Samstag, 21. November 2009

Politik



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22.07.2008
 

Karadzic-Verhaftung

Diplomaten preisen Festnahme von "Europas Bin Laden"

Von Renate Flottau, Belgrad

Er zählte zu den meistgesuchten Verbrechern der Welt, jetzt wurde Radovan Karadzic gefasst. Führende Diplomaten zeigen sich hocherfreut. US-Vermittler Holbrooke pries das Ende der Flucht des "europäischen Bin Laden" - für das Kriegsverbrechertribunal kam es gerade noch rechtzeitig.

Belgrad - Serge Brammertz hat wohl noch nie so gerne einen Besuch abgesagt: An diesem Dienstag sollte der Chefankläger des Haager Kriegsverbrechertribunals in Belgrad eintreffen und erneut die Verhaftung der drei immer noch flüchtigen vermutlichen Kriegsverbrecher – unter ihnen auch Radovan Karadzic – anmahnen. Der wird ihm nun, nach zwölfjährigem Versteckspiel, frei Haus geliefert.

Abgemagert wurde der 63-jährige bosnische Serbenführer, der von 1992 bis 1996 Präsident der Republika Srpska in Bosnien war, offiziellen Aussagen zufolge am Montagabend in Belgrad verhaftet und in der Nacht zum Dienstag bis 2.30 Uhr vom Untersuchungsrichter verhört. Er soll dabei geschwiegen haben, seine Identität sei aber einwandfrei festgestellt worden.

Die Festnahme soll so ruhig abgelaufen sein, wie es wohl kaum einer erwartet hätte: Es gab nach Darstellung Belgrads keine Schusswechsel, weder Tote noch Verletzte - trotz der Dutzenden von Bodyguards, die Karadzic angeblich abschirmten.

Nach der Verhaftung versammelten sich in der Nacht jedoch Dutzende von Karadzic-Anhängern vor dem Gerichtsgebäude in Belgrad, in dem der Festgenommene dem Untersuchungsrichter vorgeführt wurde. Schwerbewaffnete Einheiten der serbischen Polizei zogen vor dem Gebäude auf. Mehrere Anhänger Karadzics vor dem Gebäude wurden festgenommen, nachdem sie auf Reporter losgegangen waren. Karadzic wird von vielen Serben immer noch als Patriot verehrt. "Karadzic, du Held", riefen seine Anhänger, und "Tadic, du Verräter".

Mit Autokorsos und Hupkonzerten feierten hingegen bosnische Muslime in Sarajevo die Festnahme Karadzics. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der bosnischen Hauptstadt. Viele Bewohner zogen jubelnd, singend und tanzend auf die Straßen.

Dabei ist fraglich, ob sich auch wirklich alles so abspielte, wie Belgrad das bisher glauben machen möchte. Denn Karadzics Anwalt Svetozar Vujacic schilderte der Presse im Auftrag seines Mandanten einen ganz anderen Ablauf der Ereignisse. Demnach sei Karadzic bereits am Freitag um 21.30 Uhr im Autobus von Neu-Belgrad nach Batajnica verhaftet worden. Weil ihm dabei eine Kappe über den Kopf gezogen worden sei, habe er nicht feststellen können, wer ihn festgenommen habe. Danach habe man ihn drei Tage in einem Zimmer eingesperrt. Eine Version, die Untersuchungsrichter Milan Dilparic jetzt "prüfen will".

KRIEGSVERBRECHEN IM EINSTIGEN JUGOSLAWIEN

Völkermord

DPA
Völkermord ist der Rechtsbegriff für das schlimmste denkbare Verbrechen - Handlungen mit dem Ziel, ein Volk, eine Ethnie oder auch eine Glaubensgemeinschaft zu vernichten. Das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 rund 8000 muslimische Jungen und Männer ermordet wurden, wird von internationalen Strafrechtlern als ein solches Verbrechen eingestuft. Der am Montag verhaftete ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic gilt zusammen mit seinem noch flüchtigen einstigen Militärchef Ratko Mladic als Hauptverantwortlicher für das Massaker.

Die Definition

Die Straftatbestände

Verurteilungen

Das Tribunal

Die Anklage gegen Karadzic

Die Gesuchten

Dass der außer dem noch flüchtigen früheren bosnisch-serbischen Militärchef Ratko Mladic meistgesuchte Kriegsverbrecher in einem zu dieser Zeit gut besetzten Stadtbus durch Serbiens Hauptstadt gefahren sein soll, wirft indes eine Frage auf: War er sich des Schutzes der serbischen Behörden so sicher oder erfolgte die Festnahme im gegenseitigen Einverständnis?

Schon Ende der neunziger Jahre hatte Karadzic in geheimen Kontakten mit den Haager Ermittlern angeboten, sich freiwillig zu stellen. Im Gegenzug soll er eine Zusicherung des Tribunals gefordert haben, einen Aktenkoffer an Beweisen zu seiner Verteidigung auch vor Gericht als entlastendes Material zuzulassen. Der Deal kam nicht zustande. Dass der wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnien-Krieg angeklagte gebürtige Montenegriner sich zwölf Jahre lang erfolgreich dem Zugriff der Sicherheitskräfte entziehen konnte, hatte in der Öffentlichkeit zu mannigfachen Spekulationen geführt.

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