Samstag, 21. November 2009

Politik



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11.07.2008
 

Gastbeitrag

Wenn Medien der Entwicklungshilfe den Tod wünschen

Der G-8-Gipfel hat für Afrika nichts Neues erbracht: Die Entwicklungshilfe vieler Regierungen bleibt weit hinter den Versprechungen zurück. Manche Kritiker halten das sogar für wünschenswert. Warum bloß, fragt Ralf Südhoff vom UN World Food Programme.

Folgt man der Logik eines SPIEGEL-ONLINE-Kommentars, sollten die G-8-Staaten am besten heute noch die Entwicklungshilfe abschaffen. Denn in Wahrheit, so erfahren wir gleich in der Überschrift, brächten "Entwicklungshelfer den Tod nach Afrika". Dabei liege doch nichts weniger als "das Heil im Gegenteil von Entwicklungshilfe – und das wäre mal einen Versuch wert."

Waisenkind aus Malawi wartet auf Essenszuteilung: Helfer werden als naive "Philantrophen" verurteilt
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REUTERS

Waisenkind aus Malawi wartet auf Essenszuteilung: Helfer werden als naive "Philantrophen" verurteilt

Ist Entwicklungshilfe unnötig? Schadet sie sogar? Leistet jeder Deutsche mit seinen Steuergeldern gar Beihilfe zum Mord?

Entwicklungshilfe kann zweifellos keinen "humanitären Heiligenschein" beanspruchen. Sie muss stets genauso kritisch hinterfragt werden wie beispielsweise die Sozialhilfe hierzulande, zumal es in ihren Gefilden oft an Sicherheit, Daten, demokratischen Spielregeln und damit Transparenz mangelt. Gleichzeitig geht es um das Schicksal von zwei Milliarden bitterarmen Menschen in aller Welt. Deswegen ist es so wichtig, dass Medien der Entwicklungshilfe besonders auf die Finger sehen - und dass die Journalisten selbst wirklich hinschauen.

Grund also zur Medienschelte? Keineswegs. Erst vor dem G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm fand eine differenzierte Debatte über die Entwicklungshilfe in vielen Zeitungen statt. Jüngst aber kommen hier und da Berichte auf, die sich verblüffend ähneln: Typischerweise greifen sie meist ein einziges willkürliches Beispiel auf, anhand dessen sie pauschal die Hilfe und "die Helfer" als naive "Philantrophen" verurteilen. Dabei folgen die Autoren einem Strickmuster von meist fünf Mythen über die Entwicklungshilfe – die sich jetzt auch bei SPIEGEL ONLINE wiederfinden.

ZUR PERSON

Ralf Südhoff ist Leiter des Berliner Büros vom UN World Food Programme. Zuvor war er rund zehn Jahre als Journalist in Deutschland und Brasilien tätig, u.a. für die "Financial Times Deutschland" und "Die Zeit".
Mythos 1: Die Menschen brauchen gar keine Hilfe. Sie geht vor allem an Menschen, die sich bei den Helfern tummeln, gibt es dort doch "alles umsonst, und arbeiten muss man auch nicht". Siehe Kenia – und schuld ist "das UN World Food Programme", das "kostenlos Lebensmittel verteilt".

Aber wer bekommt diese Hilfe eigentlich? Täuschen 60.000 von HIV/Aids betroffene Kenianer nur vor, dass sie Hilfe brauchen? Simulieren 250.000 Flüchtlinge aus den Krisengebieten im Sudan und in Somalia ihre Not? Mussten nach der jüngsten Wahl in Kenia nicht Zehntausende vor Unruhen und Morden fliehen? Ganz zu schweigen von den drei Millionen Opfern des Konflikts im sudanesischen Darfur, über 680.000 Hungernden nach dem Sturm in Myanmar - oder 25 Millionen HIV/Aids-Waisen in aller Welt, deren Schicksal sich vor allem andere Hilfsorganisationen widmen.

Mythos 2: Die Helfer malen vor allem Horrorszenarien. Sie würden "ohne Hilfe alle arbeitslos" und schreiben daher dramatische Berichte. Und nur deshalb fordere das World Food Programm ständig, etwa in den Dürregebieten Kenias, "das noch mehr Lebensmittel gespendet werden müssten".

Tatsächlich ist die Hilfe in den Dürregebieten auf dem niedrigsten Stand seit vielen Jahren. Gut 850.000 Menschen waren laut WFP Anfang 2008 noch auf Hilfe angewiesen – zwei Jahre zuvor waren es wegen heftiger Dürren noch fast drei Millionen. Offenbar passen sich die WFP-Berichte der kenianischen Wirklichkeit an.

Ganz zu schweigen von Ländern wie Barbados und Botswana, Mexiko und Mauritius, Togo und Thailand: Dort wie in zwei Dutzend weiteren Staaten schreibt WFP gar keine Berichte mehr. Weil die WFP-Helfer sich aus ihnen nach getaner Arbeit vollständig zurückgezogen haben, wie übrigens viele andere Helfer auch.

Mythos 3: Die Hilfe macht vor allem abhängig und blockiert im Grunde reiche Staaten. Indem "die Dosis einer schädlichen Medizin" ständig erhöht wird, bleiben Land und Menschen von Hilfslieferungen aus dem Norden abhängig. Und so "ruiniert" die Nahrungsmittelhilfe in Kenia die Preise, statt die Ressourcen des Landes zu nutzen.

