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14.08.2008
 

Folgen der Georgien-Krise

Die russische Revolte

Ein Kommentar von Gerhard Spörl

Der Krieg am Kaukasus ist eine echte globale Krise. Russlands Aufbäumen gegen das westlich orientierte Georgien zeugt von extremem Geltungsbedürfnis und erinnert an den Kalten Krieg. Vor allem aber tritt eine neue chaotische Weltordnung zu Tage - in der sich die Fehler von Bushs Außenpolitik rächen.

Hamburg - Wenn der deutsche Außenminister die Weltlage im Großen und Ganzen beschreibt, dann spricht er gerne von der "neuen Unübersichtlichkeit" der Verhältnisse. So waren sie schon vor dem Krieg im Kaukasus, der eher aus dem 19. als aus dem 21. Jahrhundert stammt - nur sind wir nun um eine Unkenntnis ärmer. Denn wer hätte nicht darauf verzichten können, mit dem Finger auf der Landkarte Südossetien zu suchen, um es sorgsam von Nordossetien zu unterscheiden?

Und das soll eine Weltkrise sein?

Es ist eine.

Weil diese Krise dem Petrostaat Russland das Alibi liefert, an seinen Grenzen für Ordnung zu sorgen - Grenzen, an denen sich die USA und die Nato breit machen wollten.

Weil die waidwunde Supermacht außer Dienst schon vor längerer Zeit beschlossen hat, dass die Phase der Demütigungen und der Verluste und der Ausbreitung der Nato und der USA vorbei zu sein hat.

In den baltischen Staaten gingen die Menschen auf die Straße; der polnische Präsident reiste nach Georgien – Solidarität der Schwachen, die aus ihrer Historie wissen, was Russland den Schwachen antun kann. Kein Zufall, dass in diesen Staaten Gedanken aufkommen, der Westen winde sich wie 1938 oder 1956 oder 1961 oder 1968 in lärmendem Schweigen und tatenlosem Appeasement. Da fallen Illusionen wie Herbstlaub.

Zur ganzen Wahrheit gehört, dass die USA sich einen höllischen Spaß daraus gemacht haben, Russland und damit Wladimir Putin als Weltmacht von gestern zu behandeln. George W. Bush kündigte den ABM-Vertrag und erfand den Raketenschild mit den Standorten Tschechien und Polen. Die Revolutionen in der Ukraine und in Georgien, Nachklänge des revolutionären Herbstes 1989, fanden mit gütiger Hilfe und Nachhilfe amerikanischer Stiftungen und Think Tanks statt. Nichts daran war falsch, aber Amerika, die unvergleichlich überlegene Supermacht, war klein genug, sich damit zu brüsten.

Chancen für ein belastbares Verhältnis vertan

John McCain, der 44. Präsident werden will, hat die fabelhafte Idee, eine Liga der Demokratien einzurichten, die sich der Weltunordnung annimmt, wenn die Uno uneins ist - also immer dann, wenn es wirklich darauf ankommt. Gäbe es sie schon, diese Liga, wären dann jetzt etwa Interventionstruppen unterwegs in den Kaukasus?

Inzwischen taucht die nicht weniger originelle Idee auf, Russland aus dem goldenen Zirkel der G-8-Staaten auszuschließen. Noch ein paar gute Ideen zur Bestrafung des Bösewichts?

Die neue Unübersichtlichkeit besteht darin, dass gerade ein paar Chancen vertan werden, die sich nach 1989 ergaben - zum Beispiel, ein belastbares Verhältnis zwischen der Europäischen Union, der Nato und Russland aufzubauen. Bald wird es nur noch darum gehen, ob wir diesen an Demokratie uninteressierten Russen unsere Energiesicherheit tatsächlich anvertrauen sollten.

Schon wahr, der August 2008 hat ein bisschen was vom alten Kalten Krieg. Ebenso wahr ist aber, dass er nur eine Unterkategorie der größeren Unübersichtlichkeit ist, in der sich die Welt befindet.

Das verbindende Glied sind die USA. Sie vermochten es, Russland zu triezen - sie vermögen es aber nicht, Georgien beizustehen.

Können bald viele Länder ungestraft tun, was sie wollen?

Und offenbar vermochten sie es auch nicht, den georgischen Präsidenten von seinem Abenteuer abzuhalten. CNN liebt ihn dermaßen, dass er beständig zum Interview gebeten wurde, um seine Sicht der Dinge – Georgien auf dem Weg zur Demokratie, Russland dem Revanchismus verfallen – den Amerikanern einzuträufeln, zum Wohlgefallen des Weißen Hauses.

