Comeback der Reaktoren
Aufbruch ins neue Atomzeitalter
Von Michael Sauga
Deutschland diskutiert noch über den Ausstieg aus dem Atomausstieg - der Rest der Welt setzt schon jetzt hemmungslos auf die Nukleartechnik. Für die einen sind die Reaktoren bloß das kleinere Übel, für andere die Öko-Revolution: SPIEGEL ONLINE über ein strahlendes Comeback von der Schweiz bis China.
Berlin - Sie galt als riskant, gefährlich und unwirtschaftlich. Keine zehn Jahre ist es her, dass die Atomenergie weltweit als Auslaufmodell gehandelt wurde.
AFP
Britische Wiederaufbereitungsanlage Sellafield: vom Auslaufmodell zum neuen Trend?
Nach der verheerenden Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mochte kaum noch ein Land auf die Nukleartechnik setzen, und nicht einmal die Energiekonzerne selbst gaben dem Atomstrom eine Zukunft. Jahrelang wurden in Nordamerika und Westeuropa keine neuen Meiler mehr ans Netz gebracht.
Im neuen SPIEGEL 28/2008:
Atomkraft?
Das unheimliche Comeback
Heute erlebt die unheimliche Technologie, die noch immer so unpopulär ist wie kaum eine andere, ein unerwartetes Comeback. Weltweit werden derzeit 36 neue Reaktoren gebaut, weitere 81 sind im Entwurfsstadium. Und was hierzulande besondere Aufmerksamkeit erregt: Neue Atomanlagen werden nicht nur in den Schwellenländern Asiens und Osteuropas geplant, sondern auch wieder in den USA oder Großbritannien.
Es sind gleich zwei fundamentale Entwicklungen, die das Comeback der Kernenergie befördern. Der internationale Kampf gegen den Klimawandel begünstigt jene Stromerzeugungstechnologien, bei denen vergleichsweise wenig Kohlendioxid freigesetzt wird. Atomreaktoren gehören dazu, geben sie doch nur einen Bruchteil jener CO2-Mengen an die Umgebung ab, die beispielsweise beim Betrieb eines Kohlekraftwerks anfallen.
Was die Kernenergie zusätzlich befördert, sind die steigenden Ölpreise. Bis vor kurzem galt es als besonders wirtschaftlich, Strom in kleinen und flexiblen Gaskraftwerken zu erzeugen. Gas war vergleichsweise billig, und der Bau einer entsprechenden Anlage kostete deutlich weniger als die Errichtung eines Kernkraftwerkes.
Seit Monaten aber schnellen mit den Ölpreisen auch die Gasnotierungen in die Höhe, und den westlichen Nationen wird immer bewusster, dass die weltweiten Gasreserven vor allem in Ländern liegen, die politisch nicht unbedingt zu den stabilsten der Erde zählen, wie Libyen oder Russland. Wer auf Kernkraft verzichtet, fürchten inzwischen viele westliche Politiker, liefert sich möglicherweise allzu sehr der Willkür von Diktatoren oder Autokraten aus.
Angesichts der veränderten Lage auf den Energiemärkten erscheint vielen die Kernenergie nun wieder als das kleinere Übel.
Sieben Beispiele für das weltweite Comeback der Atomkraft:
Atommeiler nach dem FertighausprinzipIn den USA feiert die Atomlobby ein furioses Comeback. Seit 1979 wurde hier kein neuer Reaktor mehr gebaut - der Störfall von Harrisburg hatte den Amerikanern 1979 die Lust an der Kernkraft verdorben. Doch das Trauma scheint überwunden.
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Erdbebenland auf Atomkurs Die Türkei steht vor dem Einstieg in die Kernenergie: Bis Jahresende will der EU-Beitrittskandidat seine ersten beiden Kraftwerke bauen, um sich von Russland und Iran unabhängig zu machen. Doch die Atompläne in der Erdbebenregion sind hoch riskant.
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Das Volk muss sich entscheidenDie Schweiz stockt auf - von bislang fünf auf acht Atomkraftwerke. Noch ist der Widerstand gegen die neuen Reaktoren gering: Die Schweizer finden Gefallen an der Kernkraft.
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Renaissance der ReaktorenJahrelang galt Kernenergie in Großbritannien nur als "unattraktive Option", der Atomausstieg war eigentlich beschlossene Sache. Doch angesichts immer neuer Ölpreis-Rekorde denkt die britische Regierung um - und preist Kernkraft als ökologische Alternative.
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Monolog der AtommachtSelbstbewusst und höchst ambitioniert gibt sich Russland bei seiner Atompolitik. Doch Experten warnen vor zu hohen Erwartungen. Es mangelt an Fachpersonal, Endlagerkapazität und Sicherheitsstandards.
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Archipel der Atom- SeligenKaum ein Land setzt so sehr auf Kernkraft wie Japan. Der Inselstaat bezieht einen großen Teil seiner Energie aus Atommeilern. Auch zahlreiche Pannen und die permanente Erdbebengefahr halten die Japaner nicht vom teuren Ausbau der Atomanlagen ab.
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Energischer EinsteigerChinas Führung gibt sich bei ihrer Atompolitik kompromisslos. Das Riesenreich forciert den Ausbau der Kernenergie wie nur wenige Länder sonst. Eine Debatte um die Folgen der Atomexpansion gibt es nicht.
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