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18.07.2008
 

Geplantes Bush-Attentat

Israel fürchtet Bildung von Qaida-Zellen im eigenen Land

Von Ulrike Putz und Yassin Musharbash

Israel klagt sechs Palästinenser an, die angeblich eine Qaida-Zelle gründen und den Hubschrauber von US-Präsident Bush bei einem Nahost-Besuch abschießen wollten. Was die Behörden besonders beunruhigt: Zwei der Verdächtigen sind israelische Bürger.

Tel Aviv / Berlin - Der Kampf um die Befreiung Jerusalems, so hat es Qaida-Chef Osama Bin Laden im Mai beschworen, "wird so lange geführt, wie es noch einen wahren Muslim auf der Welt gibt". Sein Stellvertreter Aiman al-Sawahiri stieß wenige Wochen darauf ins selbe Horn: Der Marsch auf Jerusalem sei unaufhaltsam. Alle wahren Mudschahidin müssten daran teilnehmen.

Anleitung zum Abschuss: Nach solchen Handreichungen sollen die Verdächtigen gesucht haben
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Anleitung zum Abschuss: Nach solchen Handreichungen sollen die Verdächtigen gesucht haben

Von solchen Parolen, so scheint es, haben sich die sechs jungen Palästinenser zwischen 21 und 24 Jahren anstecken lassen, die Israels Polizei und der Inlandsnachrichtendienst Shabak bereits im Juni und Juli festnahmen, wie erst heute bekannt wurde.

Allen wird die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen, einigen von ihnen darüber hinaus der Besitz von Propagandamaterial, die versuchte Rekrutierung für ein Terrornetzwerk sowie die "Unterstützung des Feindes".

Im Kern geht es jedoch um einen konkreten Vorwurf: Die sechs Männer sollen einen Anschlag auf US-Präsident George W. Bush entweder selbst geplant oder zumindest vorgeschlagen und mit Aufklärungsmaterial unterstützt haben. Außerdem sollen sie geplant haben, eine Qaida-Zelle zu gründen.

Attentatspläne erst am Anfang?

Agenturberichte und israelische Presseartikel widersprechen sich allerdings in Hinsicht auf das Bush-Attentat.

Die Tageszeitung "Haaretz" berichtet auf ihrer Web-Seite, einer der Angeklagten, ein Student der israelischen Hebräischen Universität in Jerusalem, habe mit seinem Handy Fotos von dem Hubschrauberlandeplatz gemacht, auf dem der US-Präsident bei seinem Staatsbesuch landen sollte. Diese Aufnahmen habe er in einer Qaida-nahen Web-Seite veröffentlicht und gefragt, wie man einen Hubschrauber abschießen könne.

Der israelische Internet-Dienst Ynetnews der Tageszeitung "Yedioth Ahronot" schreibt hingegen, der Mann habe die Bilder im Januar gemacht - und zwar während Bush landete. Danach habe er im Internet nach Informationen gesucht, wie man Helikopter abschießen könne. Bush besuchte Israel zwar ein weiteres Mal im Mai. Ob er da noch einmal denselben Landeplatz benutzen würde, dürfte jedoch nicht vorhersehbar gewesen sein.

Reuters wiederum berichtet, einer der Angeklagten habe lediglich "vorgeschlagen", Hubschrauber abzuschießen. Bush war zwei Mal in diesem Jahr in Israel, einmal im Januar, dann ein zweites Mal im Mai.

Die möglichen Widersprüche können daher rühren, dass der israelische Inlandsgeheimdienst Shabak anscheinend schon in einem sehr frühen Stadium an den sechs jungen Männer dran war. "Die waren von einer echten Planung noch sehr weit entfernt, sie hatten weder eine Strategie noch eine Taktik noch Waffen", sagte ein Geheimdienstexperte SPIEGEL ONLINE.

In jedem Fall scheinen die den Angeklagten zur Last gelegten Tatbestände vor allem im Internet begangen worden zu sein. So hätten sie versucht, dort Qaida-Kader zu kontaktieren, um selbst eine Qaida-Zelle zu errichten, hieß es. Auf mehreren Rechnern der Festgenommenen seien Bombenbauanleitungen gefunden worden.

Im Internet gibt es seit Jahren eine unübersehbare Anzahl von Qaida-nahen Diskussionsforen und Chatrooms. Anfragen wie jene, wie man einen Hubschrauber abschießen kann, sind ebenso alltäglich wie die Antworten darauf. Die wenigsten Cyber-Dschihadisten sind allerdings Qaida-Kader.

