Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Die "Brookings Institution" im Herzen Washingtons lädt zur Debatte. Es geht, natürlich, um die Krise in Georgien. Links sitzt Robert Kagan, streitbarer konservativer Politologe. Kagan hat gerade ein Buch geschrieben, in dem er Russlands aggressive Außenpolitik psychologisch zu deuten versucht. Neben ihm sitzt Martha Brill Olcott, eine ausgewiesene Russlandexpertin. Kagan kritisiert die russische Georgien-Strategie als kolossalen Fehler, Brill Olcott will etwas einwenden. Es geht hin und her, beide heben die Stimmen - bis Kagan zu beschwichtigen versucht.
"Ich streite mich gar nicht mit Dir, Martha", sagt er und lächelt seine Diskussionspartnerin an. "Ich streite mich mit Russland."
"Russland sitzt doch gar nicht auf dem Podium", gibt sie zurück.
Das stimmt nicht ganz. Irgendwie sitzt Russland eben schon auf dem Podium.
Denn wenn man wie viele US-Experten die jüngste Georgien-Krise als russischen Schrei nach mehr Respekt auf der Weltbühne interpretiert, hat der Kreml schon einen echten Etappensieg errungen. In Washington gibt es derzeit kaum ein anderes Thema. Zur Diskussion bei "Brookings" kommen so viele Entscheidungsträger der US-Hauptstadt, dass die Debatte per Videoschirm in einen angrenzenden Zuschauerraum übertragen werden muss. Das Weiße Haus, Pentagon und Außenministerium überschlagen sich seit Tagen mit Stellungnahmen zur Krise.
Außenministerin Condoleezza Rice warnt, die Russen könnten nicht mehr wie 1968 in der Tschechoslowakei davonkommen: "Die Zeiten haben sich geändert." Verteidigungsminister Robert Gates droht mit dem Ende der Kooperation, sowohl in den bilateralen Beziehungen als auch in der Nato - und droht: "Die kommenden Tage und Monate entscheiden über die Zukunft der US-russischen Beziehungen. Meine persönliche Meinung ist, dass Russlands Vorgehen gegen einen souveränen Staat Folgen haben muss."
Auch die Präsidentschaftskandidaten melden sich zu Wort: "Wir sind alle Georgier", schreibt John McCain im "Wall Street Journal". Barack Obama fordert: "Die USA und Europa müssen die Beziehungen mit Russland im Licht dieser Aktionen überdenken."
Doch das sind nur verbale Attacken. Was konkrete Handlungen angeht, sind der Regierung Bush die Hände gebunden - das lassen auch Regierungsvertreter offen durchblicken. In den Washingtoner Debatten stehen diesmal keineswegs die möglichen Reaktionen der USA im Brennpunkt, ganz anders als bei sonstigen Krisen.
Zwar haben die Amerikaner umfangreiche humanitäre Hilfe nach Georgien geschickt. Zwar hat das Pentagon rund 2000 georgische Soldaten aus dem Irak schleunigst nach Georgien zurückgebracht. Zwar hat das US-Verteidigungsministerium demonstrativ ein geplantes Militärmanöver mit Russland abgesagt - und ausgerechnet gestern verlauten lassen, man habe sich mit Polen auf die Installation des in Russland verhassten Raketenabwehrsystems geeinigt.
Doch ist der US-Regierung durchaus bewusst, dass sie russische Hilfe bei der Lösung vieler globaler Probleme braucht - allen voran bei der Energieversorgung und dem Konflikt um das iranische Atomprogramm.
Wären da Strafmaßnahmen der USA gegenüber Russland überhaupt möglich? "Wirtschaftssanktionen sind undenkbar, weil Russland am längeren Hebel sitzt als der Westen", sagte Russlandexperte Clifford Gaddy im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Ähnlich sehe es bei juristischen und politischen Sanktionen aus, die jetzt angedroht werden - wie der Rauswurf Russlands aus der G8 oder das Verhindern eines Beitritts zur Welthandelsorganisation WTO: Dies sei "im besten Falle ineffektiv, im schlimmsten Fall kontraproduktiv", sagt Gaddy. Mit dieser Meinung steht er nicht allein. Deshalb grübeln Washingtons Vordenker eher über strategische Fragen: Was treibt Moskau wirklich an? Wie viel von dieser Offensive war Kalkül, was ist aus dem Ruder gelaufen?
Und: Steht die Welt am Beginn eines neuen Kalten Krieges?
Strobe Talbott, Präsident von "Brookings" und auch bei der Veranstaltung mit Kagan am Donnerstag auf dem Podium, hält das für wenig wahrscheinlich. Ein ideologisches Duell sei nicht zu beobachten: "Die Russen wollen eher nach ihren eigenen Regeln wieder in der Weltgemeinschaft mitspielen." Gaddy erklärt die Schikanen gegenüber Georgien mit Russlands Interesse, seine Nachbarstaaten unter Kontrolle zu halten - und sagt: "Am Ende wird die Rhetorik zwischen Russland und Amerika heißer und das Verhältnis kühler sein."
Freilich wird es auch immer unberechenbarer. Zwar spekulieren Experten wie Talbott oder Kagan schon, die Georgien-Konfrontation werde bald selbst unter Russen umstritten sein. Immerhin isoliert sie Russland, könnte empfindliche Folgen für die Wirtschaft haben und Großmächte wie China verärgern. "Georgien war eine Putin-Operation", sagt Talbott. "Vielleicht wird bald auch in Russland die Debatte beginnen, ob er das alles so brillant durchdacht hat." Ähnlich argumentiert Kagan: "Putin könnte sich selbst eine Falle gestellt haben."
Aber selbst wenn das stimmt - würde dadurch die Kooperation mit Russland etwa leichter?
Reizthemen gibt es noch genug. Die zweitlängste Ölleitung der Welt, die BTC-Pipeline vom aserbaidschanischen Baku nach Ceyhan in der Türkei, wurde von den USA mit Unterstützung westlicher Ölfirmen in den neunziger Jahren gegen russischen Widerstand geplant. Sie verläuft über georgisches Gelände. "Sollte Russland noch mehr Einfluss in Georgien erhalten, könnte es versuchen, die Pipeline wirtschaftlich auszuhebeln", sagte Richard Morningstar, der für die Clinton-Regierung einst die BTC-Pipeline verhandelt hat, im SPIEGEL-ONLINE-Interview.
Und dann ist da noch die Frage der Nato-Erweiterung. Beim jüngsten Gipfel wurde Georgien faktisch die Mitgliedschaft versprochen. Doch das scheint nun in weite Ferne gerückt - und zeigt ein echtes Dilemma für Washington.
Zwar glauben mittlerweile viele Experten, dass Bushs entschiedenes Eintreten für das Versprechen an Georgien den Kreml unnötig aufgebracht hat. Doch wenn die Nato jetzt deshalb zurückweicht, könnte Russland das als Belohnung für seine Aktionen werten.
Oder, um es mit Kagan zu sagen: "Soll das dann heißen, dass man ein Land nach einem Einmarsch nicht mehr in die Nato aufnehmen darf?"
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