Von Marion Kraske, Wien
Molterer – das ist das Gegenteil von Charisma. Der begeisterte Hobbytänzer wirkt bis in die graumelierten Bartspitzen verstaubt, ein Biedermann aus der oberösterreichischen Provinz. Wegen seines betulichen Wesens wird er von Parteifreunden Pater Willi genannt. Der große Auftritt ist seine Sache nicht.
Ungewohnt kampfeslustig machte Molterer in der vergangenen Woche der Großen Koalition den Garaus. "Es reicht", wetterte er, eine erfolgreiche Regierungsarbeit sei mit der krisengeschüttelten SPÖ nicht mehr möglich. Was Molterer nicht sagte: Als Finanzminister und Vizekanzler hatte er mit gezielten Obstruktionen in den zurückliegenden Monaten dazu beigetragen, dass das ungeliebte Zweckbündnis Große Koalition nie vom Fleck kam.
Dass sich die SPÖ unter Faymann in der Europapolitik neu positioniert hat, ist für Molterer eine Art Glücksfall. Der ewige Zweite hinter Schüssel packte die Gelegenheit beim Schopf und riskierte den vorgezogenen Wahlgang. Sehr zum Unbehagen einiger Parteikollegen, die sich beklagen, Molterer habe die Partei mit der "überfallsartigen Neuwahlentscheidung" vor vollendete Tatsachen gestellt.
Der Koalitionsbrecher gibt sich dagegen siegessicher: "Die ÖVP kämpft und wird gewinnen." Sollte Molterer seine Partei tatsächlich wieder zur stärksten Kraft im Lande machen, könnte er ins Kanzleramt einziehen und seine Position damit auch innerhalb der eigenen Partei zementieren. Andernfalls droht ihm wohl das politische Ende.
Rasanter Absturz für Schwarz-Rot
Um beim Wahlvolk zu punkten, will der Konservative neben der Europafrage auch das Thema Innere Sicherheit bemühen. Österreich brauche Verlässlichkeit, donnerte er in der vergangenen Woche im Nationalrat.
Faymann gegen Molterer: Das ist also das Duell, das sich den Österreichern in den kommenden Wochen bieten wird. Meinungsforscher sehen großen Unmut in der Bevölkerung über beide Seiten; mutmaßlich werden die Wähler SPÖ wie ÖVP abstrafen - zu unwürdig war das Schauspiel in den vergangenen 18 Monaten seit Koalitionsbildung.
Rot-Schwarz ist diskreditiert, die Große Koalition hat in den Augen der Wähler ausgedient. Nur noch 16 Prozent wünschen sich eine Neuauflage, ergibt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts OMG im Auftrag des Nachrichtenmagazins "Profil". Ein Absturz ohne Beispiel: Vor knapp zehn Jahren galt 60 Prozent der Befragten das rot-schwarze Bündnis noch als präferierte Regierungsform.
Was aber wollen die Parteien? ÖVP–Spitzenkandidat Molterer möchte unter allen Umständen das Kanzleramt zurückerobern, eine Neuauflage der Großen Koalition schließt er derzeit aus. Als Favorit für eine Regierungsbildung gelten den Konservativen die Grünen. Ein schwarz-grünes Bündnis, in Umfragen derzeit die populärste Regierungsvariante, wäre zumindest auf Bundesebene eine Premiere.
Faymanns SPÖ dagegen sieht in der Großen Koalition weiter "eine Chance". Mit neuen Personen – sprich: ohne Molterer – wäre ein erfolgreiches Arbeiten wieder möglich, ist er überzeugt. Eine Kooperation mit der derzeit drittstärksten Kraft, der rechtsradikalen FPÖ, schließt Faymann noch aus.
Seine Glaubwürdigkeit wird an dieser Aussage gemessen werden.
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