Von Unipolarität kann keine Rede mehr sein, schon lange nicht mehr, seit dem Irak-Feldzug. Mit Unipolarität meinten die Neokonservativen in Washington, dass die USA als einzige Supermacht auf Erden dank ihrer phantastischen militärischen Überlegenheit wie selbstverständlich auch als die ganz große Ordnungsmacht auftreten könnte, der sich die Welt fügen müsste. Ob sie es will oder nicht.

Jetzt kommt der neue Terminus technicus in Umlauf: Multipolarität.

Das soll heißen: Mehrere Mächte können ungestraft machen, was sie wollen, und keiner kann keinem groß dreinreden.

China kann mit Tibet, den Uiguren und den Dissidenten machen, was es will, und es kann sich Energie kaufen, wo immer es will.

Indien kann einen Nuklearvertrag mit den USA schließen, aber auch wieder verwerfen, oder vielleicht doch nicht, jedenfalls sieht es momentan danach aus.

Iran kann beschließen, Atommacht werden zu wollen, und dann mal abwarten, was passiert - ob zum Beispiel Israel und Amerika folgenlos mit Luftschlägen drohen, während Russland und China im Sicherheitsrat der Uno die Supermacht auflaufen lassen, die nach markigen Resolutionen verlangt.

Putin kann nicht länger den Macho spielen

Die neue Multipolarität ist vor allem eine Schieflage. Noch ist Amerika die Macht, ohne die nichts geht, nichts Sinnvolles und nichts Sinnloses.

China bewegt sich auf einer eigenen Umlaufbahn und dürfte nicht so schnell vorankommen, wie es gerade noch gehofft hat. Goldmedaillen lassen sich leichter organisieren als ein stabiles Weltreich, das Kapitalismus mit Kommunismus kombinieren will. Indien segelt im Windschatten, mit irrwitzigen Problemen im eigenen Land, und bleibt unschlüssig, ob es sich an China hängen soll oder doch lieber an Amerika.

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Und Russland? Russland hat ungeheuer großes Geltungsbedürfnis und aberwitzig viel Geld. Damit ließe sich viel anfangen, zum Beispiel ein Land aufbauen. Das wäre eine sinnvolle Aufgabe. Und auf Dauer kann Putin auch nicht den Macho mit dem entblößten Oberkörper spielen, den großen Einzelgänger, der sich um Bündnisse und das Wohlwollen der Welt nicht schert.

Jetzt also befindet sich die Welt im Zustand der neuen Unübersichtlichkeit. Das ist ein hübsch unanstößiger Begriff, gegen den sich wenig einwenden lässt. Ohnehin sind die Dinge ungemein im Fluss.

Oder sind sie das nicht eigentlich immer, mal mehr, mal weniger? Im Jahr 1957 wurde der neue britische Premier Harold Macmillan gefragt, was den Kurs seiner Regierung bestimmen werde: "Die Ereignisse, mein Lieber, die Ereignisse."

Gestern der Irak, andauernd die Palästinenser, heute der Kaukasus.

Und morgen?

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insgesamt 56 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
18.08.2008 von geenossee: Der Sache auf den Grund gegangen

Es ist tatsächlich so, wie es beschrieben ist: die Weltorndung wird unordentlich neusortiert. Die Schuld trifft keine, denn es gibt kein "guten" und "bösen". Alle gehen in erster Linie von eigenen Interessen [...] mehr...

17.08.2008 von rabenkrähe: Ach ja?

..... Ach ja? Toll. Nur waren jedenfalls die russischen Soldaten nicht so bedacht, wie angeblich die russischen Politiker mit ihren vorsichtigen (und meist verlogenen) Worten. Auszubaden hatten es einmal mehr die [...] mehr...

15.08.2008 von simpelkopp: "russische Revolte"

"... extremes Geltungsbeduerfnis ..." Unsinn! Extremes Sicherheitsbeduerfnis - ja! Die Russen haben naemlich in ihrer Geschichte einige schlechte Erfahrungen sammeln muessen. Also: Extremes Geltungsbeduerfnis + [...] mehr...

15.08.2008 von peter-der-grosse: Der Medien-GAU

Frage: warum findet die sogenannte westliche Berichterstattung aktuell in Russland so wenig Anklang? (Russland ist nicht weniger "westlich" als die USA - tritt aber für seine eigenen Interessen genauso entschieden ein [...] mehr...

15.08.2008 von mhenny: Kommentar ist nicht Klasse

Der Kommentar ist eben nicht so Klasse, weil der Kommentator meint, er müsse noch die Uiguren und die Tibeter bringen. Dabei ist China nicht wie die Russen bezüglich Georgien in ein anderes Land eingefallen. Wenn schon müsste er [...] mehr...

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