Berlin - Die EU soll sich um mehr Bürgernähe bemühen. Das fordert Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble nach dem Nein der Iren zum EU-Reformvertrag. Schäuble rief die europäische Gemeinschaft zu mehr Transparenz bei ihren Entscheidungen auf. "Die Menschen mögen einzelne Aspekte der Politik in Brüssel nicht, etwa weil sie nicht hinreichend transparent ist", sagte der CDU-Politiker der "Welt am Sonntag".
Als Weg für mehr Bürgernähe nannte Schäuble die Direktwahl des künftigen Ratspräsidenten: "Ich wäre dafür, dass wir eines Tages den Präsidenten des Europäischen Rats, diese künftige europäische Führungspersönlichkeit, in einer europäischen Wahl wählen."
Schäuble, der bereits 1994 ein Europa der zwei Geschwindigkeiten gefordert hatte, riet dazu, das irische Nein nicht überzubewerten. "Natürlich müssen wir die irische Abstimmung ernst nehmen. Aber es kann ja nicht sein, dass ein paar Millionen Iren für 495 Millionen Europäer die Entscheidung treffen. Zu sagen: Das Volk ist gegen die Europäische Einigung, ist Unsinn."
Schäuble sagte, es sei jetzt an den EU-Staats- und Regierungschefs, bei ihrem Gipfel am kommenden Wochenende in Brüssel eine Lösung für die Krise zu finden. "Ich bin ganz sicher, dass wir in Europa insgesamt eine klare Mehrheit für den Fortgang der europäischen Einigung haben."
Die Iren hatten am Donnerstag in einem Referendum gegen den EU-Reformvertrag von Lissabon gestimmt, der die gescheiterte EU-Verfassung ersetzen soll. Diese war 2005 bei Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden durchgefallen. Damit der Vertrag in Kraft treten kann, ist die Zustimmung aller Mitgliedsländer nötig. Bisher haben 18 der 27 EU-Staaten den Vertrag parlamentarisch ratifiziert. Irland hat als einziger Mitgliedstaat eine Volksabstimmung zum EU-Vertrag abgehalten, weil es dazu gemäß seiner Verfassung verpflichtet ist.
So wie Schäuble hält auch Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde den EU-Reformvertrag nicht grundsätzlich für gescheitert. Sie sei "absolut sicher", dass es einen neuen Vertrag oder eine andere Verständigung auf Reformen geben werde, sagte Lagarde auf einer Konferenz in Südkorea.
Zugleich betonte sie, dass die EU den Weg gemeinsam beschreiten werde. "Wir Europäer sind der Auffassung: Entweder alle oder keiner von uns." Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hatte angeregt, zu erwägen, den Weg der europäischen Integration vorübergehend ohne Irland zu gehen.
| Lissabon-Vertrag: Stand der Ratifizierung | |||
| Land | Verfahren | Datum | Status |
| Belgien | parlamentarisch | Juli 08 | offen |
| Bulgarien | parlamentarisch | 21.03.08 | ratifiziert |
| Dänemark | parlamentarisch | 24.04.08 | ratifiziert |
| Deutschland | parlamentarisch | 23.05.08 | angenommen v.Parlament, Ratifizierung durch Bundespräsident offen |
| Estland | parlamentarisch | 11.06.08 | ratifiziert |
| Finnland | parlamentarisch | 11.06.08 | ratifiziert |
| Frankreich | parlamentarisch | 14.02.08 | ratifiziert |
| Griechenland | parlamentarisch | 11.06.08 | ratifiziert |
| Großbritannien | parlamentarisch | 18.06.08 | offen |
| Irland | Referendum, Zustimmung d. Parlaments | 12.06.08 | abgelehnt |
| Italien | parlamentarisch | August 08 | offen |
| Lettland | parlamentarisch | 08.05.08 | ratifiziert |
| Litauen | parlamentarisch | 08.05.08 | ratifiziert |
| Luxemburg | parlamentarisch | 29.05.2008 | ratifiziert |
| Malta | parlamentarisch | 29.01.08 | ratifiziert |
| Niederlande | parlamentarisch | August 08 | offen |
| Österreich | parlamentarisch | 09.04.08 | ratifiziert |
| Polen | parlamentarisch | 02.04.08 | ratifiziert |
| Portugal | parlamentarisch | 23.04.08 | ratifiziert |
| Rumänien | parlamentarisch | 04.02.08 | ratifiziert |
| Schweden | parlamentarisch | Nov. 08 | offen |
| Slowakei | parlamentarisch | 10.04.08 | ratifiziert |
| Slowenien | parlamentarisch | 29.01.08 | ratifiziert |
| Spanien | parlamentarisch | Sept. 08 | offen |
| Tschechien | parlamentarisch | offen | offen |
| Ungarn | parlamentarisch | 17.12.07 | ratifiziert |
| Zypern | parlamentarisch | Juli 08 | offen |
wal/ddp/AFP/Reuters
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH