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Winterspiele in Russland Sotschis olympischer Alptraum

2. Teil: Bergfahrt mit der Gasprom-Gondel

Im Büro von Alexander Naumik, dem Leiter der Informationsstelle in Adler, hängt ein Porträt von Putin. "Rund 500 Leute haben sich bisher an uns gewandt", erzählt er. Noch kann er allerdings nicht sagen, wie viele Menschen von einer Umsiedlung betroffen sein werden. Auch über die Höhe der Kompensationen ist noch nichts bekannt. "Wir sprechen mit jedem Bürger, der zu uns kommt", sagt Naumik. "Wir möchten einen offenen Dialog."

Trotzdem trauen viele Bürger den offiziellen Versprechen nicht. Die Menschen in Strandnähe, die vom Tourismus leben, fürchten nach einer Umsiedlung ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Bewohner der Imeretinski-Bucht, denen die Kolchose zu Sowjetzeiten Land überließ, haben zum Teil keine offizielle Eigentumsbestätigung.

Hinzu kommt: Das im Dezember erlassene olympische Gesetz ermöglicht beschleunigte Enteignungen. "Die Bürger sind Opfer der Olympischen Spiele", empört sich Waleri Sutschkow, Vorsitzender der Initiative "Eigenes Haus". "Olympia sollte in erster Linie für die Bewohner da sein und nicht für den Staat."

"Ich möchte doch nur, dass mein Sohn in Ruhe aufwächst"

Dabei stand vor mancher Enttäuschung anfangs Euphorie. Dmitrij Lischnewski, Swetlanas 37-jähriger Nachbar, verband noch im letzten Jahr große Hoffnungen mit den Winterspielen. "Wir haben in unserem Haus keine Gasleitung und kein fließend Wasser", erklärt der Familienvater. "Wir dachten, mit Olympia käme auch zu uns die Zivilisation." Dmitrij wollte teilhaben am olympischen Traum. Aber nun hat er nur Angst davor, auf der Straße zu landen.

"Die Planungen sind darauf ausgerichtet, Umsiedlungen zu minimieren", sagt Efim Bitenew, stellvertretender Büroleiter des Organisationskomitees. "Die Olympischen Spiele sind eine internationale Feier des Sports, aber der zentrale Aspekt ist die Entwicklung der Stadt", betont Bitenew: "In dieser Gegend mit ihrem milden, subtropischen Klima kann man leicht Geschäftsleute anziehen, aber bislang fehlt die Infrastruktur."

Nach den Winterspielen soll der Olympiapark auch für Konferenzzentren und Messehallen genutzt werden. Neben den Sportobjekten entstehen zwei Häfen. Einen Yachthafen lässt Oleg Deripaska bauen, der derzeit reichste Russe. Auch der Milliardär Wladimir Potanin ist ins Olympiageschäft eingestiegen. Er baut das Wintersportzentrum "Rosa Chutor" in Krasnaja Poljana. Die reichen Investoren bringen viele verunsicherte Bürger gegen sich auf. "Wir sind nicht gegen Olympia", meint etwa Natalja Kalinowskaja, die Vorsitzende einer lokalen Bürgerinitiative. "Wir sind nur gegen den Ausverkauf von Land an die Reichen."

Während die Stimmung an der Imeretinski-Bucht zwischen Ratlosigkeit und Verzweiflung schwankt, begeistern sich von den Umsiedlungsplänen nicht betroffene Bewohner. Die Bürgerproteste stoßen hier nicht durchweg auf Verständnis.

"Es gibt immer Leute, die nicht zufrieden sind", sagt Alexander Linker, ein 50-jähriger Mann mit gelbem T-Shirt und Stoppelfrisur, der an der Strandpromenade Bücher und Zeitungen verkauft. "Sie bekommen doch eine Kompensation - entweder ein anderes Grundstück oder Geld. Das habe ich im Fernsehen gesehen."

Zwar ärgert er sich über die Staus in Sotschi, glaubt aber an die Chancen von Olympia: neue Touristen, neues Prestige, neue Arbeitsplätze. Linker nimmt eine Zeitung mit Jobangeboten vom Ständer. "Hier, Bauarbeiter gesucht für Olympia", ruft er. Früher hätten die meisten Leute nur zur Sommersaison Arbeit gefunden, jetzt aber auch im Winter. Auf Baustellen, in Hotels und Restaurants. Die Olympischen Spiele sieht er als Verdienst des ehemaligen Präsidenten: "Putin ist ein Europäer", erklärt er.

Wenige Schritte weiter versichert die Rentnerin Nina Jakowejewa: "Ich wäre bereit, für die Olympischen Spiele mein Haus zu verlassen". Die 53-Jährige Frau besitzt einen Souvenirladen am Strand. Bei den Bürgerprotesten handele es sich um verfrühte Panik, meint sie: "Ich glaube nicht, dass man die Leute betrügen wird." Auch Jakowejewa freut sich auf die Olympischen Spiele in Sotschi. "Dann kommen mehr Leute in die Stadt und es wird viel gebaut. Alles wird neu bei uns", sagt sie, dabei leuchten ihre Augen.

Im Bergdorf Krasnaja Poljana, etwa 40 Autominuten von Sotschi entfernt, haben die Bauarbeiten für olympische Objekte bereits begonnen. Skilifte laufen. In nagelneuen Gasprom-Gondeln mit dem Flammenlogo des Konzerns können Besucher auf die Berge schaukeln. Der Energieriese gehört zu den wichtigsten Investoren der Winterspiele. An der Hauptstraße entstehen Hotelanlagen. Auf mannshohen Werbeplakaten sausen Skiläufer durch den Pulverschnee.

Nur noch für reiche Russen reserviert?

Auch in Krasnaja Poljana mangelt es an Vertrauen in die Behörden. Bergbewohner und lokale Naturschutzverbände fürchten Umweltbelastungen, wenn Wälder für Pisten gerodet werden. "Tiere wie Wölfe oder Hirsche werden abwandern", prognostiziert Wladimir Sinitsin, dem ein roter Wanderrucksack auf den Schultern sitzt.

Seit sechs Jahren arbeitet er als Bergführer in Krasnaja Poljana. In dieser Saison buchten dreimal weniger Touristen als im vergangenen Jahr seine Bergtouren. Sinitsin sagt: "Die Leute denken, hier werde wegen Olympia nun überall gebaut." Zudem kursiert die Angst, der Urlaubsort werde mit den Winterspielen 2014 so teuer, dass nur noch reiche Russen ihn besuchen können. "Dann wird das hier ein zweites Courchevel", sagt der Bergführer ernst.

Mit seinen Bedenken ist er in Krasnaja Poljana nicht alleine. Gleichwohl gibt es keine organisierten Aktionen. "Ein Meeting gegen die Olympischen Spiele würde sowieso nicht erlaubt", wirft Sinitsins Managerin Swetlana ein. "Und wenn wir es trotzdem durchführen, sitzen wir vielleicht bald im Gefängnis."

Für die protestierenden Altgläubigen der Imeretinski-Bucht zeichnen sich indes erste Erfolge ab. Der Vize-Gouverneur der Region Krasnodar, Wasili Nadiradse, hat nun angekündigt, für sie ein kulturhistorisches Zentrum mit Kirchen, Museen und Wohnhäusern zu errichten - in der Gegend des Olympiaparks. Ein Vorschlag, der auch Swetlana Drofitschewa zusagt. Skeptisch bleibt sie trotzdem: "Sie versprechen immer viel, aber mal sehen, ob sie es auch halten."

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