• Drucken
  • Senden
  • Feedback
09.07.2008
 

Entführung in der Türkei

Deutsche Behörden gehen von Racheakt aus

Für Touristen könnte es gefährlich werden in der Osttürkei. Das Auswärtige Amt geht davon aus, dass die drei entführten Deutschen Opfer eines Racheaktes der PKK geworden sind - wegen des von Innenminister Schäuble verhängten Verbots des kurdischen Senders Roj-TV.

Ankara/Berlin - Die Warnungen des Auswärtigen Amtes galten für ein anderes Gebiet, und doch schlugen die Entführer zu: In der Osttürkei haben mutmaßliche PKK-Rebellen drei Bergsteiger aus Bayern in ihre Gewalt gebracht. Die Angehörigen einer 13-köpfigen Reisegruppe wurden am Dienstagabend auf dem Berg Ararat verschleppt, wie türkische und deutsche Behörden am heutigen Mittwoch berichteten. Hintergrund ist vermutlich der Protest gegen das Vorgehen deutscher Behörden gegen die Anhänger der kurdischen Arbeiterpartei. Der Gouverneur der Provinz Agri, Mehmet Cetin, sagte SPIEGEL ONLINE, die Entführer hätten angekündigt, die Deutschen bald wieder freizulassen.

Touristenziel Berg Ararat: Auswärtiges Amt warnt vor Gewalttaten der PKK
DPA

Touristenziel Berg Ararat: Auswärtiges Amt warnt vor Gewalttaten der PKK

Das Auswärtige Amt in Berlin berief seinen Krisenstab ein, die Bundesanwaltschaft leitete ein Strafverfahren ein. Die drei Männer im Alter von 65, 47 und 33 Jahren stammen aus Ober- und Niederbayern und waren mit einer Gruppe des Reiseveranstalters SEB-Tours bei einer Ararat-Besteigung. Sie sollen aus Ingolstadt, Freilassing und Kelheim stammen. Am Dienstagabend wurden sie gegen 22 Uhr Ortszeit aus einem Basislager in rund 3200 Metern Höhe entführt, wie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann mitteilte.

Die PKK kämpft seit 1984 für eine Autonomie der Region. Anfang der neunziger Jahre entführte sie mehrfach ausländische Touristen im Südosten der Türkei, alle kamen wieder frei. Cetin sagte, es handele sich offenbar um Protest gegen das jüngste Vorgehen der deutschen Behörden gegen PKK-Anhänger. Als Beispiele hätten die Entführer das deutsche PKK-Verbot 1993 und die Aufnahme der PKK in die europäische Terrorliste genannt.

Eine Rolle könnte nach Ansicht deutscher Sicherheitsbehörden auch das am 19. Juni 2008 vom Bundesinnenministerium verhängte Betätigungsverbot für den kurdischen Fernsehsender Roj-TV gespielt haben. Der in Dänemark ansässige Sender diente nach Ansicht von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble als Sprachrohr der verbotenen PKK. Aufgrund des Verbotes wurde die in Wuppertal beheimatete TV-Produktionsgesellschaft "Viko Fernseh Produktion GmbH" aufgelöst.

Der erste Hinweis auf die Entführung sei von einer bayerischen Kriminalbeamtin gekommen, die Mitglied der Reisegruppe ist. Sie habe ihre Dienststelle unmittelbar nach der Aktion telefonisch benachrichtigt, gab Bayerns Innenminister bekannt. Nach den vorliegenden Informationen wurden die drei Entführten vermutlich wahllos aus der Urlaubergruppe herausgegriffen. Alle Entführer hätten Waffen gehabt, berichtete der Reiseleiter der SEB-Tours, Serif Büyüktas, im Telefongespräch mit dem ZDF. Innenminister Herrmann erklärte, bei der Aktion sei nach den ersten Erkenntnissen keine Waffengewalt angewandt worden.

"Wir unternehmen alles für eine baldige Freilassung"

Auch die anderen Mitglieder der Gruppe seien nicht verletzt worden. Sie seien bei Tagesanbruch vom Ararat herabgestiegen und hätten sich in die nächste Ortschaft begeben, wo sie von türkischen Behörden betreut würden. Provinzgouverneur Cetin sagte, die türkischen Truppen hätten eine Aktion zur Rettung der Deutschen gestartet.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte, der Krisenstab stehe in Verbindung mit den Verantwortlichen in der Türkei und bemühe sich intensiv um Aufklärung. "Natürlich unternehmen wir alles, um zu einer baldigen Freilassung zu kommen." Die Bundesanwaltschaft leitete ein Strafverfahren gegen unbekannt wegen Geiselnahme und Nötigung von Verfassungsorganen ein.

Auswärtiges Amt warnt vor Anschlägen und Überfällen

In einem "Aktuellen Hinweis" rät das Auswärtige Amt von Reisen in die osttürkischen Provinzen Hakkari, Sirnak und Mardin sowie das Gebiet um Siirt dringend ab. "Infolge der deutschen Maßnahmen gegen den PKK-nahen kurdischsprachigen TV-Sender Roj-TV liegen Gefährdungshinweise für die Provinzen Hakkari, Sirnak und Mardin vor. Es ist nicht auszuschließen, dass Deutsche, insbesondere Individualreisende, in diesen Provinzen Opfer von Racheaktionen (Anschläge, Überfälle, Entführungen) durch PKK-Terroristen werden könnten", heißt es.

Obwohl der Entführungsort am Berg Ararat ungefähr 250 Kilometer nördlich der gefährdeten Provinzen liegt, schließen Sicherheitsexperten laut ARD-Hauptstadtstudio einen Zusammenhang zwischen dem Betätigungsverbot für Roj-TV und der Geiselnahme nicht aus.

Die Gruppe war laut Franz Eder von SEB-Tours seit Sonntag am Ararat, wie gesetzlich vorgeschrieben, von türkischen Bergführern geführt worden. Zuvor habe sie eine deutsche Reiseleitung, darunter der Inhaber von SEB-Tours, betreut. Sie seien am 29. Juni aus Deutschland aufgebrochen und sollten am Freitag zurückkehren. Nach einer Sperrung wegen des Kurdenkonflikts wurde der Ararat laut Eder seit 2003 wieder für die Besteigung freigegeben. Er stehe unter militärischer Kontrolle.

ffr/dst/AP/dpa/Reuters

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP