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16.07.2008
 

Kommentar

Siegeszug der Trostlosigkeit

Von Gerhard Spörl

Frankreichs Präsident feiert Partys mit verfeindeten Führern aus dem Nahen Osten - und sich selber als Friedensstifter. Doch wenn Leichen und Gefangene ausgetauscht werden, zeigt sich die absolute Trostlosigkeit, in der sich die konfliktreiche Region befindet.

Hamburg - Am Sonntag trafen sich in Paris viele der Protagonisten, die zur Trostlosigkeit des Nahen Ostens kräftig beitragen. Nicolas Sarkozy hatte sie eingeladen, um mit ihnen seine Mittelmeerunion zu gründen. Er ist ein fröhlicher Selbstunterhalter, und da er Publikum braucht, entstanden fröhliche Fotos mit Mahmud Abbas und Ehud Olmert, die es vermutlich gut miteinander meinen, aber aus unterschiedlichen Gründen so kraftlos sind, dass sie mit ihren Ansinnen nicht weiterkommen.

Der französische Präsident verkündete dann gönnerhaft, dass Syrien, vertreten durch Präsident Baschar al-Assad, schon bald in Libanon eine Botschaft eröffnen wolle, was er als Durchbruch erachtet - dank seines, Sarkozys, Ingeniums. Weil das Wetter gut und der Anlass ach-so-schön war, blieb unerwähnt, dass sich Abbas und Olmert andauernd sehen und Syriens Geheimdienste eher zu viel als zu wenig am Libanon herumfingern.

Heute Morgen war der Nahe Osten dann in seiner ganzen Trostlosigkeit zu besichtigen: beim Austausch von Leichen und Gefangenen.

Die beiden Toten, die Israel in Empfang nahm, waren vor zwei Jahren von der Hisbollah in den Libanon entführt worden – der Auslöser zu einem überstürzten, schlecht geführten Krieg, der Israel demoralisierte. Die Hisbollah feierte damals einen Triumph, der eigentlich nicht mehr war als eine Invasion, die nicht tatenlos hingenommen wurde. Aber nach so vielen bestürzenden Niederlagen in so vielen Kriegen war der Libanon-Krieg von 2006 ein toller Erfolg aus Sicht der arabischen Welt. Und die Hisbollah ist seither ein noch größerer Faktor im politischen Wirrwarr des Libanon.

Die Hisbollah bekam heute Morgen auch ein paar Kämpfer als Leichen zurück und dazu Samir Kuntar, den sie zu feiern gedenkt als Helden der Bewegung, der für die große Sache fast 30 Jahre Gefängnis auf sich nahm. Hassan Nasrallah, der Anführer der Hisbollah, der sich aus plausiblen Gründen nur selten in der Öffentlichkeit zeigt, hat versprochen, aus dem Bunker zu steigen und Kuntar in die Arme zu schließen.

Bleibt nur die Hoffnung auf ein starkes Engagement der USA

Samir Kuntar ist in die lange Geschichte unfassbarer Greueltaten, die im Namen der guten Sache in diesem Teil der Welt nur zu oft passieren, als derjenige Mann eingegangen, der ein vier Jahre altes Kind mit seinem Gewehrkolben erschlug.

Eigentlich muss es irgendetwas Drittes geben zwischen dem bodenlosen Zynismus, den Nicolas Sarkozy walten lässt, damit er eine Party steigen lassen kann, mit sich selber als Hauptattraktion, und der absoluten Trostlosigkeit, die sich zwangsläufig einstellt, wenn Leichen und Gefangene ausgetauscht werden.

Doch was könnte das sein?

Israel wird bald einen neuen Ministerpräsidenten haben (wahrscheinlich eine Ministerpräsidentin). Und Syrien ist ernsthaft an einer Anbindung an den Westen interessiert. Doch dazu bedarf es der USA, die selbst auf einen neuen Präsidenten warten. Ohne das starke Engagement Amerikas wird es weiterhin wildes Kriegsgeschrei rund um Iran geben, womöglich einen neuen Krieg eingeschlossen, mit noch viel größeren schrecklichen Auswirkungen - nicht nur in dieser Region.

Auf Amerika ohne Bush ruht also das bisschen Hoffnung, das nach Kriegen und Leichenaustausch bleiben mag. Ausgerechnet auf Amerika, der viel gescholtenen Weltmacht?

Auf Amerika, wem sonst.

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