Von Marc Pitzke, New York
New York - CNN-Chefkorrespondentin Christiane Amanpour ist berühmt für ihre Reisen an die Krisenherde der Welt. Irak, Afghanistan, Somalia, Ruanda - vor keinem noch so blutigen Konflikt fürchtet sich die 50-Jährige, deren Markenzeichen ihr Bubikopf ist und, klar, die obligatorische Safariweste.
Heute erblicken die CNN-Zuschauer Amanpour live in Berlin. Schauplatz diesmal: der Besuch des US-Demokraten Barack Obama. Amanpour steht vor der Siegessäule, leicht auf den Zehenspitzen wippend. "Die Leute hier sind tatsächlich losgerannt, um einen guten Platz zu kriegen", berichtet sie belustigt.
Die Kamera schwenkt hoch über die Säule, die, so informiert Amanpour die Heimatzuschauer, "an die preußischen Siege über die europäischen Nachbarn erinnert". (Die Kollegen des CNN-Rivalen Fox News nennen sie dagegen "ein Symbol des Friedens".) So oder so, unpassende Symbolik? Amanpour wedelt mit den Armen: "Hier gibt es so viele Denkmäler mit militaristischer Geschichte, da findet man wirklich schwer was anderes."
Das ist der Tenor, mit dem die US-Medien Obamas Berlin-Visite heute begleiten. Seine Rede wird hier in ganzer Länge auf den Kabel-Nachrichtensendern übertragen und parallel im Internet gestreamt. Allerdings mit einer guten Portion respektvollem Amüsement über die Euphorie der Gastgeber, das Hin und Her vorher, die atemlose Debatte um jedes Detail.
Eigentlich, sagt Amanpour, seien die Deutschen ja fürs schäumende Oktoberfest bekannt. Doch heute herrsche "Obamafest".
Weltgeschichte für Anfänger
Natürlich beteiligen sich auch die US-Medien kräftig an diesem "Obamafest". Sie haben ihre beste Reportergarde an die Siegessäule geschickt, um zu kommentieren, zu analysieren, zu sezieren. CNN nennt den Berlin-Auftritt "den zentralen Moment der Reise Obamas". Denn "dies ist der Ort, wo er wirklich mit Menschen zusammenkommt".
Ein Ort, der aber erst mal erklärt werden muss. "Dies hier war mal Westberlin", doziert Fox-News-Korrespondent Major Garrett auf seinem Podium vor der Siegessäule. "Aber das Land ist inzwischen wiedervereinigt." Weltgeschichte für Anfänger.
Garrett - dessen Sender bekanntlich zu den Republikanern neigt - beschreibt Obamas Rede als Zwitter zwischen "Show" und Standpauke. Wenn die Berliner eine seiner "luftleeren" Ansprachen erwartet hätten, seien sie sicher "enttäuscht": "Die Rede hatte ein paar strenge Worte." Etwa die Aufforderung, sich im Krieg gegen den Terror stärker zu engagieren.
"Beeindruckende Rede", kommentiert CNN-Anchorfrau Kyra Phillips anschließend. "Und, Mannomann, der hat jedes wichtige Thema angesprochen!" Die Kollegen bei MSNBC geben sich etwas distanzierter. "Nicht viel Inhalt", nörgelt Chuck Todd, der Politikchef des Senders. "Da ging es eindeutig nur um die Symbolkraft." "Newsweek"- Kolumnist Jonathan Alter sekundiert: "Hier drehte sich alles darum, dass Obama eine Schwelle überschreitet - die Schwelle dazu, wie ein Präsident auszusehen."
Obamas Worte werden in den US-Übertragungen von telegenen - und sicher wahlkampfwirksamen - Bildern begleitet: die Skyline Berlins, das goldene Abendlicht über den Bäumen des Tiergartens, die Luftaufnahmen der scheinbar unendlichen Menschenmassen. Und am Horizont: das Brandenburger Tor.
Kochshows und Soaps laufen einfach weiter
Während die US-Kabelsender im Berlin-Fieber schwelgen, tun die etablierten Networks eher gelassen. Für die Rede unterbrechen sie ihr Programm nicht und zeigen statt dessen die geplanten Sendungen: die Kochorgie "Martha Stewart Show" und die Soap-Operas "All My Children" und "The Young and The Restless".
Dennoch sind auch die drei Star-Moderatoren der Network-Nachrichten in Berlin dabei: Charles Gibson (ABC), Katie Couric (CBS) und Brian Williams (NBC). Alle drei haben wahlstrategisch platzierte "Exklusiv- Interviews" mit Obama gewährt bekommen, an drei Abenden hintereinander. Williams, der als Quotenführer des Trios heute dran ist, sucht sich für seinen Aufsager eine Kulisse aus, die den Amerikanern besser bekannt ist als die Siegessäule: Er steht vor dem Reichstag. Dort findet er ebenfalls ein Berliner Aperçu, das ihn erheitert: "Die haben hier im Radio sogar eine spezielle Wettervorhersage für die Obama-Rede!" Ansonsten fällt ihm auf: "In Berlin gibt's keine Wählerstimmen zu holen."
Die werten Kollegen, schnaubt Online-Kolumnist John Dickerson über die elegischen Reiseberichte, "behandeln Obama, als habe der den Job schon". Und: "Die anbetenden Massen jubelnder Europäer werden diese präsidiale Tableau nur noch weiter verstärken."
