Aus Naharija berichtet Ulrike Putz
Naharija - Es ist diese besondere Stille, die nur entsteht, wenn Tausende Menschen gleichzeitig schweigen. Kurz nach zehn Uhr morgens senkt sie sich über den Militär-Friedhof von Naharija, nur unterbrochen vom rhythmischen Stiefelknallen der Ehrengarde. Dann hebt der Kantor an, ein Gebet zu singen, der in die blauweiße israelische Fahne gehüllte Sarg Ehud Goldwassers wird durch die Menge getragen. Hinter ihm die Familie. Karnit Goldwasser, die nun seit gestern offiziell die Witwe Ehuds ist, der Vater Schlomo, die Mutter Miki, Verwandte, Freunde.
Es ist 10.16 Uhr als der Leichnam des Reservisten Ehud Goldwasser in sein Grab unter einem Akazienbaum gesenkt wird. Soldaten und Trauergäste schütten in Säcken bereitstehenden Sand hinterher: Trauerfeiern am offenen Grab gibt es im Judentum nicht. Goldwassers Witwe wendet das tränenüberströmte Gesicht ab, und schaut dann doch aus dem Augenwinkel hin, um zu sehen, wie sich das Grab ihres Ehemanns füllt. Die Familienangehörigen greifen sich an die Halsausschnitte ihrer T-Shirts und reißen sie ein - so will es der Brauch.
Wie viele Menschen gekommen sind, um Ehud Goldwasser die letzte Ehre zu erweisen, ist nicht abzuschätzen. Unter brütender Sonne stehen sie bis auf die Straße hinaus, um zu erleben, wie das letzte Kapitel eines blutigen Krieges zu seinem Abschluss kommt. Am 12. Juli 2006 waren Ehud Goldwasser und sein Kamerad Eldad Regev von einem Hisbollah-Kommando in den Libanon verschleppt worden. Israel zog daraufhin gegen das Nachbarland in den Krieg. Mehr als 1200 Libanesen und etwa 160 Israelis überlebten die 34 Tage währenden Kämpfe nicht.
Seit gestern ist klar, dass Goldwasser und Regev zu den ersten Opfer des von der Hisbollah ausgelösten Konflikts gehörten. Israelische Gerichtsmediziner gaben nach Untersuchung ihrer sterblichen Überreste an, beide seien wohl schon am Tag des Überfalls ihren Verletzungen erlegen. Zu schwer seien sie verwundet worden, als eine Panzerfaust das Fahrzeug ihrer Patrouille traf.
Zwei Jahre lang hatte die Hisbollah die Familien und ganz Israel darüber im Unklaren gelassen, ob die beiden Israelis nicht vielleicht doch am Leben seien. Diese Hoffnung starb erst gestern, als Hisbollah-Männer zwei schwarze Särge aus ihren Pick-up-Trucks zog, um die Toten gegen fünf Kämpfer und etwa 200 Leichen von Libanesen und Palästinensern einzutauschen.
Karnit Goldwasser findet die passenden Worte
Ehud Goldwassers Mutter Miki sprach mit bewundernswerter Fassung, aufrecht und würdevoll zu ihrem toten Sohn. Doch es waren Karnits Worte, auf die die Trauergemeinde wartete. Die kluge, schöne Ehefrau des Reservisten war zwei Jahre lang das Gesicht des Kampfes der Familien für die Heimkehr ihrer Lieben gewesen. Sie flog um die halbe Welt, drängte bei Staatschefs und Präsidenten beredt und hartnäckig auf Unterstützung für den Austausch.
Sogar den iranischen Staatschef Mahmud Ahmadinedschad trieb sie in die Enge, als sie ihn auf einer Pressekonferenz bei den Vereinten Nationen nach dem Schicksal ihres Mannes fragte. Warum lasse er, der doch hinter der Entführung ihres Mannes stecke, nicht zu, dass das Rote Kreuz die beiden Soldaten besuche? So konfrontierte sie den Iraner.
Auch an Ehuds Grab nun fand Karnit Goldwasser wieder die passenden Worte. "Am 12. Juli, um neun Uhr sechs Minuten, stand die Zeit still. Für beide Seiten begann ein langer Weg - für Dich und mich, für uns und die Familie, für den Staat und Dich. Du und ich gehen jetzt zusammen auf die nächste Reise. Du wirst meine innere Stimme bleiben, ein ewig junger Mann, der mich durch mein Leben begleiten wird", sagte sie unter Tränen. Die andere Reise, die des Wartens und der Zweifel sei nun endlich zu Ende.
Macht sich Israel durch den Austausch erpressbar?
Der Austausch der beiden Toten gegen Männer, die Israel als Top-Terroristen ansieht, war und ist in Israel stark umstritten. Viele befürchten, der für sie sehr erfolgreiche Deal werde die Hisbollah dazu anstacheln, sich durch weitere Entführungen wieder menschliche Verhandlungsmasse zu sichern. Israel mache sich durch den moralischen Anspruch erpressbar, jeden Soldaten nach Hause zu holen, so die Kritiker des Handels.
Wie die Haltung des Militärs zu dieser Frage ist, hatte der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak als erster Grabredner Goldwassers deutlich gemacht: "Wenn - was Gott verhindern möge - einer von Euch gefangen genommen wird oder Euch im Kampf gegen diese Terrororganisation etwas noch Schlimmeres zustoßen sollte, wird der Staat Israel, die Regierung und das Militär alles richtige und mögliche tun, um Euch nach Hause zu bringen", sagte er den vielen anwesenden Soldaten. "Regev und Goldwasser sind nun endlich nach Hause gekommen", sagte Barak. Am Mittag stand er auch der Familie Eldad Regevs bei dessen Begräbnis auf dem Militär-Friedhof von Haifa bei.
"Das Ende", "Der Krieg ist vorbei": Der Tonfall, den die großen israelischen Tageszeitungen am Tag nach dem Austausch anschlugen, war einer der Erschöpfung. In die Trauer mischte sich jedoch auch Erleichterung, dass der Alptraum nun endlich vorbei sei.
Es war ein Bild, das alle Titelblätter dominierte: Die schluchzende Karnit Goldwasser, die sich am Mittwoch neben dem Sarg ihres Mannes an die Brust des mit ihr weinenden Premierministers Ehud Olmert klammerte. Doch so sehr auch die Gefühle im Zentrum der Berichterstattung standen: Eine jede Zeitung ließ auf den hinteren Seiten ihre Militär-Analysten zu Wort kommen, und was sie sagten, war nicht sehr optimistisch: Der Austausch sei nur das Ende einer Schlacht gewesen, der Höhepunkt im Krieg mit der Hisbollah stünde erst noch bevor, lauteten die düsteren Warnungen der Experten.
Die Hisbollah ist gefährlicher als je zuvor
Es sind viele Faktoren, die die Hisbollah nach Einschätzungen der Analysten gefährlicher als je zuvor macht. Nicht nur, dass die Schiiten-Miliz in den zwei Jahren seit dem letzten Krieg ihr Waffenarsenal auf ein Vier- bis Fünffaches der Vorkriegszeit aufgestockt haben soll. Berichten zu Folge soll die Miliz zudem unlängst Flugabwehrraketen geliefert bekommen haben. Damit wären die Karten im Konflikt Israel-Hisbollah komplett neu gemischt: Bislang konnte sich die israelische Luftwaffe sicher sein, im Libanon auf keine nennenswerte Gegenwehr zu stoßen. Flak-Stationen im Süden des Landes würden einen weitgehend ungestörten Luftkrieg, wie ihn Israel 2006 führte, unmöglich machen.
Doch ist es nicht nur ihr vermutlich verbessertes militärisches Arsenal, was die Hisbollah zu einer Gefahr für Israel werden lässt. Es ist vor allem die politische Gemengelage im Nahen Osten, die die Bedrohung seitens der Hisbollah wachsen lässt. Die Schiiten-Miliz darf wohl zu Recht als der lange Arm Irans direkt an der Grenze zu Israel gesehen werden. Einen Angriff Israels auf dessen Nuklearwaffenprogramm, wie er in den vergangenen Monaten immer wieder in Erwägung gezogen wurde, könnte Vergeltungsaktionen der Hisbollah nach sich ziehen.
Diese Möglichkeit führen viele im Munde, die sich gegen einen Angriff auf Iran aussprechen: Die Atomanlagen mögen 1500 Kilometer weit weg sein - die Streitmacht für den Gegenschlag aber vielleicht nur wenige Meter jenseits der Grenze warten.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Nahost-Konflikt | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH