• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Amerikas Begeisterung für Obama Der Märchenprinz

7. Teil: "Yes, we can" - "Yes, we believe"

Noch bevor er 2004 in Boston auftrat, hatte sein Berater David Axelrod damit begonnen, die Stationen von Obamas Biografie der Presse in Washington und Illinois zu verkaufen. Er ließ Markttests für die Stärken und Schwächen in Obamas Biografie durchführen. Dabei fanden sie heraus, dass verschiedene Teile der Biografie unterschiedlich stark auf verschiedene Bevölkerungsgruppen wirkten. Bei Weißen schlug ein, dass er der erste schwarze Präsident der Harvard Law Review war, der einflussreichsten Juristenzeitschrift des Landes an einer vorwiegend weißen Eliteuniversität; das stand für Ostküste, Neuengland, Elite.

Für die Weißen war es "ein positives Bild eines Schwarzen". Die schwarzen Wähler hingegen überzeugte, dass er als Sozialarbeiter in der South Side von Chicago gearbeitet hatte und sich für ein Gesetz gegen Rassendiskriminierung und eine bessere Gesundheitsversorgung einsetzte.

Obama, der Ein-Mann-Schmelztiegel.

Er hat keine Scheu vor Leuten, die anderer Meinung sind. Er arbeitet gern und ostentativ mit Konservativen zusammen, zum Beispiel mit Sam Brownback, dem Senator von Kansas, der wegen seiner konservativen Überzeugungen in Washington "Senator Gott" genannt wird. Er nennt den konservativen Pastor Rick Warren der Megakirche Saddleback Church seinen Freund.

Das Flüstern von Republikaner zu Demokrat

Er fürchtet die Rechte nicht, weil er sie nur in Verfall und Dekadenz erlebt hat, anders als Hillary Clinton. Er übt Anziehungskraft auf Wechselwähler und auch auf gemäßigte Republikaner aus. Zu seinem Standardrepertoire auf Wahlkampfveranstaltungen gehört es, im Flüsterton Republikaner zu persiflieren: "Sie sagen 'Barack'", flüstert er, "'ich bin ein Republikaner, aber ich unterstütze dich.'" Er wispert zurück: "Ich sage: Danke." Dann macht er eine Pause. "Warum flüstern wir?"

Schwarz zu sein, kann heute Macht bedeuten. Barack Obama bietet vielen weißen Amerikanern auch die Chance, die historische Schuld loszuwerden. So sieht es Stephen Steinberg, ein Soziologe am Queens College, wenn er die "Magie Obamas", seine Strahlkraft für weiße Wähler, sarkastisch beschreibt: Das sei für sie, die Weißen, wie ein "Exorzismus von den Sünden des Rassismus - zieh an der Lasche, und - puff, alles ist weg". Entscheidend sei, dass Barack ihnen nicht Reue abverlangt, sondern den Weg zur Absolution ebnet.

Ein Schwarzer, der gewählt werden will, muss das Vertrauen der Weißen erwerben. Er sollte sie nicht anklagen; Anklage ist das Monopol der Bürgerrechtsbewegung, die Jesse Jackson oder Al Sharpton verkörpern. Er muss sie an seinem Leben teilnehmen lassen, an allen Zweifeln, Sorgen, Nöten. Die schwarze Talkmasterin Oprah Winfrey macht das, indem sie sich mit ihren Gästen über Gewichtsprobleme unterhält - auch über ihre eigenen. Obama redet über seine Haschzigaretten und seinen Vater. Seht her, wollen sie sagen, wir sind normale Menschen mit normalen Sorgen. Wir sind wie ihr.

Aus diesem Grund ist Michelle so wichtig. Obamas Frau hat eine schwarze Mutter und einen schwarzen Vater. Sie ist aufgewachsen, wo die Schwarzen zu Hause sind, in der South Side Chicagos. Sie kümmert sich heute vor allem um die beiden gemeinsamen Kinder, Malia und Sasha, aber wenn Obama sie im Wahlkampf braucht, ist sie da, notfalls auch mit ihren Töchtern. Sie redigiert seine Reden und verteidigt ihn gegen Kritiker. Sie ist breitschultrig, 1,80 Meter groß und durchtrainiert. Freunde sagen, ihren Sport betreibe sie "wie ein Gladiator". Sie hat Humor, aber ihr Lächeln muss man sich erst verdienen.

Als vor den Vorwahlen in South Carolina die Frage gestellt wurde, ob ihr Mann "schwarz genug" sei, wurde sie in den Wahlkampf "entsandt" und trat von da an im ganzen Land für ihn auf, in Charleston, De Pere in Wisconsin und schließlich in Los Angeles, auf einer Großveranstaltung im Pauley Pavillon der Universität von Kalifornien. Mehrere Tausend Leute waren da, auf der großen Hallenleinwand wurde das Rap-Video "Yes, we can" von Black Eyed Peas gezeigt, eine gerappte Vertonung der Reden ihres Mannes. Sie führte Stevie Wonder auf die Bühne, der ihren Mann unterstützt, sie begrüßte Oprah Winfrey. Dann ging sie ans Mikrofon und hielt eine gut 30-minütige, flammende Rede auf ihren Mann.

"Warum ich?"

Für die Medien hat er kommerziellen Appeal. Sein programmatisches Buch Hoffnung wagen (The Audacity of Hope) wurde 2006 zum Bestseller. Für das Hörbuch seiner Autobiografie Dreams from My Father bekam er einen Grammy. Die Stars George Clooney, Will Smith, Bernie Mac, Halle Berry und Oprah Winfrey wurden zu treuen Fans, und der Rapper Common widmete ihm eine Zeile in einem Abgesang auf Bush: "Warum entheben wir Bush nicht des Amtes und wählen Obama?" Wegen seiner Popularität nannte ihn Bush scherzhaft "den Papst".

Es ist der 20. Februar 2008, und Obama betritt das Toyota Center von Houston. Draußen sind ganze Straßenviertel abgesperrt. Die Polizei patrouilliert mit Spürhunden, und überall sind Sicherheitsbeamte mit Knopf im Ohr aufgestellt.

Er hat gerade zehn Vorwahlsiege in Folge errungen, es steht zehn zu null für ihn gegen Hillary, und in diesem Moment kommt der elfte Sieg hinzu, einer, der ihn beim Delegiertenzählen zwar nur ein paar Stimmen weiterbringt, aber der so viel aussagt über diesen Mann wie sonst kein anderer: Hawaii, das Land seiner Kindheit, "in dem die Kämpfe, die es in Amerika gab, nicht gekämpft wurden, ein Ort, wo Multikulturalismus blühen konnte". 75 Prozent der Stimmen wird er dort bekommen, so viel wie sonst nirgendwo. In Hawaii, wo es die schöne Welt schon gibt, die er Amerika verspricht.

"Warum ich?", ruft Obama in die Halle, "warum ich, und nicht Hillary?" Was für ein Gefühl muss es sein, einem wie ihm das oberste Amt im Staat zu geben, der bis 2004 noch Regionalpolitiker in Illinois war und dazu noch schwarz ist. Ein Mann, der so unerfahren ist, wie es nicht einmal John F. Kennedy im Jahr 1960 war. Bis vor kurzem war Obama ein Niemand, nun ist er die große Projektionsfläche für die Träume eines verunsicherten Landes. Es widerspricht vielleicht der Vernunft, aber in diesem Gedanken liegt eine große Versuchung, das Gefühl, Amerika könnte sich wieder einmal selbst übertreffen. Es ist wie der alte Rausch, als die Kennedys Amerika eroberten.

Der Cheerleader einer Partei

"Wandel wird es nicht geben, wenn der Wandel nicht von euch kommt", ruft er ihnen zu. Er sagt jetzt Sätze, die Barack, "den Gesegneten", wie einen Messias klingen lassen. "Wir sind die Leute, auf die wir gewartet haben." Er predigt, sie rufen Amen. "Yes, we can." "Ja, wir können es schaffen."

Obama ist wie der Cheerleader seiner Partei, aufregend wie ein Seitensprung. Und er zieht alle in seinen Bann, die Fans, die Kritiker, die Konkurrenz. Und vielleicht glauben sie an diesem Abend im Toyota Center von Houston wirklich, dass dieser Kitsch, dieses unendliche Pathos sie in eine bessere Zeit tragen könnte, dass ihr Land wieder großartig wird, weil sie ihm zujubeln. Sie können großartig werden durch ihn.

"Glaubt ihr?", ruft er. Und sie antworten: "Yes, we believe."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema US-Präsidentschaftswahl 2008

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP



TOP