Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt
Die Auswirkungen der allgemeinen Verunsicherung sind nicht nur an den Auswanderungszahlen ablesbar. Der Wirtschaftsteil der angesehenen Tageszeitung "Cape Times" erschien Anfang Juni mit der knalligen Überschrift "Hauspreise vor dem freien Fall". "Die Kombination von verzweifelten Verkäufern, weniger Käufern und zunehmend vorsichtigeren Banken könnte den Markt knacken", analysierte das Blatt. Immobilienmakler geben an, die Verkaufszahlen seien Anfang 2008 um 30 Prozent abgesackt. In den vergangenen elf Jahren seien die Preise nie so schnell verfallen.
Das Wirtschaftswachstum, sonst immer stabil zwischen fünf und sechs Prozent, liegt in diesem Frühjahr nur noch knapp über zwei Prozent. Die Verbraucherpreise sind explodiert, der Randkurs ist im Keller. Jeden Monat kommen 2000 Immobilien unter den Hammer. Martin Feinstein, Vorstandsmitglied in einer südafrikanischen Mittelstandsvereinigung, prophezeit: "Die kommenden 18 bis 24 Monate werden für die kleinen und mittleren Unternehmen die Hölle."
Der Wirtschaftsexperte Mike Schussler warnt: "Es wird noch viel schlimmer, bevor es wieder besser wird. Es ist schwer vorherzusagen, wie schlimm es wird und wie lange es dauern wird." Gerade hat die internationale Rating-Agentur Finch Südafrika wegen der unsicheren politischen und wirtschaftlichen Lage herabgestuft.
"Wir haben versagt"
Selbst Präsidentenbruder Moeletsi Mbeki fragt entsetzt: "Warum halten wir diesen Niedergang unserer Nation nicht auf?" 14 Jahre nach dem Ende der Apartheid sagt jeder fünfte Südafrikaner, dass er zu arm sei, um sich ausreichend zu ernähren. Bei den Schwarzen gibt ein Drittel an, sie hätten nicht genügend Lebensmittel, um über die Runden zu kommen. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger ist in diesem Jahr um zwei Millionen gestiegen. Insgesamt beziehen 12,8 Millionen der knapp 50 Millionen Südafrikaner staatliche Unterstützung. Der Vorsitzende der südafrikanischen Entwicklungsbank und frühere Minister Jay Naidoo kommt zu dem bitteren Fazit: "Wir haben als Führer in den Townships, in den Organisationen, als Regierung und als Gesellschaft versagt."
Die Versuche der Regierung, das Ruder herumzureißen, muten eher hilflos an. So sollen zum Beispiel Ingenieure und Architekten aus Kuba und Ärzte aus Tunesien die Lücken schließen, die durch die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte gerissen worden sind. Energiemonopolist Escom, dem scharenweise die Experten davongelaufen sind, sucht auf dem internationalen Mark verzweifelt nach Ersatz. Unter anderem sollen 200 in Ruhestand befindliche deutsche Techniker angeworben werden, um in der Provinz Ost-Kap die maroden Kraftwerke wieder auf Vordermann zu bringen. Die frühere Frau Nelson Mandelas, Winnie Mandela, sagt angesichts des wirtschaftlichen und sozialen Desasters ihres Landes: "Die Realität beginnt, uns einzuholen."
Magisches Datum 2010
Doch selbst der schärfste Kritiker von Staatspräsident Thabo Mbeki, sein Bruder Moeletsi, entwirft noch immer eine positive Zukunftsperspektive für Südafrika. Eine Präsidentschaft Jacob Zuma könne durchaus eine Wendung zum Besseren bringen, "weil die gegenwärtige Regierung keine gute Wirtschaftspolitik macht".
Der Unternehmer und politische Analytiker setzt auf die Stärken und das Potenzial seines Landes: Seinen Rohstoffreichtum, seine diversifizierte und erfolgreiche Wirtschaft, seine touristische Attraktivität, die funktionierende Demokratie mit einem funktionierenden Rechtssystem, die Unabhängigkeit der Medien und eine lebendigen Opposition, die Weltklasse-Universitäten und Forschungseinrichtungen.
Moeletsi Mbekis Hoffnungen ruhen aber vor allem auf der Zivilgesellschaft Südafrikas, die in den Mai-Unruhen ihre Stärke gezeigt habe, "indem sie den Job übernahm, den eigentlich die Regierung hätte machen müssen".
Alle Hoffnungen richten sich nun auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Wie eine magische Zahl ist dieses Datum. Auch Susan B. will erst mal abwarten. Die junge Deutsche ist vor drei Jahren ans Kap gekommen. Sie sagt: "Natürlich ist alles teurer geworden, natürlich macht mir die Kriminalität Angst. Aber ich laufe nicht einfach davon. Dazu ist dieses Land zu schön, dafür sind auch seine Menschen zu liebenswert."
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