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22.08.2008
 

Kreml-treues Russland

"Man hätte Georgien in den Boden drücken sollen"

Von Carmen Eller, Moskau

Ein schneller Krieg ist die beste Propaganda: Der Konflikt im Kaukasus hat die Stellung der russischen Doppelspitze Putin-Medwedew weiter gefestigt, das belegen neue Umfragen. Viele Bürger hoffen, dass ihr Führungsduo die Großmachtpolitik fortsetzt - und dabei noch energischer durchgreift.

Moskau - Der erste Anrufer heißt Alexander. In der Morgenshow "Kurve" beim regierungskritischen Radiosender "Echo Moskaus" darf der junge Hörer gleich zu Beginn auf die Frage zum Kaukasus-Konflikt antworten: "Hat dieser Krieg Russland stärker gemacht?"

Es rauscht ein bisschen in der Leitung, als Alexander erklärt: "Respektiert werden immer die Stärkeren, und Russland ist stärker geworden." Mag sich sein Heimatland auch international zunehmend isolieren – der Stolz in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Mit seiner Meinung ist der junge Moskauer nicht allein. Der starke Staat genießt große Popularität.

Kreml-treue Jugendliche protestieren in Moskau gegen Georgien und die EU: "Verbrecher Saakaschwili"
AFP

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Vielen Bürgern ist die Wirtschaftsmalaise der neunziger Jahre noch in leidvoller Erinnerung. Der Aufschwung während der Amtszeit Wladimir Putins im Kreml verbesserte nicht nur die materielle Situation, sondern schuf auch ein neues Selbstbewusstein. Das zeigt sich nun auch nach dem Krieg im Kaukasus: Für die Russen steht im Vordergrund, dass Georgien die Offensive und damit den Krieg gestartet hat.

Die Bürger Russlands stehen mehrheitlich hinter ihrer Regierung. Die jüngste Umfrage des renommierten Moskauer Lewada-Zentrums liefert dafür eindrückliche Zahlen: 70 Prozent der Befragten erklären sich darin "voll und ganz einverstanden" mit der Aussage, dass die russische Führung "alles denkbar Mögliche getan" habe, "um eine Eskalation des Konfliktes und Blutvergießen zu verhindern." Nur vier Prozent geben an, ihre Regierung habe den georgisch-ossetischen Konflikt geschürt, um eigene geopolitische Interessen durchzusetzen.

Mehr Vertrauen in Putin

In der Öffentlichkeit wird die autoritäre Politik der russischen Führung kaum in Frage gestellt. Trotz einseitiger Berichterstattung im Boulevard und in staatlichen Medien gibt es jedoch Inseln vielfältiger Information. So bieten einzelne Printmedien und Online-Publikationen durchaus eine differenzierte Berichterstattung. Ihre Reichweite ist sehr beschränkt. Nur 20 Prozent der Bürger haben überhaupt Zugang zum Web. Vor allem junge Menschen und Einwohner großer Städte nutzen die Möglichkeiten.

Den machtvollen Putin schätzen die Russen nach wie vor mehr als ihren Präsidenten. Nach einer aktuellen Erhebung des als staatsnah geltenden Gesamtrussischen Zentrums für die Erforschung der öffentlichen Meinung (WZIOM) vertrauen 58 Prozent in erster Linie ihrem Ministerpräsidenten. Nur 40 Prozent geben Präsident Dmitrij Medwedew den Vorzug.

Zur Frage, wer im Staat die Richtung vorgibt, antworteten laut Lewada-Zentrum nur 14 Prozent Medwedew - 26 Prozent nannten Putin. Die Mehrheit aber meinte, dass "beide zu gleichen Teilen" das Sagen hätten. Manchen Russen ist Medwedew im Konflikt nicht weit genug gegangen. Anotoli aus Twer, der sich auch bei "Echo Moskaus " einschaltet, sagt: "Medwedew ist ein Schwächling. Man hätte Georgien mit dem Gesicht in den Boden drücken und sich dann gleich die Krim vornehmen sollen."

So groß wie das Vertrauen zu den eigenen Machthabern ist auch das Misstrauen gegenüber der westlichen Politik. Nur acht Prozent der Befragten geben der russischen Führung Schuld daran, dass westliche Regierungen im Südossetien-Konflikt mehrheitlich auf der Seite Georgiens stehen. Eine klare Mehrheit vermutet aber hinter dem Rückhalt für Tiflis böse Absichten. Der Westen sei bestrebt, "Russland zu schwächen und ihn aus dem Südkaukasus zu drängen."

"Sehr aggressive Propaganda"

"Die einfachste Erklärung für die anti-westliche Stimmung ist die staatliche Kontrolle über die Massenmedien ", sagt Lew Gudkow, der Direktor des Lewada-Zentrums, SPIEGEL ONLINE. "Im Fernsehen gibt es praktisch keine freie Berichterstattung, dafür aber eine sehr aggressive Propaganda." Das erinnere an die schlechtesten Zeiten in der Sowjetunion. Einen weiteren wichtigen Grund für die solidarische Haltung zu den Mächtigen sieht der Meinungsforscher im gestiegenen materiellen Wohlstand der Bürger.

Mit der Wahl von Micheil Saakaschwili zum georgischen Präsidenten und der Demokratisierung seines Landes habe sich zudem eine anti-georgische Propaganda breitgemacht. Auch Vorbehalte gegenüber dem Baltikum oder der Ukraine hätten zugenommen. "Sowjetische Komplexe wurden reanimiert. Die Bürger empfinden ein Recht auf Stärke und Einfluss im postsowjetischen Raum", sagt Gudkow: "Es kam zu einer ideologischen Mobilisierung". Anti-westliche Stimmungsmache sieht er als zentrales Motiv der Ära von Wladimir Putin. "Über anti-amerikanische Propaganda konsolidierte sich die russische Führung."

Es gibt sie, die abwägenden oder sogar zweifelnden Bürger. "Sind sie jetzt stolz auf Ihr Land?", wollte aktuell das angesehene politische Wochenmagazin "Wlast " in Anspielung auf den Krieg von Politikern und Prominenten wissen. Eine eher kritische Antwort kam dabei von Wladimir Posner, einem russischen Fernsehmoderator. "Ich sehe keinen Anlass für Stolz. Für Russland gab es keinen anderen Ausweg, als sich in den Konflikt einzumischen. Aber das, was daraus folgte, ruft in mir viele Fragen hervor." Mit diesem Gefühl dürfte er momentan aber weitgehend alleine sein.

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