SPIEGEL ONLINE: Die deutschen Atomkraftwerke gehören zu den sichersten der Welt - bestreiten Sie das?
Höhn: Das habe ich von Schweden auch immer gedacht. Und vor zwei Jahren sind wir dort haarscharf - es ging um 20 Minuten - an einem Gau wie in Tschernobyl vorbeigerauscht. Dann haben wir, ganz aktuell, diese Zwischenfälle in Frankreich, am Dienstag schon den fünften in nur einem Monat. Und seit dem 11. September hat sich die Gefahr durch Terroranschläge massiv erhöht. Wenn ich bedenke, dass gerade unsere älteren Atomkraftwerke noch nicht einmal gegen den Absturz kleiner Flugzeuge gesichert sind, wird mir angst und bange.
SPIEGEL ONLINE: Das ist nicht Ihr Ernst.
Höhn: Dann gucken Sie mal auf die Internet-Seite des Bundesumweltministeriums. Da können Sie das nachlesen.
SPIEGEL ONLINE: Das betrifft nur die alten Atomkraftwerke. Die könnten abgeschaltet werden. Was spricht dagegen, dass die neueren dann nicht nur deren Reststrommengen erhalten, wie es im Atomgesetz ja vorgesehen ist, sondern zusätzliche, die dann tatsächlich eine längere Gesamtlaufzeit sichern?
Höhn: Auch die neuen sind nicht gegen Abstürze von Passagierflugzeugen geschützt. Hinzu kommt, dass bis heute unklar ist, wo der hochradioaktive Müll endgelagert werden soll.
SPIEGEL ONLINE: Bei einer Verlängerung der Laufzeit um zehn Jahre hätten wir am Ende 9000 Tonnen Atommüll mehr als heute.
Höhn: Immerhin das Doppelte dessen, was ohne eine solche Laufzeitverlängerung anfallen würde!
SPIEGEL ONLINE: Es muss doch in jedem Fall ein Endlager gefunden werden. Ist es so entscheidend, ob man da die ohnehin anfallenden 17.000 Tonnen reinpackt oder 4000 mehr? Kommt es nicht am Ende darauf an, wie gut Sie den Leuten in Zeiten extrem steigender Energiepreise erklären können, dass Sie sowohl aus der Kernkraft, als auch aus der Kohleverstromung aussteigen wollen?
Höhn: Wir wollen doch gar nicht aus der Kohleverstromung aussteigen.
SPIEGEL ONLINE: Jedenfalls verhindern die Grünen in der Regel neue Kohlekraftwerke, wo sie nur können.
Höhn: Das stimmt. Alles andere wäre auch Wahnsinn. Derzeit sind 25 Kohlekraftwerke geplant, die laufen dann 40, 50 Jahre und stoßen jedes Jahr mehr als 100 Millionen Tonnen CO2 aus. Und das noch in 2050, wenn Deutschland insgesamt nur noch 160 Millionen Tonnen des Treibhausgases emittieren darf. Da bleiben weniger als 60 Millionen Tonnen für die restliche Stromerzeugung, Industrie, Haushalte und Verkehr. Das ist absurd.
SPIEGEL ONLINE: Deswegen arbeiten die Stromerzeuger an Maßnahmen der CO2-Abscheidung.
Höhn: Die aber noch nicht funktioniert. Wir können das Kohlendioxid ja nicht, wie beispielsweise die Norweger, einfach in ehemalige unterirdische Gasspeicher verpressen. Aber ganz klar: Wenn die Technik marktreif wäre, hätten wir nichts gegen den Bau von Kohlekraftwerken. Vor 2020 sehe ich das in Deutschland nicht. Und dann behaupten viele, dass Kohleverstromung mit CO2-Abscheidung teurer sei als beispielsweise Windkraft.
SPIEGEL ONLINE: Mit wem wollen Sie eigentlich regieren, nach 2009 - mit einer SPD, die auf Kohle setzt, oder mit einer CDU, die für eine Verlängerungung der Laufzeiten der Atomkraftwerke eintritt?
Höhn: Wir werden für unsere Positionen und damit für Mehrheiten in der Bevölkerung kämpfen. Und ich bin mir sicher, wenn wir Mehrheiten erkämpft haben, bekommen wir auch einen Koalitionspartner.
SPIEGEL ONLINE: Also was ist Ihnen denn jetzt lieber: Kohle oder Atom?
Höhn: (lacht) Im Jahr 2020 werden wir ohnehin noch beides haben.
SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Energie-Agentur Dena warnt vor einer Stromlücke, sollte der Fahrplan des Atomausstiegs eingehalten werden. Im Jahr 2020 laufen dann in Deutschland nur noch drei Atommeiler, und es fehlt die Leistung von 15 Großkraftwerken.
Höhn: Ich habe mir diese Studie sehr genau angesehen. Das stimmt so nicht. Die Dena hat dabei nämlich den Stromkonzernen viel kürzere Laufzeiten für ihre Kohlekraftwerke zuerkannt als diese der Bundesnetzagentur gemeldet haben. Und wenn Sie letztere Zahlen nehmen, dann verringert sich die Stromlücke enorm. Die Dena hat zudem den Anteil der erneuerbaren Energien niedriger angesetzt als die Bundesregierung. Wenn Sie all das zusammennehmen, gibt es diese Lücke gar nicht.
SPIEGEL ONLINE: Das Dena-Gutachten gilt Experten allgemein als seriös. Sie halten es für hingebogen?
Höhn: Man muss doch fragen: Wem nützt diese angebliche Stromlücke? Und wenn genau derjenige, dem sie nützt, dann eine Studie in Auftrag gibt, die diese Stromlücke auch findet …
SPIEGEL ONLINE: … Moment, in Auftrag gegeben hat sie das Bundesumweltministerium.
Höhn: Aber bezahlt haben sie die großen Energiekonzerne. Hier, bitte, ich habe Ihnen etwas mitgebracht, eine Anzeige. Die gebe ich Ihnen gerne mit, sie ist von der Atomindustrie. Die hatte damals noch einen Anteil von 34 Prozent an der Stromerzeugung, heute sind es 22. Da heißt es: Erneuerbare Energien wie Wind, Wasser und Sonne können auch langfristig nicht mehr als vier Prozent unseres Strombedarfs decken.
SPIEGEL ONLINE: Von wann ist die Anzeige?
Höhn: Von 1993.
SPIEGEL ONLINE: Also schon etwas älter.
Höhn: Ja, ja. Aber da steht "langfristig". Heute sind wir bei über 15 Prozent. Und jedes Jahr werden es zwei Prozent mehr. Damals haben die Betreiber der Atomkraftwerke versucht, ihre Marktmacht zu retten, indem sie Alternativen von vorneherein als unrealistisch dargestellt haben, heute haben sie "langfristig" die Stromlücke erfunden. Die wollen keine erneuerbaren Energien. Heute ebensowenig wie damals.
SPIEGEL ONLINE: Frau Höhn, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führten Rafaela von Bredow und Wolfgang Reuter.
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