Karadzic-Verhaftung
Diplomaten preisen Festnahme von "Europas Bin Laden"
Von Renate Flottau, Belgrad
Er zählte zu den meistgesuchten Verbrechern der Welt, jetzt wurde Radovan Karadzic gefasst. Führende Diplomaten zeigen sich hocherfreut. US-Vermittler Holbrooke pries das Ende der Flucht des "europäischen Bin Laden" - für das Kriegsverbrechertribunal kam es gerade noch rechtzeitig.
Belgrad - Serge Brammertz hat wohl noch nie so gerne einen Besuch abgesagt: An diesem Dienstag sollte der Chefankläger des Haager Kriegsverbrechertribunals in Belgrad eintreffen und erneut die Verhaftung der drei immer noch flüchtigen vermutlichen Kriegsverbrecher – unter ihnen auch Radovan Karadzic – anmahnen. Der wird ihm nun, nach zwölfjährigem Versteckspiel, frei Haus geliefert.
Abgemagert wurde der 63-jährige bosnische Serbenführer, der von 1992 bis 1996 Präsident der Republika Srpska in Bosnien war, offiziellen Aussagen zufolge
am Montagabend in Belgrad verhaftet und in der Nacht zum Dienstag bis 2.30 Uhr vom Untersuchungsrichter verhört. Er soll dabei geschwiegen haben, seine Identität sei aber einwandfrei festgestellt worden.
Die Festnahme soll so ruhig abgelaufen sein, wie es wohl kaum einer erwartet hätte: Es gab nach Darstellung Belgrads keine Schusswechsel, weder Tote noch Verletzte - trotz der Dutzenden von Bodyguards, die Karadzic angeblich abschirmten.
Nach der Verhaftung versammelten sich in der Nacht jedoch Dutzende von Karadzic-Anhängern vor dem Gerichtsgebäude in Belgrad, in dem der Festgenommene dem Untersuchungsrichter vorgeführt wurde. Schwerbewaffnete Einheiten der serbischen Polizei zogen vor dem Gebäude auf. Mehrere Anhänger Karadzics vor dem Gebäude wurden festgenommen, nachdem sie auf Reporter losgegangen waren. Karadzic wird von vielen Serben immer noch als Patriot verehrt. "Karadzic, du Held", riefen seine Anhänger, und "Tadic, du Verräter".
Mit Autokorsos und Hupkonzerten
feierten hingegen bosnische Muslime in Sarajevo die Festnahme Karadzics. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der bosnischen Hauptstadt. Viele Bewohner zogen jubelnd, singend und tanzend auf die Straßen.
Dabei ist fraglich, ob sich auch wirklich alles so abspielte, wie Belgrad das bisher glauben machen möchte. Denn Karadzics Anwalt Svetozar Vujacic schilderte der Presse im Auftrag seines Mandanten einen ganz anderen Ablauf der Ereignisse. Demnach sei Karadzic bereits am Freitag um 21.30 Uhr
im Autobus von Neu-Belgrad nach Batajnica verhaftet worden. Weil ihm dabei eine Kappe über den Kopf gezogen worden sei, habe er nicht feststellen können, wer ihn festgenommen habe. Danach habe man ihn drei Tage in einem Zimmer eingesperrt. Eine Version, die Untersuchungsrichter Milan Dilparic jetzt "prüfen will".
KRIEGSVERBRECHEN IM EINSTIGEN JUGOSLAWIEN
Völkermord ist der Rechtsbegriff für das schlimmste denkbare Verbrechen - Handlungen mit dem Ziel, ein Volk, eine Ethnie oder auch eine Glaubensgemeinschaft zu vernichten. Das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 rund 8000 muslimische Jungen und Männer ermordet wurden, wird von internationalen Strafrechtlern als ein solches Verbrechen eingestuft. Der am Montag verhaftete ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic gilt zusammen mit seinem noch flüchtigen einstigen Militärchef Ratko Mladic als Hauptverantwortlicher für das Massaker.
Der Begriff Völkermord ist auch unter der Bezeichnung "Genozid" geläufig. "Genozid" ist aus dem griechischen "genos" ("Herkunft") und dem lateinischen "caedere" ("töten") zusammengesetzt. Der jüdische Anwalt Raphael Lemkin, der aus Polen in die USA geflüchtet war, prägte das Wort 1944, um eine Grundlage für die Bestrafung der Verbrechen zu legen, die von den Nationalsozialisten begangen wurden.
