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21.07.2008
 

Pressepolitik

Wie das Weiße Haus Iraks Premier drängte, sein Obama-Lob zu kassieren

Von Yassin Musharbash

Ein SPIEGEL-Interview mit Iraks Premier macht Furore: Erst sprach Maliki von einer Fehlübersetzung - jetzt berichtet die "New York Times", dass er vom Weißen Haus zum Zurückrudern gedrängt wurde. Denn Malikis Lob für Obamas Abzugsplan konterkariert eine Absprache mit US-Präsident Bush.

Berlin - Es war 2 Uhr 59 am Sonntagmorgen in Bagdad, als die Erklärung des Sprechers der irakischen Regierung, Ali al-Dabbagh, an die Presse ging: Aussagen des Premierministers Nuri al-Maliki mit Blick auf die "Vision von Senator Barack Obama, US-Präsidentschaftsbewerber", so der entscheidende Satz, seien vom SPIEGEL "missverstanden und fehlübersetzt" worden.

Relativierte Worte: Bush und Maliki in Bagdad (2006)
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AP

Relativierte Worte: Bush und Maliki in Bagdad (2006)

Die Erklärung war eine Reaktion der irakischen Regierungszentrale auf den Wirbel, den Malikis Äußerungen im Interview mit dem SPIEGEL ausgelöst hatten, nachdem sie am Samstag auf SPIEGEL ONLINE veröffentlicht worden waren.

Mit Blick auf den Plan des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers Barack Obama, innerhalb von 16 Monaten nach seinem eventuellen Amtsantritt die US-Truppen aus dem Irak abzuziehen, hatte Maliki gesagt:

"Das, finden wir, wäre der richtige Zeitraum für den Abzug, geringe Abweichungen vorbehalten." Diese Aussage war in den USA als unerwartete Unterstützung für den designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten ausgelegt worden. Und eben diesen Eindruck wollte Maliki ungeschehen machen.

Allerdings nicht nur Maliki.

Denn wie eine Recherche der "New York Times" ("NYT") vom heutigen Montag nahelegt, beteiligten sich US-Diplomaten und US-Militärs an den entsprechenden Versuchen.

US-Beamte machten die Iraker auf die Wirkung aufmerksam

Nachdem SPIEGEL ONLINE das Interview am Samstag veröffentlicht hatte, meldeten sich laut "NYT" Beamte der US-Botschaft in Bagdad bei der irakischen Regierung. Sie hätten den Irakern erklärt, wie das SPIEGEL-Interview interpretiert werde, zitiert das Blatt Scott M. Stanzel, einen Sprecher des Weißen Hauses.

"Die Iraker waren sich dessen nicht bewusst und wollten das korrigieren", gibt die "New York Times" Stanzel wieder.

Für beide Regierungen - die irakische wie die US-amerikanische - war das Interview zu diesem Zeitpunkt delikat. Denn erst am Donnerstag, zwei Tage vor der Publikation des SPIEGEL-Interviews, hatten US-Präsident George W. Bush und Premier Maliki sich auf eine Sprachregelung bezüglich des weiteren Abzugs von US-Truppen aus dem Irak geeinigt: Ein "genereller Zeithorizont", hatten die beiden erklärt, solle gesucht werden. In den USA und im Irak war das am Freitag die entscheidende Nachricht gewesen. Zuvor hatte Bush jede Äußerung, die zu sehr nach einem Abzugsplan geklungen hätte, stets vermieden.

Es war nicht zuletzt vor dem Hintergrund dieser Neuigkeit, dass das SPIEGEL-Interview am Samstag sofort in die Schlagzeilen kam. Denn Malikis Einlassungen zu Obamas wesentlich konkreteren Abzugsideen wirkten nun, am Samstag, wie ein nachträgliches Abrücken von der mit Bush vereinbarten Sprachregelung.

Aus diesem Grund waren auch die US-Beamten vor Ort erpicht darauf, dass Maliki seine Obama-Äußerungen so weit es ging wieder einfing.

Das SPIEGEL-Interview war freilich bereits am Dienstag zuvor geführt worden - also vor Zustandekommen der Bush-Maliki-Sprachregelung. So gesehen ist es fraglich, ob Maliki nach der Übereinkunft mit Bush noch einmal dieselben Worte zu Obamas Vision eines Abzugs binnen 16 Monaten gefunden hätte.

