Jerusalem - Die Klagemauer im jüdischen Teil der Altstadt von Jerusalem ist für gläubige Juden so etwas wie ein heiliger Zettelkasten: Nach dem Gebet stecken sie kurze Texte in die Ritzen der Mauer, aufgeschrieben auf einem Stückchen Papier, ein paar Zeilen nur, in denen sie um Vergebung ihrer Sünden, um Gesundheit, vielleicht auch mal um ganz materielle Dinge bitten.
Eherne Regel in dieser Tradition: Was hier notiert wird, geht niemanden etwas an - außer Gott. Zweimal im Jahr werden die verstopften Fugen von den Zetteln befreit, sie werden nicht weggeschmissen, sondern begraben, ohne dass irgendein anderer die Botschaften liest.
Davon ging auch Barack Obama aus, als er am Donnerstag in aller Herrgottsfrühe an der Klagemauer eintraf und sich vom zuständigen Rabbiner Schmuel Rabinovitz deren Geschichte und Funktion erklären ließ. Also schritt der demokratische Präsidentschaftsbewerber an die Wand und steckte ein Zettelchen mit ein paar privaten Worten hinein.
Obamas handschriftlich verfasstes Gebet allerdings erschien bald darauf auf der Titelseite der israelischen Zeitung "Maariv". Ein jüdischer Religionsstudent habe den Zettel unmittelbar nach Obamas Abreise aus der Mauer genommen, heißt es in der Zeitung. Nun macht sich in Israel Empörung darüber breit, dass "Maariv" die Worte des US-Senators offenbar nicht ganz so heilig sind, wie sich die Klagemauer-Verwaltung das vorstellt. Von einem "Offenen Brief an Gott" schreibt die "Süddeutsche Zeitung" am Montag.
Rabbiner Rabinovitz warf "Maariv" vor, die "intime Beziehung" zwischen Obama und Gott verletzt zu haben. Israelische Medien berichteten, ein Rechtsanwalt habe bei Generalstaatsanwalt Menachem Masus die Aufnahme polizeilicher Ermittlungen gegen die Zeitung beantragt. Das Blatt habe die "Privatsphäre und Ehre von Senator Obama sowie die Gefühle jedes israelischen Bürgers und die Heiligkeit der Klagemauer verletzt", sagte der Rechtsanwalt Schachar Elon nach Angaben der "Jerusalem Post". Er forderte zudem zu einem Boykott von "Maariv" auf, bis die Zeitung sich öffentlich entschuldige.
"Maariv" teilte angesichts der Kritik mit, das Gebet Obamas sei zur Veröffentlichung freigegeben worden, kurz nachdem er es im King-David-Hotel in Jerusalem geschrieben habe. Weil Obama nicht Jude sei, bedeute der Abdruck des Gebets auch keine Verletzung seiner Privatsphäre, hieß es in der Stellungnahme.
Laut "Maariv" hatte Obama in seinem Text unter anderem um Weisheit bei seinen Entscheidungen gebeten. Der Rabbiner der Klagemauer steckte den Zettel am Sonntag zurück zwischen die uralten Steine.
phw/dpa
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