Mittwoch, 10. Februar 2010

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Logbuch al-Qaida

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19.08.2008
 

Logbuch al-Qaida

Die Legende von den Terror-Tomaten

Von Yassin Musharbash

Ich kenne eine, der kennt einen, der hat es selbst erlebt: "Urbane Legenden" gibt es zu jedem Thema, neuerdings sogar mit Qaida-Bezug. Weil Gurken männlich seien, dürften Frauen sie nicht mehr kaufen, soll das Terrornetzwerk im Irak verfügt haben. Wirklich?

Zugegeben: Einiges von dem, was Dschihadisten so treiben, ist so absurd, dass man es sich fast nicht ausdenken könnte: Al-Qaida im Irak zum Beispiel betreibt ein Fischereiministerium. Und Qaida-Fans suchen mit Hilfe von Schwurformeln in ihren Diskussionsforen nach feindlichen Agenten.

Gemüseverkäuferin in Bagdad: Verbotene Früchte?
REUTERS

Gemüseverkäuferin in Bagdad: Verbotene Früchte?

Aber diese Meldung scheint geradezu grotesk: Al-Qaida im Irak, meldete der britische "Telegraph" vergangene Woche, habe da, wo die Terroristen noch was zu melden hätten, Frauen verboten, Gurken zu kaufen.

Gurken? Genau: Gurken.

Die Quelle der "Telegraph"-Story ist die Agentur Reuters. Und die zitiert wiederum einen sunnitischen Scheich in der irakischen Provinz Anbar mit den Worten: "Sie betrachteten Gurken als männlich und Tomaten als weiblich. Frauen durften keine Gurken kaufen, nur Männer."

Nun kenne ich weder Scheich Hameed al-Hayyes noch den Reuters-Reporter und will niemandem etwas unterstellen. Aber die Gurken-Story kam mir irgendwie bekannt vor. Und die zweite Geschichte, die der Mann Reuters erzählte, auch: dass al-Qaida "weibliche Ziegen getötet hat, weil deren Geschlechtsmerkmale nicht bedeckt waren und ihre Schwänze nach oben zeigten, was sie für 'haram' (also verboten) hielten."

Und tatsächlich: Bereits im April 2007 hatte ein Reporter der Agentur "Associated Press" berichtet, dass al-Qaida Händler in der irakischen Stadt Bakuba gewarnt hatte, auf ihren Gemüseständen Tomaten neben Gurken zu plazieren, denn sie hätten "verschiedene Geschlechter". Quelle in diesem Fall: "US-Kommandeure".

Ziegen in Unterhosen

Eine dritte Fundstelle ist die Schweizer Zeitschrift "Weltwoche". Im September 2007 hieß es dort in einem Artikel, in der irakischen Provinz Diyala hätten die Terroristen ein "absurdes Regime" errichtet: "Frauen wurden unter die Burka gezwungen, Rauchern wurden Zeige- und Mittelfinger abgehackt, Tomaten und Gurken mussten auf dem Markt getrennt ausgelegt werden, und eine Fatwa wurde erlassen, wonach Ziegen Unterhosen tragen mussten."

Nun könnte man diese drei ja immerhin unabhängigen Texte als gegenseitige Bestätigung verstehen: Ja, so hat al-Qaida es getrieben, und zwar nicht nur in Diyala, sondern auch in Anbar. Doch was mir zu denken gibt ist die vierte Fundstelle. Eine Reportage aus dem Irak vom Nahost-Korrespondenten der "Süddeutschen Zeitung", Thomas Avenarius, aus dem Oktober 2007.

Dort heißt es: "Wie brutal und absurd zugleich die Terror-Herrschaft der Fundamentalisten war, zeigt sich nicht nur an den Erzählungen. Es zeigt sich auch (an) den Scherzen, die die Menschen in den Appartementblocks machen, jetzt, wo es vorbei ist. Man dürfe, wenn es nach al-Qaida gehe, auf keinen Fall Gurken und Tomaten zusammen auf einem Teller essen: Weil Gurken männlich sind und Tomaten weiblich.... Einer der Nachbarn von Lamia Salum sagt: 'Die hätten am liebsten noch den Ziegen Wäsche umgehängt - damit man deren Euter nicht sieht.'"

Scherze!

Ich weiß nicht, ob eine Nackte-Ziegen-Fatwa existiert. Verifizieren konnte ich das nicht, ausschließen aber auch nicht. Es gibt schließlich auch islamische Rechtsgutachten, die verfügen, dass man sich beim Sex nicht ganz ausziehen darf. Und al-Qaida, insbesondere der Filiale im Irak, ist prinzipiell jede Absurdität zuzutrauen - siehe Fischereiministerium. Aber irgendwie scheint es mir wahrscheinlicher, dass die Reporter einen Scherz nicht verstanden haben.

Die Ziege in der Unterhose und die Geschlechtertrennung beim Gemüse wären damit quasi dschihadistische Varianten der Spinne in der Yucca-Palme. Die Definition haut in jedem Fall hin: "Urbane Legenden sind nicht notwendigerweise falsch, wurden aber im Laufe der Zeit oft verzerrt, übertrieben oder zur Sensation aufgeblasen", heißt es bei Wikipedia. Und: "Viele urbane Legenden sind im Grunde ausgebaute Witze, erzählt, als seien es wahre Ereignisse."

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