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29.06.2008
 

Gefangenenaustausch

Warum Israel einen hohen Preis für zwei tote Soldaten zahlt

Von Ulrike Putz, Beirut

Für die Rückgabe von zwei verschleppten und vermutlich toten Soldaten lässt Israel einen Top-Terroristen frei. Die Regierung Olmert folgt damit der selbstauferlegten Verpflichtung, jeden Mann nach Hause zu holen - der Austausch ist ein neuer Erfolg deutscher Schattendiplomatie in Nahost.

Drei Stunden dauerten die Beratungen der israelischen Regierung hinter verschlossenen Türen. Dann stand fest: Sie wird den Gefangenenaustausch mit der Hisbollah akzeptieren, sie ist bereit, für die Heimkehr der im Sommer 2006 entführten Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser einen hohen Preis zu zahlen - und: Die beiden Verschleppten sind Ministerpräsident Ehud Olmert zufolge tot.

Entführte Soldaten Regev (l.) und Goldwasser: Olmert bestätigte ihren Tod
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AP

Entführte Soldaten Regev (l.) und Goldwasser: Olmert bestätigte ihren Tod

Zwei Jahre lang hatte die israelische Bevölkerung gehofft, dass Regev und Goldwasser noch am Leben seien. Erst als die Regierung in den Deal mit der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah einwilligte, wurde aus den seit Monaten kursierenden Gerüchten über ihren Tod traurige Gewissheit.

Israel erhält dem Deal zufolge also zwei tote Angehörige seiner Streitkräfte zurück - und im Gegenzug darf unter anderem ein Top-Terrorist in den Libanon zurückkehren: Samir Kuntar, der seit 28 Jahren in israelischer Haft sitzt. Der Libanese war 1979 mit einem Kommandotrupp per Boot nach Israel eingedrungen und hatte dort einen Israeli, dessen vierjährige Tochter und zwei Polizisten getötet. Für seine Verbrechen, die er nie bereut hat, wurde er zu 542 Jahren Haft verurteilt. Bisher hatte Israel seine Auslieferung stets verweigert.

Die erste Phase des Deals sieht vor, dass Israel vier Hisbollah-Kämpfer freilässt, den Radikal-Islamisten zehn Leichen getöteter Kämpfer aushändigt und Karten der von israelischen Soldaten im Südlibanon angelegten Minenfelder übergibt. Im Gegenzug wird die Hisbollah Israel einen Bericht übermitteln, was sie über das Schicksal des 1986 über dem Libanon abgeschossenen und seitdem als vermisst geltenden Kampfjet-Piloten Ron Arad weiß.

Bis zuletzt hatten sich in Israel sowohl der Auslands- als auch der Inlandsgeheimdienst gegen den von Deutschland im Namen der Uno eingefädelten Deal ausgesprochen. Sie warnten vor möglichen Nachahmern: Der Handel sei ein Sieg für die Hisbollah und werde zu weiteren Geiselnahmen führen, mit denen Milizen Gefangene aus israelischer Haft zu erpressen versuchen könnten.

Dennoch stimmten nur drei der 25 Minister der Regierung Olmert gegen den Austausch. Der Ehrenkodex, wonach Israel alles tut, um seine Soldaten – ob tot oder lebendig - nach Hause zu holen, zählte mehr als die Bedenken. Nicht nur ihre Angehörigen hatten sich um Regev und Goldwasser gesorgt. Zwei Jahre lang verfolgte ganz Israel das Schicksal der beiden Reservisten: Wie die Gefangennahme den 34 Tage währenden Krieg zwischen Israel und der Hisbollah auslöste, in dessen Verlauf mehr als 1200 Libanesen und 157 Israelis starben. Wie ein jahrelanges Geschacher um einen Austausch der beiden Soldaten gegen von Israel gefangene Libanesen begann. Und wie dabei die Hoffnung, dass Goldwasser und Regev am Leben seien, immer weiter schwand.

BND-Mann "Mr. Hisbollah" fädelte den Deal ein

In Israel, wo Männer und Frauen Militärdienst leisten müssen, beschäftigte das Schicksal der beiden Soldaten nahezu jede Familie. "Es hätte auch unseren Sohn oder Ehemann treffen können", war das vorherrschende Gefühl in der Bevölkerung, das die Politiker antrieb, Ergebnisse zu präsentieren.

