Von Marc Pitzke, New York
Alle Journalisten, die sich im Irak den Truppen anschließen, müssen zuvor den "Ground Rules" des Pentagons zustimmen. Deren aktuelle Version besagt zwar ausdrücklich: "Den Medien ist es nicht verboten, über Verwundete und Tote zu berichten." Doch gibt es Bedingungen: Fotos verletzter Soldaten dürfen nur mit "schriftlicher Zustimmung des Soldaten" veröffentlicht werden - und bei toten Soldaten erst nach Benachrichtigung der Angehörigen.
Zoriah Miller hatte das tatsächlich abgewartet - die Fotos erschienen erst drei Tage später. Doch die Marines nannten noch einen anderen Grund. Millers Bilder seien nicht nur "geschmacklos" gewesen, erklärte Block. Auch habe Miller dem Feind damit "einen Bericht über die Effektivität der Attacke geliefert".
Das, sagt Miller, sei natürlich ein "pauschales Argument", mit dem sich "jedes Foto im Irak verhindern" lasse. Ein Argument, das er und seine Kollegen immer öfter zu hören bekämen - mit dramatischen Folgen: "Eine Reihe von Journalisten hat es deshalb inzwischen ganz aufgegeben, aus dem Irak zu berichten."
Das Marine Corps hält die Aufregung für übertrieben. "Seit dieser Krieg begann, haben wir Tausende von Journalisten eingebettet", erklärt Lieutenant Block. "Es ist ein Privileg, das aber auch auf dem Vertrauensverhältnis zwischen den Reportern und den Einheiten beruht, die für ihre Sicherheit sorgen."
"Ich möchte das Ende der Geschichte miterleben"
Seine Arbeit sei mittlerweile "fast unmöglich geworden", sagt jedoch auch "New York Times"-Fotograf Kamber. "Sie lassen uns nicht mehr in die Gefechtszonen." Früher habe er seinen Job noch "mit einem bestimmten Grad an Freiheit" erledigen können. Neuerdings sei alles tabu: Tote, Gefangene, Selbstmordanschläge, Autobomben, Kliniken, Leichenschauhäuser. "Langsam wird es immer schwieriger, ordentliche fotografische Beweise für den menschlichen Preis dieses Krieges zu liefern."
Diese Erfahrung hat auch der Fotograf Franco Pagnetti von der VII Photo Agency gemacht. Als er zuletzt im April für das Magazin "Time" im Irak war, sei ihm der Zugang zu Sadr City verwehrt worden, berichtet er SPIEGEL ONLINE. Begründung: Es sei "zu gefährlich". Pagnetti lacht und sagt: "Ich war an den schlimmsten Orten - Falludschah, Ramadi, Dijala. Nie zuvor hat mir jemand gesagt, das sei zu gefährlich."
Pagnetti vermutet, dass die US-Regierung die Irak-Optik von Bildern leidender Amerikaner "säubern" wolle, um zu verschleiern, dass bis heute US-Truppen die meiste Arbeit leisteten und nicht die irakische Armee. Der Fotograf, der in Mailand lebt, hofft trotzdem, bald wieder in den Irak zurückzukehren: "Ich möchte das Ende dieser Geschichte noch miterleben."
Chris Hondros, ein Fotograf für die Agentur Getty, wurde aus seiner US-Einheit verbannt, nachdem er Fotos verletzter Zivilisten veröffentlicht hatte. Seither kam er zwar bei anderen Truppenteilen unter. Dennoch: "Ich habe bemerkt, wie sie einen von der Front fernhalten", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Das generelle Gefühl ist, dass es schwieriger wird."
"Wir befinden uns in einem ständigen Drahtseilakt"
Hondros kann das allerdings auch verstehen: Früher seien blutige Bilder repräsentativ für das Chaos im Irak gewesen. Jetzt, wo die Lage in "95 Prozent des Iraks angespannt, aber relativ ruhig" sei, seien solche Bilder nach Ansicht vieler Soldaten "eine unfaire Darstellung".
Er selbst sei "noch nie zensiert worden", sagt Hetherington, der überwiegend in Afghanistan arbeitet. "Die Dynamik dieses Drahtseilaktes ist von Ort zu Ort verschieden." Doch sprächen einige Soldaten nicht mehr mit ihm, seit eine besonders brutale Aufnahme, die er gemacht habe, im TV-Sender ABC gezeigt worden sei.
Zoriah Miller hat sich unterdessen ein neues Krisengebiet ausgesucht. Er ist jetzt nach Gaza gereist. Dort, hofft er, wird ihm keiner reinreden.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Irak | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH