwarzen Loch eingesperrt" gewesen, sagte Guantanamo-Anwalt Jonathan Hafetz SPIEGEL ONLINE. Er hat einen "amicus brief" - eine unterstützende Sachverständigeneingabe - für das Supreme-Court-Verfahren der Männer verfasst. Die Behandlung der Männer "sei ein Symbol für all das, was am amerikanischen Ansatz zur Terrorbekämpfung falsch ist".
Am 5. Dezember 2007 kam es vor dem Supreme Court zur mündlichen Verhandlung. Sie dauerte 80 Minuten. Beobachter gingen anschließend davon aus, dass das höchste Gericht die Klage ablehnen würde. Dann zogen sich die Bundesrichter zurück - bis gestern.
Lakhdar Boumediene darf nun vor einem ordentlichen US-Bezirksgericht in Washington gegen seinen weiteren Verbleib in Guantanamo Einspruch einlegen. Das Verfahren werde, sagte die Guantanamo-Anwältin Barbara Olshansky SPIEGEL ONLINE unter Tränen, "in den nächsten Tagen, spätestens nächste Woche ins Rollen kommen".
Dann wird Boumediene seinen 89. Haftmonat angetreten haben.
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