Samstag, 21. November 2009

Politik



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01.07.2008
 

Afghanistan

Taliban fordern westliche Truppen mit neuer Taktik heraus

Sie kommen in kleinen Gruppen, benutzen tückische Sprengfallen: Die Taliban setzen die Truppen in Afghanistan mit neuen Methoden unter Druck. Auch die Bundeswehr muss reagieren, sie stellt ab jetzt die Eingreiftruppe im Land. Videoaufnahmen zeigen, wie die deutschen Soldaten für den Ernstfall trainieren.

Kabul/Bagdad - Zum Einstand gab es stundenlange Gefechtsübungen bei über 40 Grad im Schatten: Seit dem heutigen Dienstag ist die Quick Reaction Force (QRF), die schnelle Eingreiftruppe der Bundeswehr, am Hindukusch im Einsatz. Am gestrigen Morgen nahmen die Soldaten die Arbeit mit ihrem ersten Kampfverband für die Isaf im Norden des Landes auf. Am Montag hatten die etwa 200 Soldaten im Feldlager Masar-i-Scharif das Kommando von den Norwegern übernommen.

"Die Soldaten haben bewiesen, dass sie auch einen Kampfeinsatz bestehen würden", sagte der Regionalkommandeur Nord, der deutsche General Dieter Dammjacob. Die Truppe habe am ersten Tag in Afghanistan ihre Leistungsfähigkeit "auch am oberen Ende der Eskalationsskala" bewiesen.

Taliban (in Pakistan): Im Grenzgebiet zu Afghanistan agieren die Rebellen immer aggressiver
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AFP

Taliban (in Pakistan): Im Grenzgebiet zu Afghanistan agieren die Rebellen immer aggressiver

Etwa 150 Kilometer weiter östlich gab es keine Übung, sondern den Ernstfall: In Kundus verübten Rebellen fast zeitgleich einen Anschlag auf die Bundeswehr. Drei Soldaten wurden verletzt, hieß es aus dem Verteidigungsministerium in Berlin, der Sprengsatz zerfetzte einen Panzerspähwagen vom Typ "Fennek".

Der aktuelle Anschlag ist trotz der Verletzten noch einer der harmloseren Zwischenfälle im Land am Hindukusch - denn die Taliban treten zunehmend aggressiver auf, agieren immer schneller und immer besser vernetzt.

Der deutsche Stabschefs im Hauptquartier der Afghanistan-Schutztruppe Isaf, Hans-Lothar Domröse, hält angesichts der optimierten Taliban-Taktik neue Reaktionen der internationalen Soldaten und der Regierung in Kabul für erforderlich. Die Taliban arbeiteten verstärkt in kleinen Gruppen, die die Feldlager der Bundeswehr unter Feuer nähmen, sagte der Generalmajor am Dienstag im Deutschlandradio Kultur.

"Das verbreitet ein Gefühl der Unsicherheit in Afghanistan. Das ist eine neue Herausforderung für die afghanische Regierung, aber auch für die Isaf-Soldaten.", sagte Domröse. Auch die unauffälligen, hochexplosiven Sprengfallen auf den Straßen, die die Taliban für Militärfahrzeug auslegten, seien ein Problem.

"Dass Soldaten angesprengt werden, das ist die neue Taktik der Taliban", sagte Domröse weiter, "mit dieser Gefahr müssen die Soldaten der schnellen Eingreiftruppe grundsätzlich umgehen - das ist kein Spaziergang."

Videoaufnahmen von SPIEGEL TV zeigen, wie deutsche Soldaten für den Ernstfall trainieren (siehe Video links).

Auch Statistiken über die Opferzahlen vergangener Gefechte zeigen, dass Afghanistan offenbar zum neuen Hauptproblem der US-geführten Militäreinsätze wird. In den vergangenen Monaten hatten erstmals mehr Soldaten der Nato- oder US-Truppen in Afghanistan ihr Leben gelassen, als im Irak.

US-Verteidigungsministerium: "Mehr bemühen"

Aus dem US-Verteidigungsministerium kamen am Dienstag zunächst bekräftigende Worte: Daniel P. Fata, stellvertretender Unterstaatssekretär im Ministerium sagte, Isaf und afghanische Armee seien den Herausforderungen des Landes gewachsen. Die heimische Armee werde mit jedem Tag einsatzfähiger. Dennoch müsse man sich noch mehr bemühen, das von Rebellen durchsetzte Grenzgebiet zu kontrollieren, mahnte Fata.