Völkermord umfasst nach Artikel zwei der Uno-Konvention 260 von 1948 Handlungen gegen Mitglieder einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe, die in der Absicht begangen werden, die Gruppe ganz oder zum Teil auszulöschen. Mit der Konvention 260 wurde der Völkermord international geächtet.
Zu den Straftatbeständen, die von der Völkermordskonvention erfasst werden, gehört das Töten, das Zufügen von ernsthaften körperlichen oder geistigen Schäden, die Auferlegung von Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen, die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung und Verschleppung von Kindern.
Mit dem Ex-Soldaten Drazen Erdemovic wurde 1998 der erste
Verantwortliche für das Massaker zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er
wurde im Jahr 2000 in Norwegen vorzeitig aus dem Gefängnis
entlassen. Vier weitere Soldaten wurden zu Haftstrafen zwischen
neun und 20 Jahren verurteilt.
Das Internationale Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien in Den Haag hat bisher einen Angeklagten wegen Völkermordes verurteilt: den bosnisch-serbischen General Radislav Krstic wegen des Massakers von Srebrenica. Insgesamt erhob das Kriegsverbrechertribunal seit seiner Gründung vor 15 Jahren Anklage gegen 161 Menschen.
Radovan Karadzic ist vor dem Internationalen Tribunal für das ehemalige Jugoslawien wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Das von der Uno eingerichtete Tribunal in Den Haag wirft ihm vor, während des Kriegs in Bosnien zwischen 1992 und 1995 zusammen mit dem bosnisch-serbischen Armeechef Ratko Mladic einen Plan zur "ethnischen Säuberung" bestimmter Gebiete Bosnien-Herzegowinas erarbeitet zu haben. Zur Verwirklichung ihres Ziels eines großserbischen Staats hätten die bosnisch-serbischen Führer einen Aktionsplan in Gang gesetzt, der mit "Verfolgungen und Terrortaktiken" sowie Vertreibung und Vernichtung verbunden gewesen sei.
Ratko Mladic
Der bosnisch-serbische Ex-General Ratko Mladic (Bild links) war hinter Karadzic bislang die Nummer zwei auf der Fahndungsliste des Uno-Tribunals. Wie Karadzic ist auch der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg angeklagt. Dem 66-Jährigen droht lebenslange Haft, sollte er in den 15 Anklagepunkten schuldig gesprochen werden.
Mladic ist auf der Flucht, seit das Haager Tribunal 1995 seine Anklage veröffentlichte. Das Uno-Tribunal vermutet, dass er sich in Serbien versteckt hält, wo auch Karadzic nun verhaftet wurde. Er ist der einzige der 19 wegen des Massakers von Srebrenica angeklagten mutmaßlichen Haupttäter, der noch nicht gefasst ist.
Goran Hadzic
Der ehemalige Präsident der selbst ernannten serbischen Republik Krajina in Kroatien ist wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Der 49-Jährige soll für den Tod Hunderter kroatischer Zivilisten und die Deportation von Zehntausenden Kroaten durch die serbischen Truppen während des Kroatien-Krieges verantwortlich sein. Hadzic tauchte unter, kurz nachdem die Anklage gegen ihn im Juli 2004 bekanntgegeben wurde.
Dass der außer dem noch flüchtigen früheren bosnisch-serbischen Militärchef Ratko Mladic
meistgesuchte Kriegsverbrecher in einem zu dieser Zeit gut besetzten Stadtbus durch Serbiens Hauptstadt gefahren sein soll, wirft indes eine Frage auf: War er sich des Schutzes der serbischen Behörden so sicher oder erfolgte die Festnahme im gegenseitigen Einverständnis?
Schon Ende der neunziger Jahre hatte Karadzic in geheimen Kontakten mit den Haager Ermittlern angeboten, sich freiwillig zu stellen. Im Gegenzug soll er eine Zusicherung des Tribunals gefordert haben, einen Aktenkoffer an Beweisen zu seiner Verteidigung auch vor Gericht als entlastendes Material zuzulassen. Der Deal kam nicht zustande. Dass der wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnien-Krieg angeklagte gebürtige Montenegriner sich zwölf Jahre lang erfolgreich dem Zugriff der Sicherheitskräfte entziehen konnte, hatte in der Öffentlichkeit zu mannigfachen Spekulationen geführt.