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22.07.2008
 

Karadzic-Verhaftung

Diplomaten preisen Festnahme von "Europas Bin Laden"

Von Renate Flottau, Belgrad

2. Teil: Sporadische Hausdurchsuchungen bei Karadzics Ehefrau

Man vermutete unter anderem einen geheimen Schutz Washingtons, da der bosnische Serbenführer möglicherweise von Abmachungen während des Kriegs wusste, die die US-Regierung kompromittieren könnten. Dazu kam die Angst der in Bosnien stationierten internationalen Schutzkräfte, eine Verhaftung des "Helden Karadzic" könne den ohnehin fragilen Frieden im Land gefährden und die Bevölkerung der serbischen Entität zu einem bewaffneten Aufstand provozieren.

Deshalb begnügte man sich mit sporadischen Hausdurchsuchungen bei Karadzics Ehefrau und Tochter sowie dem Einfrieren der Konten mutmaßlicher Karadzic-Helfer.

Dass die Aktion seiner Festnahme ausgerechnet jetzt erfolgte, ist zweifellos auch ein Resultat der neuen Strategie Serbiens, den Anschluss an die EU nicht zu verpassen. Die mitregierende Sozialistische Partei dürfte die Festnahme allerdings Wählerstimmen kosten - Sozialistenführer und Innenminister Ivica Dacic beeilte sich noch in der Nacht, jede Anteilnahme der ihm unterstehenden Polizei an der Verhaftung abzustreiten. Die Zusammenarbeit mit dem Tribunal dürfe nicht einseitig sein, sondern müsse von beiden Seiten konstruktiv verlaufen, erklärten die Sozialisten. Beobachter vermuten, dass Belgrad dem möglicherweise fluchtmüden Karadzic zusagte, ihm im Falle seiner "widerstandslosen Festnahme" mit entlastenden Beweisen aus den Archiven die Verteidigung zu erleichtern oder gar belastende Dokumente verschwinden zu lassen. Unter einem Innenminister Dacic, der Milosevics Kriegsziele nie in Frage stellte, sollte dies nicht schwierig sein.

Ob Karadzic, der in Kürze dem Haager Tribunal überstellt werden soll, sich bei seiner Verteidigung als Empfehlsempfänger des 2006 im Tribunal verstorbenen ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic reinwaschen kann, bleibt abzuwarten – ist aber kaum zu vermuten. Zwar hatte sich Milosevic 1994 von Karadzic distanziert und sogar Sanktionen gegen die bosnischen Serben verhängt – doch der Psychiater und Hobby-Poet Karadzic hatte stets vermieden, gegen den Führer des "Mutterlandes Serbien" Vorwürfe zu erheben.

Auch an den Friedensverhandlungen von Dayton hatte Milosevic teilgenommen - nicht Karadzic. Das Massaker von Srebrenica, bei dem rund 8000 Muslime getötet wurden, dürfte Karadzic wohl vor allem der Unkontrollierbarkeit seines Kriegskommandanten Ratko Mladic anlasten. Die militärische Einnahme hatte er indes mehrfach mit der Begründung angekündigt, die dort in einer Uno-Enklave lebenden Muslime seien entgegen internationaler Abmachung schwer bewaffnet.

Festnahme des "europäischen Bin Laden"

Der Westen reagierte mit Lob und Versprechen auf die Festnahme von Karadzic: Der mutige Schritt der serbischen Führung habe dem Land die europäische Integration geöffnet, sagte EU-Kommissar Olli Rehn. Der ehemalige US-Vermittler Richard Holbrooke nannte es einen historischen Tag, an dem der "europäische Bin Laden" verhaftet worden sei.

Auch für das Haager Tribunal kam die Verhaftung von Karadzic wie ein Gottesgeschenk. Frustriert von der vergeblichen Suche nach den beiden Hauptakteuren im Bosnien-Krieg und dem Tod Milosevics, hatte das internationale Kriegsgericht zunehmend mit finanziellen Engpässen und Imageproblemen zu kämpfen. Ende 2008 soll es seine Pforten für alle Verfahren in Erstinstanz schließen. Eine Fristverlängerung durch den Uno-Sicherheitsrat dürfte jetzt wahrscheinlich sein. Sollte Karadzic dasselbe Recht wie Milosevic zur Selbstverteidigung – und somit zur politischen Selbstpräsentation – zugestanden werden, dürfte die Weltöffentlichkeit für weitere Jahre Zeuge der Aufarbeitung serbischer Kriegsvergangenheit werden.

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