Von Ulrike Putz, Beirut
Beirut - Er war wohl auf dem Weg in die Semesterferien, doch statt seiner Familie nahm ihn der israelische Geheimdienst in Empfang. Als Khaled K. am 16. Juli auf dem Ben-Gurion-Flughafen in Israel den Flieger aus Deutschland verließ, warteten Shin-Bet-Agenten und Polizisten am Gate. Der 29-jährige Palästinenser mit israelischem Pass wurde festgenommen - und verschwand für zwei Wochen von der Bildfläche. Erst an diesem Mittwoch, als Anklage gegen K. erhoben wurde, hob die israelische Zensurbehörde ihr Veröffentlichungsverbot auf.
Die Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft gegen den jungen Mann aus dem israelisch-arabischen Städtchen Kalansuwa erhebt, wiegen schwer. Zum einen soll der in Göttingen eingeschriebene Medizinstudent Kontakt zu einem Agenten mit Verbindungen zur Hisbollah gesucht haben, um diesem Informationen zu übermitteln.
Zum anderen habe er mögliche weitere Rekruten für die Schiiten-Miliz benannt. Und er habe sich bereit erklärt, nach Abschluss seines Studiums in Deutschland eine Stelle im Rambam-Krankenhaus im israelischen Haifa anzutreten, so die Staatsanwaltschaft. Dort werden noch immer verwundete Soldaten aus dem Krieg gegen die Hisbollah 2006 behandelt. K. sollte sie angeblich aushorchen.
Insgesamt 13.000 Euro soll der israelische Araber für seine Dienste kassiert haben. Nach Angaben des Jerusalemer Außenministeriums hat er die Taten gestanden.
Deutsche Behörden ahnten von nichts
Dem Fall Khaled K. wird in Israel größte Aufmerksamkeit zuteil, denn er verkörpert den Alptraum des israelischen Geheimdienstes: den "Feind von Innen". Seit es in den vergangenen Monaten mehrfach zu Anschlägen von Palästinensern mit israelischem Pass oder Aufenthaltstiteln gekommen ist, steht das Problem weit oben auf der Tagesordnung der Terrorexperten. "Dieser Fall ist ein neuer Beweis, dass die Hisbollah israelische Araber als attraktives Ziel für ihre Rekrutierung sieht", hieß es in einer Stellungnahme des Außenministeriums in Jerusalem. Die Miliz wolle deren Status als Bürger Israels für ihre Zwecke missbrauchen. Etwa 20 Prozent der Bürger sind sogenannte israelische Araber, Palästinenser oder Drusen mit israelischem Pass.
Aber auch in deutschen Sicherheitskreisen sorgte der Fall für Überraschung. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE erfuhren deutsche Behörden erst von den israelischen Behörden, dass Khaled K. unter Spionageverdacht steht. Ein Bekannter von K. ist den Deutschen hingegen durchaus ein Begriff.
Denn aus den Akten der israelischen Staatsanwaltschaft geht hervor, dass K. in Deutschland spätestens 2002 mit dem libanesischstämmigen Chirurgen Hicham H. zusammengetroffen sein soll. H. ist Vorsitzender des Vereins "Waisenkinderprojekt Libanon". Nach israelischen Angaben dient der Verein als Deckorganisation für das "Libanesische Märtyrer Institut", das Gelder für die Hisbollah sammele.
Spionage per Google Earth
Drei Jahre lang sollen sich Hicham H. und Khaled K. alle zwei Wochen getroffen haben, dann habe der Chirurg dem Studenten vorgeschlagen, einen Bekannten kennen zu lernen. Dieser Kontaktmann, ebenfalls Libanese, sei unter den Decknamen Rami oder Mazen aufgetreten und habe K. schon bei einem ersten Treffen im Dezember 2005 in Erfurt instruiert, sich ein nicht registriertes Handy zu kaufen und weitere Verabredungen nur per E-Mail zu treffen, so die israelischen Ermittler.
Laut Sicherheitsbehörden war Khaled K. damit in die Fänge von Mohammad H. geraten: eines etwa 50-jährigen Libanesen, der auf Reisen quer durch Europa als Führungsoffizier Spione für die Hisbollah anwerben und betreuen soll.
Mindestens vier Treffen soll es zwischen dem Führungsoffizier und seinem Rekruten gegeben haben, zwei in Erfurt, zwei in Frankfurt. Während der letzten Zusammenkunft soll H. dem Studenten bei Google-Earth gefundene Luftaufnahmen seiner israelischen Heimatstadt gezeigt und sich die Lage der Siedlung detailliert beschreiben haben lassen.
Warum der nah am Westjordanland gelegene Ort Kalansuwa ins Blickfeld des Hisbollah-Mannes geriet, ist unklar. Jedenfalls bat der Aktivist den Studenten, andere Einwohner des Städtchens mit Wohnsitz in Deutschland ausfindig zu machen: Sollten sie in finanziellen Schwierigkeiten stecken, könnten auch sie empfänglich sein für einen gut bezahlten Informantendienst für die Hisbollah.
Sollten sich die Angaben der israelischen Staatsanwaltschaft als richtig erweisen, wirft der Fall Khaled K. ein aufschlussreiches Schlaglicht auf die Aktivitäten der radikalen Schiitenorganisation in Deutschland.
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