Die militärische und politische Führung Israels dürfte nun gefragt werden, warum sie ihr Wissen um den Tod der beiden Soldaten nicht schon vorher mitgeteilt hat, und sei es nur den Angehörigen. Die Familien Goldwasser und Regev warteten am Sonntag vor dem Jerusalemer Regierungsgebäude auf dem Kantstein sitzend auf das Ergebnis der Kabinettssitzung, als sie durch Reporter davon erfuhren, dass Olmert die beiden Minuten zuvor für tot erklärt hatte. Sie zeigten sich erleichtert, endlich Gewissheit zu haben, waren aber sehr befremdet über den Informationsstil ihrer Regierung.

In Berlin dürfte die Nachricht aus Jerusalem mit großer Erleichterung aufgenommen worden sein: Denn es war ein Nahost-Spezialist des Bundesnachrichtendienstes (BND), der den Deal im Auftrag der Uno aushandelte. Zwei Jahre mühseliger Pendeldiplomatie nahm Gerhard C. auf sich, dann war der Handel unterschriftsreif. Der Austausch ist ein weiterer Erfolg der deutschen Nahost-Politik, deren Unterhändler sich dank Diskretion und Effizienz über Jahre hinweg das Vertrauen der Konfliktparteien erarbeitet haben. Gerhard C., der schon beim vorherigen großen Austausch 2004 die zentrale Rolle spielte, bewies auch diesmal langen Atem. "Mr. Hisbollah" wird der fließend Arabisch sprechende Geheimdienstmann in der Branche genannt.

Das Lob für den von C. ausgetüftelten Plan werden wie schon bei vorherigen Deals andere einstreichen, etwa Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Goldwassers Mutter aber hatte ihm in einem vor der entscheidenden Kabinettssitzung veröffentlichten Brief indirekt gedankt: Sollte der Deal im letzten Moment an Jerusalem scheitern, wäre das ein Affront nicht nur gegen die Länder, um deren Hilfe Israel in diesem Fall gebeten habe. Auch dem Mann, der der Heimkehr ihres Sohnes "zwei Jahre seines Lebens" gewidmet habe, sei Israel die Zustimmung zu dem Abkommen schuldig, deutete Goldwasser an.

Wann und wo die Übergabe stattfinden wird, war am Sonntag noch unklar. Beobachter erwarten einen Termin in den kommenden zwei Wochen, als Ort ist ein deutscher Flughafen im Gespräch. Schon der Großaustausch 2004 hatte auf einem Rollfeld des Bundeswehr-Fliegerhorsts Köln-Wahn stattgefunden.

Ebenfalls unklar ist, wie die zweite Phase des Deals aussieht. Die Hisbollah hat in den vergangenen Monaten darauf bestanden, dass Israel als Teil des Abkommens auch eine größere Zahl palästinensischer Kämpfer aus seinen Gefängnissen entlässt. Zuletzt war von einigen Dutzend die Rede.

Genugtuung bei der Hisbollah

Israel hatte sich gegen die Forderung gesperrt, weil sie die Hisbollah damit zu einem gewichtigen politischen Gegenspieler macht: Die "Partei Gottes" ist so mächtig, dass sie sich sogar für die Belange anderer erfolgreich einsetzen kann. Dies ist eine Deutung, die die Israelis auf jeden Fall vermeiden wollten und an dem der Handel in den vergangenen Wochen schon einmal gescheitert war.

Worauf man sich nun geeinigt hat, ist noch nicht bekannt. Beobachter gingen im Vorfeld davon aus, dass die Israelis vor allem eine längere Pause zwischen Teil eins und zwei des Deals verlangen. Denn kommen die Palästinenser erst frei, wenn die Erinnerung an den ersten Austausch schon verblasst ist, könnte Israel das als humanitäre Geste verkaufen, ehe sich die Hisbollah mit den Lorbeeren schmückt.

Die Hisbollah nahm die Nachrichten aus Jerusalem mit großer Genugtuung auf. Ihr Fernsehsender al-Manar begann eine stundenlange Themensendung und zitierte ein Mitglied des Obersten Rates der Schiitenmiliz. Der Mann verkündete, der Handel sei Beweis für die Stärke der Hisbollah. Auch die Familie Samir Kuntars sprach von einem Sieg für die "Partei Gottes".

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