Auf saudischen, ägyptischen und amerikanischen Druck hin wirft der islamistische Machthaber Hassan al-Turabi Bin Laden 1996 aus dem Land. Nun geht der Saudi-Araber zurück nach Afghanistan, wo die Taliban ihre Macht konsolidieren. Deren Anführer Mullah Omar versichert ihm: "Du bist willkommen. Wir werden dich niemals ausliefern." Er hält sein versprechen, obwohl es fünf Jahre später den Sturz seines Regimes bedeutet.
Zurück in Afghanistan, sucht Bin Laden verstärkt die Öffentlichkeit. Und plant neue Anschläge, große und vor allem spektakuläre.
Ein Wendepunkt tritt 1998 ein: Im Februar verkündet er gemeinsam mit Sawahiri und anderen Dschihad-Führern: "Die Pflicht, Amerikaner zu töten, egal ob Zivilisten oder Soldaten, ist eine Pflicht für jeden Muslim, der sie ausführen kann, egal wo." Die Erklärung erfolgt im Namen der "Internationalen Islamischen Front für den Dschihad und gegen die Juden und Kreuzfahrer", aber es ist al-Qaida.
Al-Qaidas erster Großanschlag
Ein knappes halbes Jahr später beweist Bin Laden, dass er es ernst meint: Mehr als 200 Menschen sterben, als zwei Attentäter nahezu parallel die US-Vertretungen in Nairobi und Daressalam attackieren. Zwei Jahre später greift al-Qaida die "USS Cole" vor der jemenitischen Küste an. Bin Ladens Netzwerk ist jetzt eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit der USA.
Doch die Taliban halten weiter ihre schützende Hand über ihn. Und Bin Laden strotzt vor Selbstbewusstsein: Die USA, erklärt er mehrfach vor Gewährsleuten, seien viel einfacher zu bekämpfen als die Sowjets. Ihr Materialismus sorge dafür, dass sie nicht bereit seien, sich zu opfern. Mittlerweile unterhält al-Qaida Rekrutierungsbüros in aller Welt - und die Freiwilligen strömen erneut nach Afghanistan. Unter ihnen: Mohammed Atta und andere Mitglieder jener Zelle, die ein Jahr später den schlimmsten Terroranschlag der Geschichte ausführen wird.
Die USA scheitern mit ihren Versuchen, ihn auszuschalten. In der Zentrale der Lauschbehörde "National Security Agency" nahe Washington lassen die Geheimdienstler zwar hochrangige Gäste gelegentlich in die Telefonate zwischen Osama Bin Laden und seiner Mutter reinhören. Aber dass Bin Laden zu diesem Zeitpunkt 9/11 organisiert, entgeht ihnen.
Ein Vater, der sich bei seinen Kindern entschuldigt
Dabei gibt es Anzeichen genug, dass sich etwas zusammenbraut. Aber niemand setzt die Puzzle-Teile richtig zusammen - die Katastrophe geschieht. Bin Laden verfolgt sie live vor dem TV. In einer seiner ersten Ansprachen nach 9/11 sagt er kühl: "Ich habe euch mehrfach gewarnt." Al-Dschasira gegenüber rechtfertigt er die Ziele: "Wir hatten nicht vor, Kinder zu töten." Deshalb habe man das Pentagon attackiert. Und das World Trade Center sei "schließlich keine Grundschule".
In der Folge der Anschläge kommt es zum Afghanistan-Krieg - und wenn man seinen Worten trauen darf, dann war dies schon mit dem Anschlag auf die "USS Cole" sein Ziel gewesen: "Genau das wollen wir", sagte er damals. "Dann werden wir hier den Dschihad gegen sie ausrufen und sie bekämpfen wie einst die Sowjets."
Im November 2001 wird es eng für Bin Laden: Tagelang sitzt er in den Höhlen von Tora Bora, während er von den USA bombardiert wird. Er schreibt sein Testament, und erstmals weicht sein Optimismus einer seltsam depressiven Stimmung: "Der Hauptgrund für die Leiden unserer Nation ist die Angst davor, im Namen Allahs zu sterben... Heute hat diese Nation uns im Stich gelassen." An seine Kinder schreibt er: "Vergebt mir, dass ich euch nur so wenig Zeit geschenkt habe."
Botschaften aus dem Untergrund
Aber Osama Bin Laden überlebt und kann fliehen - und seitdem lebt er versteckt und gut bewacht irgendwo in Afghanistan, Pakistan oder in der Grenzregion. Zwei Dutzend Mal äußert er sich öffentlich, aber wo er sich aufhält: Niemand weiß es.
Aus seinem Versteck heraus versorgt er die Sympathisanten und selbsternannten Kader der al-Qaida in aller Welt mit strategischen Vorgaben. Nennt er bestimmte Länder, kommt es dort oft zu Anschlägen. Aber dass er selbst sie plant, gilt als ausgeschlossen.
Osama Bin Laden war ein Phänomen. Er unterschied sich grundlegend von den selbstherrlichen Araberführern, war aber in seiner Bescheidenheit selbst eitel. Er gab sich als frommer, weiser Mann - und hatte doch praktisch kaum religiöse Bildung. In seinen Reden erklärte er dem Westen stets, er wolle Frieden - und stiftete doch zugleich zum Terror an.
"Der Krieg wird weitergehen"
Um ihn zu verstehen, sagt der US-Autor Steve Coll, muss man die Erfahrungen einbeziehen, die er in seiner Familie machte. Technikbegeisterung etwa oder den Umgang mit Geld und Ressourcen: In dieser Hinsicht sei er letztlich wie ein Unternehmer.
Dass er nun tot ist, bedeutet für al-Qaida einen sehr schweren Schlag. Nur eine Verhaftung wäre wahrscheinlich demoralisierender. "Die würde eine psychologische Niederlage bedeuten", räsonierte sein Ex-Bodyguard Abu Dschandal in einem Interview mit Bin Laden-Biograf Peter Bergen.
Als Märtyrer allerdings wird Bin Laden seine Sympathisanten auch weiterhin inspirieren - das zeigen nicht zuletzt die Reaktionen der Dschihadisten auf den Tod von Abu Mussab al-Sarkawi oder Abdullah Assam. Der globale islamistische Terrorismus hat eine Niederlage hinnehmen müssen, aber er ist deshalb nicht am Ende.
Bin Laden selbst hat einmal gesagt: "Ich bin nur ein armer Sklave Gottes. Wenn ich sterbe, wird der Krieg weitergehen."
Vermutlich wird er damit Recht behalten.
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