Tatsächlich sind die Nahrungsmittelpreise in Kenia nicht ruiniert, sondern explodiert: Allein in den vergangenen zwölf Monaten stiegen sie um 45 Prozent. Und bereits vor der Welternährungskrise war in Kenia gerade das wichtigste Nahrungsmittel Mais sehr viel teurer als in den Jahren zuvor.

Das liegt auch daran, dass moderne Hilfe mitnichten vorwiegend von außen kommt. Tatsächlich hat allein WFP in Kenia, das es angeblich als "ein einziges Hungerkatastrophengebiet" betrachtet, 2006 für 20 Millionen Dollar Getreide aufgekauft, fast die Hälfte seiner Nothilfe im Lande. 2007 stieg die Summe noch mal auf 33 Millionen Dollar Über 90 Prozent der WFP-Mitarbeiter im Lande sind Kenianer. Über 80 Prozent seiner Transportlogistik kauft WFP in Entwicklungsländern ein. Hilfsorganisationen wie Welthungerhilfe, Ärzte ohne Grenzen oder Oxfam gehen nicht anders vor.

Mythos 4: Gelten nur freie Märkte und Preise, löst der "Selbsterhaltungstrieb" der Menschen die Probleme. Beispiel: erneut Kenia. Man müsse doch bloß die Überschüsse aus dem Westen Kenias im darbenden Norden verkaufen und allen ginge es gut.

Warum das nicht funktioniert? Weil in der Tat ein schlechtes Straßennetz den Transport immens erschwert und verteuert. Weil Kenias Ernte in diesem Jahr voraussichtlich um 300.000 Tonnen unter dem Bedarf liegen wird. Und weil es auch beim besten Straßensystem und der größten Ernte der Welt kaum einen Markt für die Nahrungsmittel in den Notgebieten gibt – was können darbende Viehhirten oder Kleinbauern wohl bezahlen, deren eigene Ernte vertrocknet ist? Trotzdem verkaufen kenianische Bauern übrigens ihre Ernte häufig bestens – ins gut zahlende Ausland.

Warum funktionierende Märkte kein Allheilmittel sind, hat sich selten besser gezeigt als derzeit in der Welternährungskrise: Theoretisch wären die explodierenden Agrarpreise eine riesige Gelegenheit für die Armen in aller Welt, leben sie doch zu drei Viertel auf dem Land. Praktisch sind sie selbst für die meisten Kleinbauern eine Katastrophe, sind doch auch Saatgut und Dünger zigmal teurer geworden. Und wer ernten will, muss zunächst säen.

In vielen Ländern droht ihre nächste Ernte deshalb komplett auszufallen. Außer die Bauern erhalten einmal Hilfe in Form von Saatgut, Kleinkrediten und Beratung, sodass sie morgen von den neuen Marktpreisen profitieren und auf eigenen Füßen stehen können.

Und warum können die Länder das nicht selbst machen? Liegt das alles an aufgeblähten Regierungsapparaten oder Korruption? Natürlich nicht – selbst bei null Korruption wären die meisten afrikanischen Staaten, wie auch SPIEGEL ONLINE schreibt, vor allem eins: "bitterarm".

Mythos 5: Trotz Hilfe wird aber doch alles immer schlimmer – oder gar deswegen, bringt sie doch "den Tod nach Afrika".

Die realen Trends sehen anders aus: Die Menschen in den Entwicklungsländern leben heute rund 20 Jahre länger als noch 1960 – ein untrüglicher Indikator für Fortschritte bei Gesundheit, Bildung, Sicherheit. Die Weltbevölkerung hat sich allein seit 1970 fast verdoppelt. Trotzdem waren 1970 fast 60 Prozent der Menschen in Entwicklungsländern Analphabeten, während heute drei von vier Menschen lesen und schreiben können. Mehr als jeder dritte Mensch litt damals Hunger auf der Erde – heute ist es etwa jeder Sechste. Und allein seit 1990 konnten über 270 Millionen Menschen der Armut entfliehen.

Trotzdem gibt es Rückschläge, zum Beispiel durch die HIV/Aids Epidemie. Trotzdem muss zum Beispiel die Koordination der Hilfe verbessert werden. Trotzdem gibt es Korruption und Misswirtschaft, weshalb klar ist: Unterstützung muss vor allem in reformwillige Länder fließen, denn die entscheidenden Schritte müssen immer die Länder selbst tun – die Hilfe kann nur helfen.

Und trotzdem wird es per se immer auch Trittbrettfahrer geben, die sich Hilfe erschleichen - so wie in Deutschland bekanntermaßen manche Fördergelder oder auch Hartz IV an die falschen Empfänger geflossen ist.

Diese Hilfen sollte man dann wohl gleich mit abschaffen - folgt man der Logik des erwähnten Kommentars. Man stelle sich einmal den berechtigten Aufruhr in Deutschland vor, ginge es bei dieser Polemik nicht um das ferne Afrika, sondern etwa das Saarland oder das strukturschwache Ostdeutschland: "Die Ostdeutschen" würden ja nur abhängig gemacht von Sozialarbeitern, die die Not dort erfinden und irgendwie gehe doch trotz all der Hilfen für den Osten nichts voran. Kurzum: Man sollte lieber auf den "Selbsterhaltungstrieb" der Ostdeutschen setzen, liegt doch "das Heil im Gegenteil von Sozialhilfe – und das wäre mal einen Versuch wert". Das kann man doch nicht vergleichen? Stimmt. In Ostdeutschland ginge es bei dem "Versuch" nicht um das nackte Überleben von Millionen Menschen.

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