Von Marc Hujer
Das Jahr 2007 hat gerade begonnen, und Barack Obama ist aus dem Urlaub zurückgekehrt, als das "People"-Magazin in die Zeitschriftenläden kommt.
Wie jedes Jahr hat Obama Urlaub auf Hawaii gemacht, wo er den größten Teil seiner Kindheit verbrachte. Als kleiner Junge ging er dort schwimmen, fuhr ein Dreirad mit einem blau-weiß-roten Wimpel und lief barfuß am Strand entlang. Sein Großvater erzählte den Touristen, Obama sei der Urenkel König Kamehamehas des Großen, Hawaiis erstem Monarchen. Die Leute fragten ihn höflich, ob sie ein Foto von ihm machen durften. So verdiente Obama sein erstes Taschengeld.
Er war auch diesmal wieder hingerissen von dieser Insel. Er genoss die "blaue Weite des Pazifiks, die moosbedeckten Felsen und das kühle Rauschen der Manoa Falls". Der hohe Himmel, fand er, sei "erfüllt vom Gesang unsichtbarer Vögel". "Meine Familie, die 1959 dort ankam", schreibt er in seiner Autobiografie, "muss den Eindruck gewonnen haben, als hätte die Natur, des Kriegs und der Aggression überdrüssig, diese grünen Felsen in den Ozean geworfen, damit sie von Pionieren aus der ganzen Welt mit sonnengebräunten Kindern bevölkert werden konnten." Es war der Urlaub, in dem er ein letztes Mal über seine große Entscheidung nachdachte. Er wollte sich ganz sicher sein, dass er wirklich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden wollte. Nummer 44, der Nachfolger von Präsident George W. Bush. Obama merkte nicht, dass er geknipst wurde.
Im "People"-Magazin sind nun die Bilder zu besichtigen, Seite 11, Obama als "Beach Babe". Die Aufnahme zeigt ihn am Strand, wie er in Badehose durch die Wellen schreitet. Sein schlanker Körper streckt sich über eine ganze Farbseite. Seinem Bild folgen Penelope Cruz auf dem Boogie Board und Catherine Zeta-Jones im String-Bikini.
Die Nation beugte sich gespannt über den halbnackten Obama, betrachtete diesen Mann, den sie bisher nur in feinen Anzügen kannte, bewunderte seinen "perfekt haarlosen Oberkörper", seinen athletischen Leib und stellte befriedigt fest, dass er ein "bisschen Polsterung am Bauch" hat. Und doch: ein schöner Mann, schöner als alle anderen, die man so in Washington sieht, das fanden die Männer und die Frauen sowieso. Und langsam wuchs die Begeisterung für diesen schlanken Typen mit dem strahlenden Lachen, den sperrigen Ohren und der kurz gemähten Frisur, der auch mit 46 noch wie ein Junge aussieht.
Obama ist wie Urlaub. Urlaub von der Vergangenheit, vom Wahldebakel in Florida, von Guantanamo Bay und Abu Ghraib. Urlaub von George W. Bush.
Campbell’s Soup, Goodyear-Reifen, Zenith-Fernseher
Ist er der Retter? Der Mann, der die Jahre der hässlichen Rechthaberei vergessen machen kann, die Amerika so viele Freunde in der Welt gekostet hat? Der Mann, der die innenpolitische Lähmung auflösen kann? Es gibt wenig, worauf Amerika zuletzt wirklich stolz sein konnte. Umso stärker ist wieder der alte, uramerikanische Antrieb geworden, sich neu zu erfinden, etwas zu erreichen, was es noch nie gab. Und deswegen treibt diesen Wahlkampf die immer gleiche Frage voran: "Ist Amerika bereit für einen Neuanfang?" Bereit für den ersten Schwarzen? Bereit für Barack Obama? Obama, der Beach-Boy aus Hawaii, wurde zum Symbol für die bestmögliche Zukunft. Ein Junge, halb weiß und halb schwarz, Sohn einer weißen Mutter aus Kansas und eines schwarzen Vaters aus Kenia, geboren in einer Zeit, in der es in Amerika noch Bundesstaaten gab, die Mischehen ächteten. Es scheint, gerade er erfüllte die kollektive Sehnsucht nach einem neuen, freundlicheren Amerika, das offener ist, toleranter, weltgewandt, nach einem neuen Stil der Politik, nach einer Politik mit Happy End.
Im Alter von neun Jahren hatte Obama das erste Mal Sehnsucht nach diesem Traumbild von Amerika. Er lebte mit seiner Mutter in Jakarta und hatte Heimweh nach Honolulu. Seine Mutter hatte wieder geheiratet, einen Indonesier, nachdem sein Vater die Familie verlassen hatte, als Obama zwei Jahre alt war. Sein Vater war dorthin zurückgegangen, wo er herkam, nach Kenia.
Indonesien schien Barack fremd und bedrohlich. Er sprach die Sprache nur schlecht und war hin- und hergerissen zwischen drei Religionen, zwischen dem afrikanischen Stammesglauben des Vaters, dem amerikanischen Christentum der Mutter und dem muslimischen Glauben des Stiefvaters und der Mitschüler in Indonesien.
Er saß oft allein in der Ecke und malte amerikanische Comic-Helden, die dort niemand kannte: Batman, Superman, Disney-Figuren. Seine Hausaufgaben machte er in der amerikanischen Botschaft in Jakarta, wo seine Mutter arbeitete. Wenn er fertig war, las er in den Comic-Heften und blätterte durch die ausliegenden Magazine. Er erfreute sich an der Werbung für Campbell’s Soup, Goodyear-Reifen, Zenith-Fernseher und daran, Frauen in roten Miniröcken zu sehen. Das war Heimat für ihn.
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