Im Büro des abchasischen Verteidigungsministers Merab Kischmaria hängt ein Foto des russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew. Der bullige Afghanistan-Veteran mit russischem Pass droht für den Fall einer Invasion: "Wir werden bis zum letzten Abchasen kämpfen."
In diesem Geist wächst die Jugend des Küstenlandes auf. Die abchasische Fahne flattert ihnen voran, wenn uniformierte Schüler auf dem Platz vor einem Theater in Sukhumi marschieren. Enthusiastisch singen sie vaterländische Lieder und zeigen bei Übungen einer Jury des Generalstabes, was sie im vormilitärischen Schulunterricht gelernt haben.
Wettbewerbssieger ist ein Mädchentrupp. Die Schülerin Sabina Tsuschba, 15, hat ihren Vater nie kennengelernt, er fiel im Krieg gegen die Georgier. "Er starb, damit ich in einem freien Land aufwachsen kann", sagt sie stolz.
"Wir vergessen nicht"
Kämpferische Gesinnung hat auch die Universität Sukhumi durchdrungen, an der 3000 junge Abchasen studieren. Im Foyer der Uni mahnt eine große granitene Gedenktafel an das Opfer von 94 im Krieg gefallenen Studenten: "Wir vergessen nicht."
Das ist für Nara Amitschba selbstverständlich. Die Biologiestudentin will als Lehrerin arbeiten, "weil es an Lehrkräften mangelt". Trotz der Aussicht auf einen kargen Lohn will sie im Schuldienst "unserem Volke dienen" und hofft darauf, die Welt werde Abchasien irgendwann anerkennen. Patriotismus wird auch an der Historischen Fakultät der Uni Sukhumi großgeschrieben. Dort, so Dekan Alik Gabelia, lernen die Studenten vor allem "das Wichtigste, die Geschichte des abchasischen Volkes".
Die Abchasen, die schon im achten Jahrhundert nach Christi einen eigenen Staat gründeten, haben eine eigene Sprache und Schrift und sehen die Georgier als Fremdherrscher. Das Bergvolk fühlt sich verwandten Ethnien im russischen Nordkaukasus verbunden.
Der sowjetische Diktator Stalin verleibte die malerische Küstenprovinz 1931 seiner Heimatrepublik Georgien ein und ließ sie massiv mit Georgiern besiedeln. Aber schon die Volkssagen der Abchasen sind von rebellischem Geist geprägt: Da treibt ein Knecht beharrlich einen Landherrn zur Resignation, triumphiert ein Bauern über einen Fürsten, bringen Reiter dem Volk das Feuer der Drachen.
Russische Touristen ermöglichen langsamen Wiederaufbau
Zu einem Flächenbrand kam es in der Region, als der georgische Präsident Eduard Schewardnadse im August 1992 Truppen in Abchasien einmarschieren ließ. In einem Sezessionskrieg verjagten die Abchasen bis September 1993 die Besatzer, 2500 abchasische und 3700 georgische Soldaten starben. Auf beiden Seiten wurden Tausende von Zivilisten Opfer marodierender Trupps. Fast die gesamte georgische Bevölkerung Abchasiens, rund 250.000 Menschen, flüchtete nach Georgien. Nur einige Zehntausende von ihnen sind in den Bezirk Gali nach Abchasien zurückgekehrt.
Die Abchasen zahlen einen hohen Preis für ihren "Sieg gegen über die georgischen Okkupanten". Es war auch ein Sieg über Nachbarn, Kollegen und in manchen Fällen selbst über Brüder und Ehefrauen. Zwar ermöglichen wachsende Einnahmen durch russische Touristen den Abchasen jetzt, an der Küste Häuser und Hotels wieder aufzubauen. Doch eine internationale Blockade sorgt dafür, dass sich kein Passagierflugzeug dem Flughafen Sukhumi nähert. Im Hafen der 2500 Jahre alten Handelsstadt legt nur gelegentlich ein rostiger türkischer Kahn an, georgischen Küstenwachbooten entwischt.
60 Kilometer landeinwärts, im Zentrum der Bergarbeiterstadt Tkwartscheli säumen ausgebrannte Ruinen die von tiefen Schlaglöchern übersäte Hauptstraße. In der Stadt, in der einst 20.000 Menschen lebten, hausen jetzt noch kaum mehr als 4000. Arbeit haben nur wenige, etwa die 50 Beschäftigten in der von Fliegerbomben verwüsteten Fabrik Sarja. Dort stellen Arbeiter an sowjetischen Werkbänken von Hand Revolver mit hölzernen Griffen her, für Polizei und Sicherheitsdienst. Sie verdienen umgerechnet rund 80 Euro im Monat. Wer zu Fabrikdirektor Wachtang Chartschilawa will, muss sich auf einem von nackten Glühbirnen schwach beleuchteten Flur durch Pfützen einen Weg ins Direktorenzimmer bahnen. Es regnet durchs Dach.
In seinem Arbeitszimmer scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, als die UdSSR 1991 zerfiel. Die neuesten Bücher im Regal sind eine Sammlung sowjetischer Gesetze. Trotz der Misere hält auch der hagere Direktor nichts von den Ratschlägen aus den USA, sich dem nur 20 Kilometer entfernten Georgien anzuschließen. Er sagt: "Unsere Staatlichkeit ist tausend Jahre älter als die der Vereinigten Staaten. Bei uns ist es nicht üblich, dass die Jüngeren die Älteren belehren."
Verschanzte Friedenstruppen
Zum Schutz gegen Amerikas georgische Partner stehen russische Friedenstruppen einige Kilometer nördlich von Tkwartscheli beim Dorf Akamara auf Posten. Verschanzt in einer zweigeschossigen Ruine hinter einer Mauer aus Betonblöcken und Sandsäcken haben sie die russische Trikolore gehisst.
Hier, umgeben von oft wolkenverhangenen Bergen nahe der Grenze zu Georgien, kann sich das Wetter so schnell ändern wie die Sicherheitslage. Ein junger Offizier kontrolliert misstrauisch Fahrzeuge und Dokumente. Die 2500 Mann starke Truppe, von Russland kürzlich ohne Absprache mit Tiflis um einige hundert Mann aufgestockt, hat ein Mandat der Staatengemeinschaft GUS, das von der Uno unterstützt wird. Sie macht einen gefährlichen Job. Seit 1994 starben mehr als hundert Soldaten der Friedenstruppe im Dienst, 300 wurden verletzt.
Die Abchasen sehen die Russen als Schutzmacht, die Georgier empfinden sie als Werkzeug einer schleichenden Annexion. Vieles spricht dafür, dass die russischen Soldaten noch lange dort sein werden. Denn ohne Zustimmung der Abchasen ist an einen Abzug der Friedenstruppe nicht zu denken. Während Georgiens Staatschef Saakaschwili sich einen baldigen Rückzug der Russen wünscht, hält der abchasische Präsident Sergej Bagapsch das für "völlig ausgeschlossen und nicht verhandelbar".
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