Koalitionstruppen töteten am Dienstag nach eigenen Angaben in der ostafghanischen Provinz Chost 33 radikalislamische Aufständische. Luftaufklärer der Koalitionstruppen hätten die Rebellen am Vortag identifiziert, die mit schweren Maschinengewehren und Panzerfäusten bewaffnet gewesen seien, hieß es. Die Aufständischen seien daraufhin mit Kampfhubschraubern angegriffen und bombardiert worden. Auch die Bundeswehr fliegt mit ihren Tornado-Jets in Afghanistan Luftaufklärung, allerdings ausschließlich für Isaf, nicht für die Koalitionstruppen.

WAS AUF DIE BUNDESWEHR IN AFGHANISTAN ZUKOMMT

Schutz der eigenen Truppen

Nothilfe für Truppen im gesamten Norden Afghanistans ist die oberste Aufgabe der Schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force, QRF) mit Basis in Masar-i-Sharif. Für die Bundeswehr heißt dies: Selbstverteidigung gegen die radikalislamischen Taliban und andere Angreifer. Denn die Bundeswehr hat das Regionalkommando Nord der Nato-geführten Isaf-Schutztruppe. Derzeit stellt Norwegen die Eingreiftruppe. Dessen Soldaten soll Deutschland zur Jahresmitte ersetzen, da kein anderer Nato-Partner bereit stand.

Zahl der Soldaten

Fahndung nach Terroristen

Erhöhte Gefährdung

Hilfsorganisationen warnen vor Hungerkatastrophe

Unterdessen bahnt sich im Norden des Landes nach Einschätzung von Hilfsorganisationen eine Hungerkatastrophe an. In der Hälfte der 34 Provinzen sei der für die Aussaat wichtige Regen im Frühjahr fast vollständig ausgeblieben, teilte die Welthungerhilfe mit. Die Bauern müssten ihre Tiere verkaufen, weil für sie kein Wasser und Futter mehr zur Verfügung stehe.

Auch die Vorräte sind den Angaben zufolge nach einem extrem harten Winter bereits aufgebraucht. "Die Felder und Weiden sind leer, es gibt hier nichts mehr", sagte Uwe Hermann, Projektleiter der Welthungerhilfe in der Provinz Jovzjan.

Die weltweit angestiegenen Nahrungsmittelpreise verschärften zudem das Problem, weil die Menschen kein Geld hätten, um den teuren Weizen zu bezahlen. "Wenn wir diesen Menschen in den kommenden Wochen nicht helfen, wird es im Winter Hungertote geben, denn die nächste Ernte gibt es erst im Frühjahr 2009", warnte Hermann.

Die Temperaturen sind bei ausbleibendem Regen seit April auf 45 Grad gestiegen. Besonders betroffen sind laut Hilfsorganisation die Provinzen Jovzjan und Faryab. Viele Familien schickten männliche Angehörige nach Pakistan oder nach Iran, um dort Arbeit zu finden und Geld für die Zurückgebliebenen zu schicken, heißt es weiter.

300.000 Euro aus Berlin

Aus Deutschland kam am Dienstag ein Signal für den Wideraufbau: Berlin sicherte mehr Unterstützung für den Aufbau der Justiz in Afghanistan zu. Dafür werden zusätzlich 300.000 Euro bereitgestellt, teilte das Auswärtige Amt (AA) mit. Der Aufbau eines transparenten und flächendeckenden Justizsystems bleibe "eine der großen Herausforderungen", erklärte das AA. Die Bundesregierung sei "entschlossen, im Rahmen der Intensivierung des zivilen Wiederaufbaus auch im Bereich Justiz und Menschenrechte zusätzliche Schwerpunkte zu setzen." Deutschland beteiligt sich unter anderem an Maßnahmen zur Richterfortbildung und Ausbildung von Strafverteidigern.

Auf der Pariser Afghanistan-Konferenz im Juni hatte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) eine deutlich erhöhte deutsche zivile Aufbauhilfe von jährlich 140 Millionen Euro bis zum Jahr 2010 angekündigt. Das zivile Gesamtengagement Deutschlands beträgt damit nach Angaben des AA bis zum Jahr 2010 mehr als eine Milliarde Euro.

amz/dpa/AP/AFP

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