Der israelische Terrorexperte Reuven Paz, der die Dschihadistenszene im Internet seit Jahren beobachtet, vermutet, dass die Angeklagten nicht Teil einer realen Zelle waren, sondern zu der "zwar noch kleinen, aber wachsenden Zahl" Qaida-begeisterter Islamisten in den Palästinensischen Gebieten und Israel gehören. "Das Phänomen ist das Resultat von Qaida-Indoktrinierung durch das Internet, aber auch der hohen Internetzugangrate hier", sagte er SPIEGEL ONLINE. Darüber hinaus habe al-Qaida den Palästinakonflikt in den letzten Jahren verstärkt betont.

Zwei der Verhafteten sind israelische Bürger

An den militanten Überzeugungen der Festgenommenen besteht unterdessen weniger Zweifel als an der Frage, wie fortgeschritten ihre Planungen waren; die Indizien sind offenbar aussagekräftig.

Alle sechs Verdächtigen passen in das Muster, dass die israelischen Sicherheitsbehörden als "Feind von Innen" beschreiben. Zwei sind Palästinenser, die als sogenannte israelische Araber Staatsbürger Israels sind. Vier andere stammen aus dem 1967 von Israel besetzten Osten Jerusalems. Sie sind Inhaber einer "Blauen Karte", haben also eine Aufenthaltsgenehmigung für die östlichen Stadtgebiete und dürfen sich in Israel aufhalten.

Es ist die große Sorge der israelischen Terrorabwehr, dass sich Palästinenser, die sich frei und unauffällig in Israel bewegen können, dem Terror zuwenden. Seit dem Bau der Sperranlange – teils Zaun, teils Mauer - zwischen Israel und dem Westjordanland ist die Zahl der Terroranschläge in Israel drastisch zurückgegangen: Potentielle Täter wurden aus israelischen Staatsgebiet draußen gehalten, konnten mögliche Zielorte physisch nicht erreichen. Wenn sich nun Palästinenser, die unter und mit jüdischen Israelis leben, dem Terror zuwenden, hebelt das den Sinn und Zweck der Mauer aus. Terror, der von innen kommt, kann man nicht draußen halten.

Tatsächlich gab es in den vergangenen Monaten mehrere Hinweise darauf, dass die Angst vor dem Extremismus aus der eigenen Mitte berechtigt sein könnte.

Im März verübte ein Einwohner Ost-Jerusalems einen Terroranschlag auf eine Religionsschule in der Heiligen Stadt. Acht Studenten der Jeschiwa Mercaz Harav starben, als der radikale Palästinenser die Schule stürmte und wild um sich schoss. Auch er war Inhaber der "Blauen Karte". Sein Weg zu seinem Anschlagsziel führte ihn bloß ein paar Straßen weit, von einem Jerusalemer Stadtviertel zum anderen. Unbehelligt fuhr er mit einem Dienstwagen zu seinem Anschlag vor.

Treffpunkt al-Aksa-Moschee

Anfang Juli wurden im Süden Israels zwei Beduinen verhaftet - auch sie israelische Staatsbürger. Die Brüder Taher und Omar S. waren Mitglieder einer islamischen Bewegung und hatten seit 2006 im Internet Qaida-nahe Webseiten angesurft. Den Qaida-Anhängern, die sie in den Chaträumen trafen, sollen sie Informationen über Basen des israelischen Militärs in der Negev-Wüste zugespielt haben. Auch Informationen über ein großes Einkaufszentrum in Tel Aviv und über den Ben-Gurion-Flughafen sollen sie weiter gegeben haben.

Dass sich in Israel - unbemerkt von den Behörden – Qaida-nahe Terrorzellen bilden könnten, scheint trotz dieser Begebenheiten eher unwahrscheinlich, wie der jetzige Fall zeigt. Doch unübersehbar wächst in den Palästinensischen Gebieten die Zahl jener, denen die Hamas nicht mehr radikal genug ist.

Dass der Fall jetzt publik wurde, liegt daran, das am Freitag in Jerusalem Anklage gegen die bereits im Juni und Juli verhafteten Männer erhoben wurde.

Dem Vernehmen nach stehen Ibrahim N. aus Tayibe und Muhammas N. aus Nazareth im Zentrum der Ermittlungen. Die beiden Männer, 22 und 24 Jahre alt, sind arabische Israelis und studierten beide an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Ibrahim N. war für Physik und Informatik eingeschrieben, Muhammas N. las Chemie. Wie die beiden Studenten die anderen vier Männer zwischen 21 und 22 Jahren kennengelernt haben, ist unklar, sie sollen sich jedoch regelmäßig bei der al-Aksa-Moschee getroffen haben.

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