Von Carmen Eller, Sotschi
Auf ihrem Schürzenstoff flattern bunte Schmetterlinge, in ihrem Bauch aber sitzt die Wut. Swetlana Drofitschewa sitzt im Gartenhäuschen mit Moskitonetz und erzählt ihre Geschichte. Wie eines Tages Sicherheitsleute an ihr Tor klopften. Wie sie zusammen mit anderen verärgerten Bürgern Vermessungsarbeiten ihres Anwesens verhinderte.
Ihre kleine Pension, in der bis zu 28 Urlauber Platz finden, liegt auf gefragtem Territorium. Bis zum Jahre 2014 soll dort der Olympiapark für die Winterspiele in Sotschi entstehen. Wie viele andere Bewohner der idyllischen Imeretinski-Bucht fürchtet sich Swetlana vor einer Umsiedlung ohne angemessene Kompensation. "Die Behörden sind gegen uns", schimpft sie.
Die 46-jährige Russin gehört zur Gemeinschaft der Altgläubigen, die sich im 17. Jahrhundert von der Orthodoxen Kirche abspalteten. Um ihren braungebrannten Hals baumelt ein goldenes Kreuz. Im Garten wachsen Tomaten, Gurken und Kartoffeln. In der Sowjetunion arbeitete Swetlana auf der Kolchose, die sogar den Kreml mit frischem Gemüse versorgte. Sie deutet auf die grüne Pracht: "Hier ist mein Zuhause."
Bislang haben die Behörden keine Bürger umgesiedelt, Bescheide über die Enteignung einzelner Einwohner aber bereits ausgestellt - zum Teil ohne deren Kenntnis. Inzwischen rechnen deshalb viele in der Imeretinski-Bucht jeden Tag damit, dass die Abgesandten der Administration an ihre Türen klopfen.
Verhaftungen in Zusammenhang mit Protestaktionen haben die Verunsicherung verstärkt. Mitten in der Nacht holten Sicherheitsbeamte Swetlanas Neffen, den Altgläubigen Dmitrij Drofitschew aus dem Haus. Wegen Beamtenbeschimpfung verurteilte ihn das Gericht im Stadtteil Adler zu 15 Tagen Gefängnis, entließ ihn dann aber vorzeitig.
Neues Gesetz vereinfacht Enteignungen
Olympia - das ist in diesen Tagen eine Geschichte zweier Welten. Verunsicherte Bürger auf der einen, sich noch bedeckt haltende Beamte auf der anderen Seite. Drängende Fragen bleiben offen: Wer wird enteignet und wann? Und vor allem: Wo und wie geht das Leben danach weiter?
"Um etwas Konkretes vorzuschlagen, muss man zunächst die Objekte inspizieren, womit wir uns jetzt auch beschäftigen", erklärte Wladimir Afanasenkow, der Bürgermeister von Sotschi, kürzlich vor Journalisten.
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