Von Marc Pitzke, New York
Nur sich selbst konnte er nicht helfen. Nach seiner Heimkehr begann Dwyer, an PTSD zu leiden. "Er kam nicht über den Krieg hinweg", sagte seine Mutter Maureen der Zeitung "Newsday". Dwyer hatte Halluzinationen, wähnte sich von irakischen Kämpfern verfolgt, sah überall Bomben. Er bunkerte sich ein. Er schoss seine Wohnung zu Schrott. Er lieferte sich 2005 mit der Polizei ein Feuergefecht. Er verlor seinen Job und wurde drogenabhängig.
"Joseph ging in Reha-Behandlung, nichts half", sagte sein Vater Patrick Dywer "Newsday". Und: "Das Problem ist, dass es keine adäquaten Ressourcen zur Behandlung von PTSD gibt."
Vor zehn Tagen rief Dywer einen Taxidienst, um sich ins Krankenhaus bringen zu lassen. Doch keiner öffnete dem Fahrer. Die Polizei brach die Tür auf und fand Dwyer am Boden, neben sich Tablettenflaschen und Dosen mit Computer-Reinigungsspray, das er geschnüffelt hatte. Er starb im Krankenhaus - an einer Überdosis.
Dwyer war der jüngste in einer schier endlosen Folge solcher Fälle. Etwa Jamie Dean, 29, der eineinhalb Jahre in Afghanistan gedient hatte und anschließend in tiefe Depressionen verfiel. 2005 wurde er erneut an die Front befohlen, diesmal in den Irak. Eine Woche vor Abmarsch verbarrikadierte er sich in seinem Haus vor den Cops. "Ich kann einfach nicht mehr", sagte er seiner Schwester noch. Dann wurde er von einem Scharfschützen der Polizei erschossen.
Jeff Lucey, 23, erhängte sich mit einem Gartenschlauch im Keller seiner Eltern. Tim Bowman, ebenfalls 23, erschoss sich am Thanksgiving Day. Derek Henderson, 27, sprang von einer Brücke. Jonathan Schulze, 25, erhängte sich mit einem Stromkabel, nachdem ihn ein VA-Psychiater vertröstet hatte, er sei Nummer 26 auf seiner Warteliste.
James Elliott, der am Mittwoch vor dem Kongress auftrat, ist ein ganz besonders perfider Fall. Nach seiner Rückkehr - und nach seiner amtlichen PTSD-Diagnose - nahm er an einer VA-Feldstudie teil, die ein neues Anti-Raucher-Mittel an Veteranen testete. Für 30 Dollar im Monat ließ er sich Chantix verabreichen, ein Medikament des Pharmakonzerns Pfizer.
Doch Chantix hatte schwere Nebenwirkungen: Es verstärkte offenbar Elliotts PTSD-Symptome. Seine Alpträume und Halluzinationen kamen zurück. Er konnte nicht schlafen, erlitt einen Nervenkollaps, hegte Selbstmordfantasien. Seine VA-Psychiater, so Elliott in seiner schriftlichen Aussage, hätten seine Klagen aber nicht ernst genommen. Für sie sei er nur "eine Laborratte, ein Versuchkaninchen, ein Wegwerf-Held" gewesen. All das kulminierte in der dramatischen Szene vom 5. Februar.
Nachdem die "Washington Times" und ABC News die Chantix-Versuchsreihe enthüllt hatte, bestätigte die VA, dass das Mittel bisher an insgesamt rund 32.000 Kriegsveteranen mit PTSD getestet worden sei. VA-Leiter James Peake bedauerte die bösen Nebenwirkungen, vor denen schließlich auch die US-Arzneimittelbehörde FDA und der Hersteller Pfizer warnten. Pfizer fügte jedoch hinzu: "Der Nutzen von Chantix wiegt die Risiken auf."
James Elliott nimmt jedenfalls kein Chantix mehr, steht aber weiter unter starkem Morphium, um seine Nerven zu beruhigen. Wie er sich denn heute fühle, wurde er von den Kongress-Abgeordneten gefragt. "Mir ging's schon mal besser", sagte er monoton. "Mir ging's schon mal schlechter."
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