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22.06.2008
 

Umkämpftes Paradies Abchasien

Monaco auf Minen

Abchasien ist ein Paradies am Schwarzen Meer - umstritten ist, wem es gehört. Der Westen gönnt den Abchasen die Unabhängigkeit nicht. So treibt er sie in die Arme russischer Großmachtpolitiker. Uwe Klußmann besuchte ein Land, das keines sein darf.

Sukhumi - Dana Perino, 36, war nie in Abchasien, der international nicht anerkannten Republik an der Schwarzmeerküste. Aber die Sprecherin des Weißen Hauses in Washington weiß, was gut für die Abchasen wäre, nämlich "eine prosperierende Zukunft im Rahmen eines einigen, demokratischen Georgien".

Irakli Kischmaria, 20, lebt in Abchasien. Was Perino, bekannt als das schöne Gesicht von US-Präsident George Bush, vorschlägt, hält der Jura-Student aus der abchasischen Hauptstadt Sukhumi für gar keine gute Idee. Das Weiße Haus und den Küstenstreifen am Schwarzen Meer trennt ein Ozean, ein Kontinent und ein Graben von Unverständnis.

Kischmaria war sechs Jahre alt, als die Republik Abchasien sich eine Verfassung gab. Ein Jahr zuvor, 1993 hatte sich die Region in einem Krieg von Georgien losgesagt. Für junge Abchasen wie Kischmaria ist das im Weißen Haus beliebte "Georgia" ein fremdes, feindliches Land. "Abchasien soll ein Subjekt des internationalen Rechts werden", sagt der Nachwuchsjurist Kischmaria, und seine Kommilitonen stimmen ihm zu. Der Student beruft sich auf das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" und setzt auf den Präzedenzfall Kosovo.

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DER SPIEGEL

Kischmaria wünscht sich für sein etwa 200.000 Einwohner zählendes Heimatland "mehr Austausch mit Europa". Dabei geht sein Blick aufs Schwarze Meer, auf dessen Westufer schon zwei Länder der EU angehören, Bulgarien und Rumänien. Doch Europa ist weit für die Abchasen, solange die Trennung von Georgien nicht in eine rechtskräftige Scheidung verwandelt wird. Und das kann dauern, obwohl die Beziehung der beiden Völker längst zerrüttet ist.

Solange Europas Diplomaten Abchasien als Teil Georgiens betrachten, halten sich dessen Bewohner an den russischen Nachbarn. Die meisten Abchasen haben russische Pässe, der Rubel ist das Zahlungsmittel, russische Investitionen beginnen jetzt in das potentiell lukrative Tourismusgebiet zu fließen.

Der Zwergstaat hat sogar seine eigene Marine

Dass Russlands Elite bei dem Versuch, Abchasien in ein Protektorat zu verwandeln, eigennützige Interessen verfolgt, sehen viele Abchasen jedoch kritisch. Als der Kreml im Herbst 2004 versuchte, seinen Kandidaten zum abchasischen Präsidenten wählen zu lassen, scheiterte das Vorhaben an massivem Volkswiderstand.

"Wir sind keine Marionetten Moskaus", sagt der Schriftsteller Witalij Scharia, Chefredakteur des Wochenblattes "Echo Abchasiens". Die Zeitung spießt das Gehabe mancher russischer Investoren, die sich wie Hausherrn aufführen, ebenso auf wie die Manipulation des russischen Fernsehens durch den Kreml. Um in Moskau als TV- Journalist Erfolg zu haben, müsse man "die Nase im Wind halten", spottet Scharia in einer Kolumne.

Doch wenn es um die äußere Sicherheit ihrer kleinen Republik geht, setzen die Abchasen auf den Schulterschluss mit den Russen. Auf einem Militärgelände in Sukhumi stürmen junge Soldaten mit Kalaschnikow-Gewehren aus ihrer Unterkunft. Sie tragen russische Uniformen mit abchasischen Aufnähern. Die etwa 5000 Mann zählende Streitmacht mit rund 20.000 Reservisten setzt auf die Hilfe Moskaus, das verlauten ließ, es werde im Ernstfall "seine Staatsbürger verteidigen". Die Sezessionsrepublik, elf Mal so groß wie Hamburg, verfügt über Panzer, Artillerie, Luftwaffe und sogar eine kleine Marine.

Kriegsdrohungen aus Georgien

Georgiens wortgewaltiger Präsident Micheil Saakaschwili geißelt die Truppe als "illegale bewaffnete Formation" und tönt, es laufe bereits "der Countdown für die Rückkehr nach Abchasien". Saakaschwilis Vertrauter Kacha Lomaia, Sekretär des Sicherheitsrates, droht den abchasischen "Separatisten" gar mit "bewaffneten Zusammenstößen". Die Streitkräfte des De-facto-Staates nennt er "Aufständische".

Ihnen gegenüber steht die von amerikanischen Instrukteuren trainierte und mit US-Waffen aufgerüstete Armee Georgiens. Das Land drängt mit Unterstützung Washingtons in die Nato. Doch ohne Kontrolle über Abchasien kommt Georgien kaum in die Nato. Die subtropische Region ist zudem ist ein Terrain mit hohem Freizeitwert. In den Seebädern Gagra und Sukhumi unterhält das Moskauer Militär Erholungsheime aus der Sowjetzeit.

Der polnische Globetrotter Ryszard Kapuczinski beschrieb Abchasien mit seinen von Palmen gesäumten Stränden und schneebedeckten Bergen als "einen der schönsten Flecken der Erde, eine zweite Riviera, ein zweites Monaco". Es ist ein Monaco auf Minen, echten wie politischen.

Die Sprengminen aus dem georgisch-abschasischen Krieg der frühen neunziger Jahre räumt die britische Hilfsorganisation Halo-Trust, die politischen Minen sind derzeit kaum zu entschärfen.

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insgesamt 14 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
14.08.2008 von MediKussHD: Unabhängigkeit Abchasiens

Ich war 2002/2003 für über 6 Monate in Abchasien/Georgien und konnte sehr viele Eindrücke sammeln. Die Bevölkerung Abchasiens ist keinesfalls homogen, sondern besteht aus dutzenden verschiedenster Ethnien, die völlig [...] mehr...

14.08.2008 von helge-an: Was soll das

Was soll das, dass sich die USA hier aufspielt, der Anschluss an Georgien wird nie klappen. Man sollte als vernünftiger Mensch, dass akzeptieren was die Bevölkerung will und die wollen Unabhängigkeit. Das die Russen denn Einmarsch [...] mehr...

23.06.2008 von AlexN: Abchasien will zu Russland gehören

Die meisten Abchasen wollen einen Anschluss an Russland. Das wurde bereits in Referenden deutlich. Davon ist im Artikel jedoch keine Rede. Die Georgier haben die Abchasen immer als Menschen zweiter Klasse betrachtet und [...] mehr...

23.06.2008 von Hador: Tja....

Da bin ich mir nicht so sicher. Zumindest nach den letzten offiziellen Zahlen von 2003 setzt sich die Bevölkerung in Abchasien wie folgt zusammen: 94.000 Abchasen 46.000 Georgier 45.000 Armenier 23.000 Russen 1.500 [...] mehr...

23.06.2008 von dutchdisease: ...

also, die mehrheit der bevölkerung sind abchasen. das land ist ethnisch homogener als das kosovo - ich denke, darüber müssen wir nicht diskutieren. fast alle georgier sind während des bürgerkrieges geflüchtet. das ist ein [...] mehr...

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