In der Tat finden die US-Journalisten Obama schon lange spannender als seinen Rivalen John McCain. Seit Juni haben die Networks nach Rechnung des Branchendienstes Tyndall Report 114 Sendeminuten auf Obama verwendet - und 48 auf McCain. Auch in Berlin zeigt sich das: Obama ist ein Kassenmagnet.
Nicht nur für die Politmedien. So zierte Obama unter anderem auch schon die Titel von "Rolling Stone", "People", "US Weekly" und "Men's Vogue". "Er ist, was wir einen 'Aufmerksamkeits-Treiber' nennen", sagte Ned Martel, der stellvertretende Chefredakteur der "Men's Vogue", der "New York Times".
Deutscher Phallus als Kulisse
Langsam aber rührt sich auch im US-Medienkosmos dagegen Widerstand. So macht sich der Polit-Blog "Wonkette" schon vorab über Obamas Rede an der Siegessäule lustig: "Obama hält Ansprache vor massivem deutschen Phallus." An anderer Stelle nennt er die Siegessäule einen "gigantischen Kriegsdildo".
Andere versuchen auf seriösere Weise, die Bodenhaftung wiederzufinden. Das Online-Magazine "Slate" flankiert seine Obama-Berichte mit einem Essay über "die Verheißungen und Gefahren der Obama-Welttournee".
Das "Wall Street Journal" - das Obamas Rede als Eilmeldung behandelt - schickt parallel zu der Sternstunde am Großen Stern eine aktuelle Umfrage durch alle US-Redaktionen, in der sich die Schwächen des Kandidaten widerspiegeln. Und in der sich andeutet, dass diese Wahl ein Referendum über die Person Obama wird: 58 Prozent der Bürger identifizierten sich da mit McCains Werten, nur 47 Prozent mit denen Obamas.
Trotzdem zieht McCain diese Woche und vor allem heute den Kürzeren. "Ich würde liebend gerne eine politische Rede in Deutschland halten... Aber ich würde es sehr vorziehen, dies als Präsident der Vereinigten Staaten zu tun denn als Präsidentschaftskandidat", sagte er kurz vor Redebeginn zu Obamas Auftritt.
Immer wieder versucht McCain, sich mit Gimmicks ins Rampenlicht zu drängeln - vergeblich. Selbst sein demonstrativer Blitzbesuch in einem deutschen Restaurant in Columbus in Ohio heute half nichts, im "Schmidt's Sausage Haus". Dort auf der Speisekarte: "Sauerkraut-Bratwurst Balls", "Hoffbrau Schnitzel" und natürlich "Bratwurst" (laut "Columbus Monthly" die "best Wurst" von Ohio).
McCain geht dieser Tage im Supermarkt einkaufen, wo leider direkt neben ihm eine Apfelmus-Pyramide kollabiert. Schaltet Radiospots in drei Orten namens Berlin (in Pennsylvania, New Hampshire und Wisconsin). Macht Obama für die Spritpreise persönlich verantwortlich - und führt dann den jüngsten Ölpreisrutsch direkt auf Präsident George W. Bush zurück.
Nach Obamas Auftritt vor der Siegessäule lässt er prompt ein trotziges Statement über seinen Sprecher ausrichten: "Während Barack Obama heute im Herzen Berlins eine verfrühte Siegesfeier abhielt und sich als Weltbürger gerierte, arbeitete John McCain weiter daran, den amerikanischen Bürger seine Argumente nahezubringen - denn die Amerikaner sind es, die diese Wahl entscheiden.", hieß es aus dem Wahlkampfteam des Republikaners. "John McCain hat sein Leben dem Ziel gewidmet, Amerika zu dienen, zu verbessern und zu beschützen. Barack Obama hat einen Nachmittag damit verbracht, lediglich darüber zu reden."
Der Obama-Hype trifft McCain
Doch die Worte, die signalisieren sollen, dass McCain über der allgemeinen Obama-Anbetung steht, kaschieren eines nicht: Dass der Republikaner verglichen mit seinem Gegner blass erscheint. Als McCain zum Wahlkampfstopp in New Hampshire eintrifft, begrüßen ihn auf dem Rollfeld ein einziger Lokalreporter und ein Fotograf. Später reist er nach Pennsylvania in einen Ort namens Bethlehem - "wo er geboren wurde", juxt Komödiant Jon Stewart in seiner Sendung "Daily Show" über McCains Alter. Die wenigen Journalisten, die ihn dort begleiten, bekommen vom McCain-Team sarkastische Kofferanhänger: "Zurückgelassen in Amerika."
Wie sehr das McCain schmerzt, zeigt sich an seinem jüngsten Wahlspot, den er hier während Obamas Berlin-Besuch präsentiert. Darin parodiert er die "Liebe" der Medien für den Rivalen. "Obama Love" heißt die .
Auch McCains bisher gewagtester Coup, den Blick auf sich zu lenken, geht voll daneben. Während Obamas Berlin-Auftritt wollte er sich auf eine Bohrinsel im Golf von Mexico fliegen lassen, um für Offshore-Bohrungen zu werben und die Sicherheit der Plattformen selbst bei schlechtestem Wetter zu demonstrieren.
Doch der Trip muss in letzter Minute dann doch abgesagt werden - wegen des Wetters: Hurrikan "Dolly" hält die Region weiter im Griff.
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