Das US-Militär versandte Malikis "Dementi"

Aber er hatte sie dem SPIEGEL gegenüber nun einmal gesagt.

Und eine Fehlübersetzung war es nicht, auch wenn Regierungssprecher Dabbagh gegenüber der "NYT" noch am Sonntag auf seiner Version beharrte. Zu diesem Ergebnis kam auch die "NYT" nach Anhören der Original-Tonbänder. Abgesehen davon ist die englische Übersetzung des bei dem Interview anwesenden offiziellen irakischen Regierungsdolmetschers deckungsgleich mit der deutschen Übersetzung des SPIEGEL.

Zudem hatte Maliki das Obama-Thema selbst angeschnitten. Die SPIEGEL-Interviewer hatten generell nach Abzugsszenarien gefragt. Maliki nahm daraufhin in seiner Antwort Bezug auf Obamas 16-Monats-Idee, die der Senator just am Tag zuvor in einem Gastartikel in der "NYT" erstmals öffentlich ausgesprochen hatte.

Die USA beließen es unterdessen nicht dabei, Malikis Stab unter Druck zu setzen, nachdem das Interview am Samstag online gegangen war. Sie assistierten den Irakern anschließend auch, indem sie logistische Hilfe zur Verfügung stellten. Denn die amtliche Erklärung der irakischen Regierung, die am Sonntagmorgen um 2 Uhr 59 an die Presse ging, wurde von der E-Mail-Adresse "MNFIPRESSDESK[at]iraq.centcom.mil" aus verschickt. Dahinter verbirgt sich der Pressestab der multinationalen Irak-Streitkräfte.

Mit anderen Worten: Nachdem US-Beamte die irakische Regierung auf die unerwünschte Wirkung des Interviews aufmerksam gemacht hatten, verfiel diese auf die Idee, die Wirkung auf eine angeblich falsche Übersetzung zu schieben. Und die entsprechende Pressemitteilung wiederum wurde von US-Soldaten an die internationale Presse verschickt.

Das Weiße Haus hat sich bislang noch nicht zu dem Vorgang geäußert. In der "New York Times" wird allerdings ein namentlich nicht genannter hochrangiger US-Militär mit der Aussage zitiert, es sei nicht das erste Mal gewesen, dass Maliki oder sein Stab Äußerungen des Regierungschefs im Nachhinein "klarstellen" mussten.

Heute trifft Barack Obama im Rahmen einer einwöchigen Auslandsreise in Bagdad mit Nuri al-Maliki zusammen. Mitte der Woche wird Maliki dann in Berlin erwartet, während Obama am Donnerstag in Berlin öffentlich reden wird.

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insgesamt 13 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.07.2008 von Gandhi: Da al- Maliki weiss,

dass Bush eine "lame duck" ist, liess er sich nicht ins Bockshorn jagen. Es wird fuer Cheney/Bush immer schwieriger, die Interessen der Neocons im Irak durchzusetzen. mehr...

22.07.2008 von imagine: Einmal mehr

Politiker manipuliert, und nebenbei noch die Presse diskreditiert. Letzteres mindestens versucht. Die Presse ist einfach schwer zu disziplinieren... Ärgerlich für die Bush-Gang mehr...

21.07.2008 von DorisP: Wie sich die Bilder gleichen

Genau so ging Leonid Iljitsch Breschnew in den 80er Jahren mit dem afghanischer Staatspräsident Babrak Karmal um. mehr...

21.07.2008 von Interessierter0815: Denkanstöße

Tschia, da sieht man mal das fast alle in der großen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft dreck am stecken haben. Glaub auch nicht, dass sie sich bei ihren geheimen treffen über Sachen plaudern, die die Menschheit voranbringen [...] mehr...

21.07.2008 von Kalix: Bloss kein Vergleich

Vollkommen richtig; nur mit dem Verstehen habe ich meine Probleme. Invasion im Irak ohne UNO-Vollmacht, Konstruktion eines nicht vorhandenen Grundes für diesen Krieg, völkerrechtswidriges Handeln gegen Kriegsgefangene in [...] mehr...

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