US-Wahlkampf
McCain lästert über Obamas Berlin-Trip
Barack Obama hat mit seinem Berlin-Besuch für ein weltweit beachtetes Spektakel gesorgt. Sein republikanischer Rivale McCain tingelte derweil durch US-Örtchen mit deutschem Flair - und lästert nun über die Rede seines Gegners: Der Senator lasse sich voreilig wie ein Sieger feiern.
Washington/Columbus/Berlin - Auch John McCain genoss am Donnerstagabend deutsches Flair - ebenso wie sein Rivale Barack Obama, der in Berlin vor rund 200.000 Zuhörern
eine aufsehenerregende Rede hielt. Der Präsidentschaftsbewerber der Republikaner saß aber nur in German Village, einem Vorort von Columbus im US-Bundesstaat Ohio, und ließ sich in "Schmidt's Sausage House und Restaurant" eine Bratwurst schmecken. Dabei kritisierte er Obamas Rede vor der Siegessäule: Dieser lasse sich voreilig in Berlin wie ein Sieger feiern und stelle sich als Weltbürger dar. "Ich kümmere mich lieber zuerst um die Amerikaner", ließ der Senator aus Arizona erklären.
Er ziehe Wahlkampfauftritte "im Herzen der USA" vor und spreche lieber "über Dinge, die die Amerikaner bewegen". Bei den Gesprächen mit Geschäftsleuten aus German Village schob der 71-Jährige hinterher: "Ich würde auch gerne eine Rede in Deutschland halten", sagte er zu Journalisten. "Aber ich würde das viel lieber als Präsident der Vereinigten Staaten tun als nur als Präsidentschaftskandidat."
Erst wenige Stunden zuvor hatte McCain eine gegen Obama gerichtete Radiosendung geschaltet - in drei US-Städten, die ebenfalls Berlin heißen. Das berichtet die "Washington Times". Die US-Berliner leben in den Staaten Pennsylvania, Wisconsin und New Hampshire.
Eigentlich wollte McCain Obamas spektakulärer Berliner Rede einen TV-wirksam inszenierten Besuch auf einer Ölplattform im Golf von Mexiko entgegensetzen. Doch Hurrikan "Dolly" vereitelte den Flug. So hatte Obama mit seiner Botschaft in Berlin,
die in erster Linie den Wählern daheim galt, die Aufmerksamkeit ganz für sich.
Obama selbst hat sich nach dem großen Auftritt an der Siegessäule über seine außenpolitische Reise sehr zufrieden geäußert. "Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, über die schwierigen Themen zu sprechen, vor denen wir stehen", sagte er in einem Interview für den Sender CNBC. Er habe deutlich gemacht, dass Amerika Probleme wie den Atomstreit mit dem Iran oder Energiefragen und Klimaschutz nicht allein, sondern nur mit seinen Partnern lösen könne. "Bei all diesen Themen, die die Sicherheit und den Alltag der Amerikaner betreffen, kommt es auf unsere Fähigkeit an, solche Koalitionen zu schmieden."
Wowereit spricht von mutiger Botschaft
Deutsche Politiker waren vom Auftritt des Senators aus Illinois begeistert. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) würdigte Obamas Rede als starke und mutige Botschaft. "Sie ist ein Zeichen dafür, dass es in der US-Politik neue Akzente gibt und eine Hommage an Berlin", ließ er über seinen Sprecher mitteilen. Auch der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) zeigte sich angetan. "Der junge Senator verkörpert das, wonach sich viele Menschen sehnen: Charisma und Führung", sagte Stoiber SPIEGEL ONLINE. "Die deutsche Politik wird sich aber auch mit seiner Forderung auseinandersetzen müssen, mehr gemeinsame Verantwortung für globale Probleme in der Welt zu übernehmen."
BERLIN TRIFFT OBAMA
Obamas Berliner Rede (Ausschnitte):
"Hope for a better world"
Außenpolitiker der Großen Koalition sind ebenfalls angetan: Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Eckart von Klaeden sagte: "Die Rede war im besten Sinne amerikanisch und bis auf die persönlichen Nuancen hätte sie so oder ähnlich auch von John McCain gehalten werden können." Der CDU-Politiker sprach von einer "perfekten Wahlkampfinszenierung" Obamas.
Der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Gert Weisskirchen, sagte SPIEGEL ONLINE: "Das war die Rede eines Weltbürgers, die sich nicht nur an deutsche oder Europäer, sondern auch an die US-Amerikaner gerichtet hat." Obamas wichtigste Botschaft sei gewesen, "dass Europa und die USA die Probleme und Krisen der Welt - vom Klimawandel bis hin zur Lösung von gewaltsamen Konflikten - nur gemeinsam lösen können" und dass dafür das transatlantische Verhältnis "auf einer Basis der Ideale" erneuert werden müsse.
Offenbar hat Obama Volker Ratzmann, den Grünen-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus, vollkommen von sich überzeugen können: "Ich bin mir sicher, dass die Berliner den zukünftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten erlebt haben", sagte er.
WORTLAUT: BARACK OBAMA IN BERLIN ÜBER ...
Klicken Sie unten auf die Stichworte, um die wesentlichen Ausschnitte zu lesen - die gesamte Rede im englischen Wortlaut finden Sie
hier...
"Wenn wir ehrlich miteinander sind, dann wissen wir, dass wir auf beiden Seiten des Atlantiks gelegentlich auseinandergedriftet sind und unser gemeinsames Schicksal vergessen haben."
"In Europa hat sich viel zu sehr die Ansicht durchgesetzt, dass Amerika ein Teil dessen ist, was auf der Welt falsch läuft, und nicht die Kraft ist, die Hilfe zur Verbesserung bietet. In Amerika gibt es Stimmen, die die Wichtigkeit der Rolle Europas für unsere Sicherheit und unsere Zukunft verhöhnen und bestreiten. Beide Meinungen gehen an der Wahrheit vorbei (...)."
"Ja, es gab Differenzen zwischen Amerika und Europa. Es wird sie ohne Zweifel auch in der Zukunft geben. Aber die Last der gobalen Verantwortung bindet uns aneinander. Ein Wechsel der Führung in Washington wird diese Last nicht von uns nehmen. (...) Amerikaner und Europäer werden mehr tun müssen, nicht weniger."
"Ich weiß, dass mein Land nicht perfekt ist. Gelegentlich taten wir uns schwer, das Versprechen von Freiheit und Gleichheit für alle unsere Bürger zu erfüllen. Wir haben unseren Anteil an Fehlern gemacht, und es gab Zeiten, in denen unser Handeln rund um die Welt nicht unseren besten Absichten gerecht wurde. Ich weiß aber auch, wie sehr ich Amerika liebe."
"Wahre Partnerschaft und wahrer Fortschritt erfordern unablässige Arbeit und anhaltende Opferbereitschaft. Sie erfordern, die Lasten zu teilen (...). Sie erfordern Verbündete, die aufeinander hören, voneinander lernen und - am wichtigsten - sich gegenseitig vertrauen.
Deswegen darf sich Amerika nicht zurückziehen. Deswegen darf sich Europa nicht zurückziehen. Amerika hat keinen besseren Partner als Europa."
"Jetzt ist die Zeit, in der wir den Terrorismus besiegen und die Quellen des Extremismus austrocknen müssen, die ihn speisen. Die Bedrohung ist real, und wir können nicht vor unserer Verantwortung zurückschrecken, diese zu bekämpfen."
"Niemand heißt den Krieg willkommen. Ich sehe die enormen Schwierigkeiten in Afghanistan. Aber mein Land und Ihres haben ein gemeinsames Interesse daran, dass die erste Mission der Nato außerhalb ihrer Grenzen zum Erfolg wird. (...) Amerika kann das nicht allein. Das afghanische Volk braucht unsere Truppen und Ihre Truppen."
"In diesem Moment bringen Autos in Boston und Fabriken in Peking die Polarkappen in der Arktis zum Schmelzen, die Küsten des Atlantik werden überflutet, und Farmen in Kenia und Kansas leiden unter der Dürre."
"Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir gemeinsam diesen Planeten retten müssen."
"Wir müssen sicherstellen, dass alle Nationen der Welt - einschließlich meiner eigenen - den Ausstoß an Treibhausgas mit jener Ernsthaftigkeit reduzieren, wie es Ihr Land tut."
"Ich bin nach Berlin gekommen, so wie viele meiner Landsleute vor mir. Ich spreche heute Abend nicht als Präsidentschaftskandidat zu Ihnen, sondern als Bürger - als stolzer Bürger der USA und als Weltbürger."
"Diese Stadt kennt den Traum von Freiheit ganz genau. Sie wissen es: Heute abend sind wir nur deshalb hier, weil Männer und Frauen aus unseren beiden Nationen zusammengekommen sind, um zu arbeiten, zu kämpfen und Opfer für ein besseres Leben zu bringen."
"Wir verfügen über eine Partnerschaft, die in diesem Sommer vor 60 Jahren wirklich begonnen hat - an jenem Tag, als das erste amerikanische Flugzeug der Luftbrücke in Tempelhof landete."
"Selbst in den dunkelsten Stunden haben die Berliner die Flamme der Hoffnung am Leben erhalten. Die Bürger von Berlin haben nicht aufgegeben."
"Völker der Welt - schaut auf Berlin, wo eine Mauer fiel, ein Kontinent sich vereinigte und der Lauf der Geschichte bewies, dass keine Herausforderung zu groß ist für eine Welt, die zusammensteht."
fat/phw/dpa/ddp/AFP/Reuers/AP