SPIEGEL ONLINE: Micheil Saakaschwili hat gegenüber dem SPIEGEL behauptet, dass der Angriff auf Zchinwali ein Präventivschlag gewesen sei, weil in der Nacht vom 7. zum 8. August 150 russische Panzer und Panzerwagen auf dem Weg von Nord- nach Südossetien gewesen seien. Sie hätte bereits den Roki-Tunnel passiert, der die beiden Teile Ossetiens verbindet. Stimmt das?
Karassin: Ich sage mit voller Autorität, dass dem nicht so war. Hinter dieser falschen Behauptung ist die Handschrift der Leute zu erkennen, die durch ihrer schwarze PR Russland die Schuld in die Schuhe schieben wollen. An ihrer Spitze steht der georgische Präsident selbst, der zu seinem eigenen Volk in Englisch spricht.
SPIEGEL ONLINE: Wann ziehen sich denn die russischen Truppen aus Georgien zurück?
Karassin: Das ist eine Frage von Tagen, nicht von Wochen. Wir sind dabei, acht Grenzkontrollpunkte zu Südossetien zu errichten und natürlich wollen unsere Militärs keine Kugel in den Rücken geschossen bekommen. Wir verstärken das Kontingent unserer Friedenstruppen in Abchasien und Südossetien und wollen eine Sicherheitszone. Wir wollen, dass es an unseren Grenzen ruhig ist und die Menschen in Frieden leben, dass Völker wie Abchasen und Südosseten so leben können, wie es ihnen gefällt und Georgien nicht noch einmal über sie herfällt.
SPIEGEL ONLINE: Manche in der Armee träumen aber davon, bis Tiflis durchzumarschieren und so wenigstens ein Stück der ehemaligen Sowjetunion wiederherzustellen.
Karassin: Es mag vereinzelt solche Außenseiter-Meinungen geben und die wollen wir auch nicht verbieten in einem demokratischen Land. Aber so denkt kein ernstzunehmender Politiker in Russland und schon gar nicht Präsident Dmitrij Medwedew und Premier Wladimir Putin. Jedenfalls denkt unsere Führung nicht in den Kategorien eines Vabanquespiels - im Unterschied zum georgischen Präsidenten.
SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit Südossetien und Abchasien? Erkennen Sie deren Unabhängigkeit an?
Karassin: Nach der georgischen Aggression gehört das Gerede von der territorialen Integrität Georgiens der Vergangenheit an. Vieles ist vorstellbar. Eines ist sicher: Russland will nicht die Annexion dieser Gebiete. Aber wir werden sie mit allen Mitteln unterstützen, in Sicherheit und Unabhängigkeit zu leben.
SPIEGEL ONLINE: Das ist doch Doppelmoral. Russland redet nun der Unabhängigkeit von Abchasien und Ossetien das Wort. Die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo aber wollte Moskau verhindern.
Karassin: Wir haben lange und geduldig darauf hingewiesen, welche Konsequenzen es haben wird, wenn im Falle des Kosovo das Völkerrecht mit Füßen getreten wird. Wir haben immer nur zu hören bekommen, dass der Kosovo ein Einzelfall ist. Nun sehen wir, dass dem nicht so ist. Ich betone aber, dass wir bis zur georgischen Attacke an unserer prinzipiellen Position festgehalten haben. Jetzt müssen wir aber neu überlegen.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie von Angela Merkel enttäuscht, die sich bei ihrem jüngsten Besuch in Tiflis so deutlich wie nie zuvor zur künftigen Nato-Mitgliedschaft Georgiens bekannt hat?
Karassin: Wir glauben daran, das alle verantwortungsbewussten Politiker ihre Schritte sorgfältig abwägen. Wir verstehen auch, dass es so etwas wie Bündnis-Solidarität gibt. Der künftige Dialog zu diesem Thema wird nicht leicht. Alle müssen sich über ihre Prioritäten klar werden, die Gefühle beiseiteschieben und rational handeln.
SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn die Nato Georgien aufnimmt?
Karassin: Das wäre sehr gefährlich. Die Nato-Mitgliedschaft Georgiens ist nicht nur eine Frage, die in Tiflis beantwortet werden muss, sondern in jeder Hauptstadt der Nato-Länder. Es ist eine Entscheidung der ganzen Nato, eine Entscheidung darüber, welche Beziehungen man in Zukunft mit Russland haben will.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt wie eine Drohung.
Karassin: Gegenfrage. Womit können wir die Nato bedrohen?
SPIEGEL ONLINE: Sie könnten Europa das Gas abdrehen und unsere deutschen Leser mächtig frieren lassen.
Karassin: Sie können sich keinen zuverlässigeren Lieferanten als Russland vorstellen. Das war so und das bleibt so. Manchmal benehmen sich die Transitländer nicht. Wir hingegen haben stets alle Verpflichtungen und Versprechen eingehalten - anders als die Nato gegenüber uns.
SPIEGEL ONLINE: Bitte nennen Sie Beispiele.
Karassin: In den neunziger Jahren hat man Michail Gorbatschow versichert, darunter auch deutsche Staatsmänner wie Kanzler Helmut Kohl und Hans Dietrich Genscher, dass die Nato nicht erweitert wird. Das zu glauben, ohne ein rechtsverbindliches Dokument in der Hand zu haben, war naiv. Das war ein schwerer Fehler der damaligen Sowjetunion. Wir würden heute ruhig und glücklich leben - ohne Blockdenken. Was haben wir stattdessen erhalten? Entgegen allen Beteuerungen wurde die Nato erst nach Osten um Länder wie Polen und Tschechien erweitert, dann sogar auf das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion um die drei baltischen Staaten ausgedehnt und jetzt sollen Georgien und die Ukraine folgen.
SPIEGEL ONLINE: Was sind die Konsequenzen in Russland?
Karassin: Traurige. Unsere Strategen stellen sich jetzt darauf ein. Und das ist doch logisch. Wenn die Maschine Nato langsam aber sicher auf unser Schlafzimmer zurollt, werden auch wir nervös.
SPIEGEL ONLINE: Wird Russland von seiner Seite eine härtere Gangart gegenüber der Europäischen Union angehen? Ist eine Fortschreibung des Partnerschaftsabkommens damit tot?
Karassin: Gute Beziehungen mit der Europäischen Union liegen in russischem Interesse, aber dabei dürfen unsere Sorgen nicht vergessen werden. Allerdings sind zurzeit an unsere Adresse vor allem Drohungen zu hören. Wie Russland aus der WTO weiter herauszuhalten oder aus der G8 auszuschließen.
SPIEGEL ONLINE: Was der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain aber vorschlägt.
Karassin: Das wäre kontraproduktiv. Russland erfüllt seine internationalen Verpflichtungen. Sicher können wir ohne WTO leben. Aber ist es wirklich sinnvoll, dass eine der größten Volkswirtschaften der Erde draußen bleibt?
SPIEGEL ONLINE: Wir denken, dass das Wort Genozid für den Angriff der Georgier sehr hochgehängt ist und unsere Recherchen deuten darauf hin, dass die zunächst von Moskau genannten Opferzahlen in Südosseten von 1600 oder 2000 Toten übertrieben sind.
Karassin: Das Wort Genozid hat auch einen emotionalen Charakter. Aber Südossetien wurde nach einem nationalem Kriterium angegriffen. Wir empfinden das so. Die genaue Zahl der Opfer wird jetzt ermittelt. Das ist keine leichte Aufgabe.
Das Interview führten Matthias Schepp und Wladimir Pyljow
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Konflikt im Kaukasus | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH