Obamas Rede in Berlin
"Jetzt ist die Zeit, neue Brücken zu bauen"
Beifallstürme für Barack Obama: Mit seiner Grundsatzrede zur Weltpolitik begeisterte er sein Publikum. Jetzt sei der Moment, den Planeten zu retten, neue Brücken zu bauen, den Terrorismus zu besiegen, den Verlierern der Globalisierung zu helfen, rief der US-Präsidentschaftskandidat den Berlinern zu.
Berlin - Jubel, Sprechchöre, viele Fans rufen "Yes we can". Dann kommt Barack Obama auf die Bühne. Langsam, er schreitet, und als er am Pult ist, sagt er sehr oft "Danke", bis der Beifall der 200.000 Menschen abgeklungen ist - und er an der Siegessäule seine Grundsatzrede zur Außenpolitik beginnen kann.
"Völker der Welt, schaut auf Berlin", ruft der Präsidentschaftskandidat der Demokraten gleich zu Beginn mehrfach - eine Anspielung auf den legendären Satz des ehemaligen Bürgermeisters Ernst Reuter. Hier, in dieser Stadt, hätten Amerikaner und Deutsche zusammenzuarbeiten gelernt. Hier habe es den Marshall-Plan für den Aufbau gegeben. Hier habe man Herausforderungen wie den Kalten Krieg gemeistert. "Völker der Welt, schaut auf Berlin, wo die Mauer fiel und ein Kontinent zusammenwuchs." Diese Stadt, "von allen Städten, kennt den Traum der Freiheit".
WORTLAUT: BARACK OBAMA IN BERLIN ÜBER ...
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"Wenn wir ehrlich miteinander sind, dann wissen wir, dass wir auf beiden Seiten des Atlantiks gelegentlich auseinandergedriftet sind und unser gemeinsames Schicksal vergessen haben."
"In Europa hat sich viel zu sehr die Ansicht durchgesetzt, dass Amerika ein Teil dessen ist, was auf der Welt falsch läuft, und nicht die Kraft ist, die Hilfe zur Verbesserung bietet. In Amerika gibt es Stimmen, die die Wichtigkeit der Rolle Europas für unsere Sicherheit und unsere Zukunft verhöhnen und bestreiten. Beide Meinungen gehen an der Wahrheit vorbei (...)."
"Ja, es gab Differenzen zwischen Amerika und Europa. Es wird sie ohne Zweifel auch in der Zukunft geben. Aber die Last der gobalen Verantwortung bindet uns aneinander. Ein Wechsel der Führung in Washington wird diese Last nicht von uns nehmen. (...) Amerikaner und Europäer werden mehr tun müssen, nicht weniger."
"Ich weiß, dass mein Land nicht perfekt ist. Gelegentlich taten wir uns schwer, das Versprechen von Freiheit und Gleichheit für alle unsere Bürger zu erfüllen. Wir haben unseren Anteil an Fehlern gemacht, und es gab Zeiten, in denen unser Handeln rund um die Welt nicht unseren besten Absichten gerecht wurde. Ich weiß aber auch, wie sehr ich Amerika liebe."
"Wahre Partnerschaft und wahrer Fortschritt erfordern unablässige Arbeit und anhaltende Opferbereitschaft. Sie erfordern, die Lasten zu teilen (...). Sie erfordern Verbündete, die aufeinander hören, voneinander lernen und - am wichtigsten - sich gegenseitig vertrauen.
Deswegen darf sich Amerika nicht zurückziehen. Deswegen darf sich Europa nicht zurückziehen. Amerika hat keinen besseren Partner als Europa."
"Jetzt ist die Zeit, in der wir den Terrorismus besiegen und die Quellen des Extremismus austrocknen müssen, die ihn speisen. Die Bedrohung ist real, und wir können nicht vor unserer Verantwortung zurückschrecken, diese zu bekämpfen."
"Niemand heißt den Krieg willkommen. Ich sehe die enormen Schwierigkeiten in Afghanistan. Aber mein Land und Ihres haben ein gemeinsames Interesse daran, dass die erste Mission der Nato außerhalb ihrer Grenzen zum Erfolg wird. (...) Amerika kann das nicht allein. Das afghanische Volk braucht unsere Truppen und Ihre Truppen."
"In diesem Moment bringen Autos in Boston und Fabriken in Peking die Polarkappen in der Arktis zum Schmelzen, die Küsten des Atlantik werden überflutet, und Farmen in Kenia und Kansas leiden unter der Dürre."
"Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir gemeinsam diesen Planeten retten müssen."
"Wir müssen sicherstellen, dass alle Nationen der Welt - einschließlich meiner eigenen - den Ausstoß an Treibhausgas mit jener Ernsthaftigkeit reduzieren, wie es Ihr Land tut."
"Ich bin nach Berlin gekommen, so wie viele meiner Landsleute vor mir. Ich spreche heute Abend nicht als Präsidentschaftskandidat zu Ihnen, sondern als Bürger - als stolzer Bürger der USA und als Weltbürger."
"Diese Stadt kennt den Traum von Freiheit ganz genau. Sie wissen es: Heute abend sind wir nur deshalb hier, weil Männer und Frauen aus unseren beiden Nationen zusammengekommen sind, um zu arbeiten, zu kämpfen und Opfer für ein besseres Leben zu bringen."
"Wir verfügen über eine Partnerschaft, die in diesem Sommer vor 60 Jahren wirklich begonnen hat - an jenem Tag, als das erste amerikanische Flugzeug der Luftbrücke in Tempelhof landete."
"Selbst in den dunkelsten Stunden haben die Berliner die Flamme der Hoffnung am Leben erhalten. Die Bürger von Berlin haben nicht aufgegeben."
"Völker der Welt - schaut auf Berlin, wo eine Mauer fiel, ein Kontinent sich vereinigte und der Lauf der Geschichte bewies, dass keine Herausforderung zu groß ist für eine Welt, die zusammensteht."
"Jetzt ist die Zeit, neue Brücken zu bauen", ruft er und fordert eine neu belebte transatlantische Partnerschaft. "Wir brauchen Verbündete, die einander zuhören, voneinander lernen und einander vor allem vertrauen." Darum dürfe sich Amerika nicht zurückziehen, darum dürfe sich Europa nicht zurückziehen - "Amerika hat keinen besseren Partner als Europa".
Obama stellt den Mauerfall in eine Reihe mit dem Ende des Ost-West-Konflikts, der Apartheid, mit der Handelsliberalisierung und der modernen Informationstechnologie - den großen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte. Er halte seine Rede "als Bürger, als stolzer Bürger der USA und als Weltbürger". Partnerschaft und Kooperation zwischen den Nationen sei keine Wahl, die man habe, sagt Obama - "es ist der Weg, der einzige Weg". Die Unterschiede zwischen den Menschen, ob nach Herkunft oder Konfessionen, "das sind die Mauern, die wir jetzt einreißen müssen". Er fügt hinzu: Die Geschichte lehre die Welt, "dass Mauern eingerissen werden können - aber es ist harte Arbeit". Und: "Unsere Generation muss der Welt etwas hinterlassen. Die Herausforderungen sind groß, der Weg ist lang, aber ihr Bürger von Berlin,
wir sind Erben des Kampfes um Freiheit." Wichtige Themen seiner Rede waren außerdem:
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Afghanistan: "Es steht im Moment zu viel auf dem Spiel, um sich jetzt aus Afghanistan zurückzuziehen. Wir müssen bei unserer Entschlossenheit bleiben, die Taliban zu bekämpfen. Niemand heißt den Krieg willkommen. Ich sehe die enormen Schwierigkeiten in Afghanistan. Aber mein Land und Ihres haben ein gemeinsames Interesse daran, dass die erste Mission der Nato außerhalb ihrer Grenzen zum Erfolg wird. Amerika schafft das nicht allein. Das afghanische Volk braucht unsere Truppen und Ihre Truppen."
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Iran: "Europa und die USA müssen gemeinsam Iran dazu bringen, von seinen Nuklearplänen Abstand zu nehmen."
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Irak: "Jetzt muss die ganze Welt den Millionen Irakern dabei helfen, sich wieder ein Leben aufzubauen, auch wenn wir jetzt mehr Verantwortung an die irakische Regierung abgeben, und schließlich den Krieg zu einem Ende zu bringen."
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Klimawandel: "In diesem Moment bringen Autos in Boston und Fabriken in Peking die Polarkappen in der Arktis zum Schmelzen, die Küsten des Atlantik werden überflutet, und Farmen in Kenia und Kansas leiden unter der Dürre. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir gemeinsam den Planeten retten müssen. Wir müssen sicherstellen, dass alle Nationen der Welt - einschließlich meiner eigenen - den Ausstoß an Treibhausgas mit jener Ernsthaftigkeit reduzieren, wie es Ihr Land tut."
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Terror: "Wir müssen zusammenarbeiten, um den Terrorismus zu bekämpfen und die Quellen des Extremismus, die den Terror begünstigen. Wenn es uns mit der Nato gelungen ist, die Sowjetunion in die Knie zu zwingen, dann können wir auch eine neue und weltweite Partnerschaft aufbauen, um die Netzwerke außer Gefecht zu setzen, die in Madrid und Amman zugeschlagen haben, in London und Bali, in Washington und New York."
Die Menge der auf Barack Obama wartenden Menschen war am Abend an der Siegessäule in Berlin auf rund 200.000 angewachsen. Etliche versuchten noch im letzten Moment, es bis in den mit Metalldetektoren geschützten inneren Bereich vor der Bühne des US-Präsidentschaftsbewerbers zu schaffen.
Im Laufe des Tages war Obama mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (beide SPD) zu Gesprächen zusammengekommen.
Bei seinem ersten Zusammentreffen mit der Kanzlerin standen außenpolitische Themen im Mittelpunkt. "Es war ein sehr offenes und in die Tiefe gehendes Gespräch in sehr guter Atmosphäre", berichtete Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Beide hätten dabei die große Bedeutung von engen und freundschaftlichen deutsch-amerikanischen Beziehungen hervorgehoben.
BERLIN TRIFFT OBAMA
Obamas Berliner Rede (Ausschnitte):
"Hope for a better world"
Steinmeier sagte, er habe bei Obama für eine verstärkte transatlantische Zusammenarbeit vor allem in den Bereichen Umwelt, Klima sowie Abrüstung und Rüstungskontrolle geworben. Außerdem hob Steinmeier das deutsche Engagement in Afghanistan und das Zusammenwirken von zivilem Wiederaufbau und militärischer Absicherung hervor.
Obamas Chefberater Robert Gibbs betonte die freundschaftliche Atmosphäre in beiden Gesprächen. Obama habe einen Überblick über seine bisherige Reise gegeben, die ihn durch Afghanistan, den Irak und Nahost führte. Besonders betont habe er, dass der Iran nicht über Atomwaffen verfügen dürfe. Die USA sollten den eingeschlagenen Kurs gegenüber Teheran fortsetzen und in internationalem Zusammenwirken harte Verhandlungen mit wirkungsvollen Sanktionen kombinieren. Außerdem habe Obama die führende Rolle Merkels beim internationalen Klimaschutz gewürdigt und sein eigenes Ziel bekräftig, den amerikanischen Treibhausgas-Ausstoß bis 2050 um 80 Prozent zu verringern, sagte Gibbs.
Der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der Obama im Hotel Adlon aufsuchte, sagte, er betrachte den Auftritt Obama als Kompliment für die Stadt.
Im Hotel Adlon am Brandenburger Tor, wo der Senator aus Illinois logiert, sorgte am Vormittag ein Fehlalarm wegen eines verdächtigen Päckchens kurzzeitig für Aufregung. Das Luxushotel wurde vorübergehend teilweise gesperrt, bis sich das Päckchen als harmlose Buchsendung erwies. Obama sollte das Buch offenbar signieren. Bei einem Zwischenfall am Vortag hatte ein Mann am vorgesehenen Kundgebungsort an der Siegessäule mit seinem Auto die Absperrung durchbrochen und rote Farbe vergossen. Der Mann kam laut Polizei in psychiatrische Behandlung.
ffr/dpa/AP/AFP