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Georgien-Konflikt In Washington nahm niemand das Telefon ab

2. Teil: In Washington habe irgendwann niemand mehr abgehoben, behaupten die Russen

Wie so oft bleibt Karasin auch an diesem 7. August, einem regnerischen Spätsommertag, bis in den späten Abend in seinem Büro im siebten Stock des Stalin-Wolkenkratzers im Herzen Moskaus. So erreicht ihn Popows Anruf noch an seinem Schreibtisch.

Auf der Schrankwand gegenüber stehen Porzellanfiguren aus der Ukraine, ein Bronzeadler aus Moldawien. Karasin, zuvor fünf Jahre lang Botschafter in London, ist zuständig für die schwierigen Beziehungen zu den Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), ehemaligen Republiken der Sowjetunion. In seinen Verantwortungsbereich auch fallen die Konfliktzonen auf dem Territorium der Schwarzmeer-Republik Georgien, das abtrünnige Abchasien und Südossetien. "Es gab in den vergangenen drei Jahren kaum einen Tag, an dem ich nicht mit europäischen, amerikanischen und georgischen Gesprächspartnern in dieser Angelegenheit gesprochen habe", sagt er. "Bei allen Meinungsverschiedenheiten einte uns dennoch immer eines: Gewalt anzuwenden ist tabu."

"Der Präsident hat nicht viel geschlafen"

Seit Anfang August aber beunruhigen Karasin Meldungen seines Sonderbotschafter Popows und Berichte des Kommandeurs der russischen Friedenstruppen Kulachmetow. Die Scharmützel in Südossetien häufen sich. Der Konflikt droht bis hin zum Krieg zu eskalieren.

Nach zehn Uhr verlässt Karasin sein Büro, lässt einen diensthabenden Mitarbeiter zurück und fährt nach Hause in seine Wohnung, die 15 Minuten vom Ministerium entfernt liegt. "Ich hoffte, dass der georgische Präsident Saakaschwili sich an den Waffenstillstand hält, den er an diesem Abend verkündet hatte", sagt Karasin. Er will sich gerade zu Bett legen, als ihm General Kulachmetow kurz vor Mitternacht vom georgischen Angriff auf Zchinwali berichtet.

Noch von zu Hause telefoniert Karasin mit Präsident Dmitrij Medwedew, einer von sieben Anrufen in dieser Nacht. "Der Präsident hat nicht viel geschlafen", sagt Karasin. Medwedew gibt Anweisung, schnellstmöglich mit Saakaschwili Kontakt aufzunehmen. "Ich konnte ihn aber nicht direkt sprechen, nur mit seinen engsten Mitarbeitern." Dann lässt sich Karasin zu Dan Fried durchstellen, seinem amerikanischen Pendant in Washington. Man versuche, das in den Griff zu bekommen, erklärt der US-Vizeaußenminister.

Irgendwann hebt in der amerikanischen Hauptstadt niemand mehr ab, und das, obwohl dort der Arbeitstag lange noch nicht zu Ende ist, berichtet Karasin. Ob Washington hinter der georgischen Kommandoaktion stecke? "Das wäre wohl eine zu starke Beschuldigung. Aber sie haben Saakaschwili die falschen Signale gegeben, und er hat seit Monaten gefühlt, dass ihn Washington nicht fallen lässt", findet Karasin. Sonderbotschafter Popow geht einen Schritt weiter: "Wenn es eine lange vorbereite Offensive war, konnte das den amerikanischen Militärberatern nicht verborgen geblieben sein."

Kurz vor Mitternacht, im Moskauer Außenministerium laufen die Telefonleitungen heiß, trifft Popow in seinem Tifliser Hotel ein. "Ich konnte bis in die Morgenstunden nicht einschlafen. Ich hätte den Georgiern gerne geglaubt. Nun fühlte ich mich betrogen", erinnert sich Popow.

"Jurij, ich habe dir immer die Wahrheit gesagt"

Popow hat Jakobaschwili, den georgischen Unterhändler, noch einmal gesehen - am 12. August, am Tag, ehe Popow Tiflis verließ, um nach sechsstündiger Autofahrt aus der armenischen Hauptstadt Eriwan zurück nach Moskau zu fliegen. Der direkte Flugverkehr zwischen Georgien und Russland war inzwischen eingestellt worden. Jakobaschwili hat Popow in die Augen geschaut und beteuert: "Jurij, ich habe dir immer die Wahrheit gesagt."

Falls dies so stimmt, hat der georgische Präsident entweder seinen wichtigsten Unterhändler über seine Pläne im Dunkeln gelassen, oder er hat seine Entscheidung zum Angriff auf Zchinwali in allerletzter Minute getroffen. Im Gespräch mit dem SPIEGEL-Korrespondenten Uwe Klußmann schilderte Saakaschwili den Angriff seiner Truppen als eine Art Präventivschlag. "Dann erfuhren wir am 7. August, dass 150 russische Panzer aus Nordossetien über die Grenze nach Südossetien rollten. Sie fuhren auf von uns kontrollierte georgische Dörfer zu. Direkt hinter diesen Orten liegt die südossetische Hauptstadt Zchinwali. Von dort aus hätten sie in jede beliebige Richtung weiter nach Georgien fahren können."

Daraus ergeben sich einige Schlüsselfragen zur Klärung der Hintergründe des kaukasischen Fünf-Tage-Krieges: Wenn Saakaschwilis Behauptung stimmt, kann Moskau sein Vorgehen nicht länger als einen Akt der Selbstverteidigung hinstellen.

Mit der Entsendung von 150 Panzern und Panzerwagen - und seien sie nur als Abschreckung gedacht gewesen - hätte der Kreml den überhasteten Militärschlag Saakaschwilis zumindest entscheidend mit provoziert.

Gefragt, ob die genannte Panzerkolonne bereits am späten Abend des 7. August, also in den Stunden vor dem Angriff Saakaschwilis auf Zchinwali tatsächlich auf dem Weg durch den Roki-Tunnel war, sagte Vizeaußenminister Grigorij Karasin gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Ich versichere Ihnen mit meiner ganzen Autorität, dass dem nicht so war." In Moskau fragt man, ob sich "Saakaschilis großer Bruder in Washington eine solche Gelegenheit entgehen lassen könnte, uns an den Pranger zu stellen". Die von Saakaschwili behauptete Panzer-Streitmacht können der westlichen Aufklärung doch nicht entgangen sein.

Wenn Saakaschwillis Behauptung nicht stimmt, gibt es dafür zwei mögliche Gründe: Erstens, der georgische Präsident hat gelogen, um im Nachhinein eine Rechtfertigung für seinen gescheiterten Angriff zu finden. Vor der Welt und vor seinem eigenen Volk. Zweitens, Saakaschwili ist einer Desinformation aufgesessen. Und wenn dies so ist, ergibt sich daraus eine weitere Frage: Woher kam diese dann?

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