Von Stefan Simons, Paris
Der Konflikt ist mittlerweile ausgeräumt, aus der Mittelmeer-Union Frankreichs wurde die Union für das Mittelmeer und der exklusive Zirkel der sonnenverwöhnten Südstaaten geriet zur diplomatischen Destination für alle Länder, die Interesse am Mitmachen zeigten: Mittlerweile reicht die Mittelmeer-Union von den Geysiren Grönlands bis zu den Wüstengebieten von Jordanien. Und dadurch gerät das Bündnis zum reichlich sperrigen Konstrukt: Weder ist klar, wo das Sekretariat der neuen Organisation beheimatet sein soll (Marokko, Algerien, Malta), noch die Frage gelöst, wie lange die Doppelspitze Mubarak und Sarkozy den Nord-Süd-Verein anführen wird.
Damit die Mittelmeer-Union sich nicht nur in Symbolik und Gesten erschöpft, soll eine Vielzahl konkreter Projekte für den nötigen Schwung an der völkerverbindenden Basis sorgen: Politisch unverdächtige Sachthemen wie die Entgiftung des Mittelmeeres, Nuklear- und Solarenergie, eine Mittelmeer-Universität, Zivil- und Katastrophenschutz oder die Versorgung mit sauberen Lebensmitteln gehören zum Strauß der Vorschläge, ebenso wie die Sicherung der Seestraßen oder Exporthilfen für Klein- und Mittelbetriebe der Region. Dazu durften die Promis unter der Glaskuppel schon Mal kurze Statements abgeben, für Angela Merkels Einlassung zum Thema Wirtschaft" sind drei Minuten vorgesehen.
Die sagt im Anschluss an das Treffen, die Mittelmeerunion der EU sei "sehr gut gestartet". Die Union führe zu einer "neuen Stufe der Zusammenarbeit". Die bessere Kooperation der EU mit den südlichen Mittelmeer-Anrainern sei "strategisch wichtig". Dadurch, so Merkel, böten sich zahlreiche Möglichkeiten zu einer Vielzahl bilateraler Treffen verfeindeter Staaten. "Dies kann für die Lösung des Nahost-Konflikts oder für Syrien wichtig sein." Die EU könne zudem über eine bessere wirtschaftliche Entwicklung zu politischen Fortschritten beitragen.
An Ideen fehlt es nicht, eher schon an Geld. "Kein Problem", tönen die diplomatischen Wasserträger in Paris, und versichern im Brustton der Überzeugung: "Das Geld ist da, wo man es findet."
Konkret sollen EU, Weltbank und die Golfstaaten für die Finanzierung sorgen, außerdem stünden private Fonds bereit, um mögliche lukrative Projekte zu unterstützen. "Erst die Vorschläge, dann die Mittel", so das Rezept. Die neuartige Finanzierung würde somit die wirtschaftliche Kooperation beflügeln und schließlich die politischen Parameter etwa im Nahen Osten verändern: "Dann haben wir", so die Auguren aus dem Elysée, "eine dreifache Revolution."
Kontroverses wird ausgeklammert oder semantisch verklärt
Falls es mit der wunderbaren neuen Welt nicht funktioniert oder gar handfeste Feindschaften die Arbeitsgemeinschaft torpedieren, empfehlen Frankreichs Diplomaten die Zusammenarbeit nach "variabler Geometrie": Damit gerät das Jahrhundertwerk freilich an den Rand der Beliebigkeit, denn die innovative Wortschöpfung aus dem Sprachschatz der Pariser Gipfelregisseure bedeutet schlicht, dass nur mitmacht, wer Lust dazu hat.
Deswegen bleibt auch der Entwurf der Pariser Schlusserklärung bei wohlmeinenden Absichtserklärungen. Kontroverses, wie Menschenrechte und Nahost-Konflikt, wird ausgeklammert oder semantisch verklärt. Und trotz aller salbungsvollen Bekenntnisse "zur Überzeugung, dass der europäische und der mediterrane Traum unteilbar sind" (Sarkozy), können sich die Promis in Paris nicht einmal auf das obligatorische Gipfel-Bild verständigen - ein Foto mit Israels Premier gilt bei vielen der arabischen Gäste offenbar noch immer als politisch unkorrekt.
Sarkozys guter Laune tut das jedoch keinen Abbruch. Von seinen Kollegen aus dem Maghreb immer wieder als "Rais" (Führer) apostrophiert, stellt er sich am Eingang des Grand Palais für die angereisten Staats- und Regierungschef zum Souvenirfoto: 43 Mal Händeschütteln vor dem Plakat "Pariser Gipfel für das Mittelmeer" - eine perfekte Sarko-Show.
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