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25.08.2008
 

McCain gegen Obama

Kopf an Kopf ins Krönungsspektakel

Die Stimmung im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft dreht: Demokraten-Superstar Obama, dessen Nominierungsparteitag in dieser Nacht begann, hat keinen Vorsprung mehr. Der republikanische Rivale McCain zieht gleich - und will ihm die Schau stehlen.

Berlin - Es ist nicht lange her, ein paar Wochen vielleicht, da war das Rennen eigentlich schon gelaufen: Der Machtwechsel in den USA war ausgemacht, so schien es zumindest. Barack Obama, der junge Charismatiker, der Hoffnungsträger, surfte auf einer Welle der Euphorie. Wo immer er auftrat, die Menschen jubelten verzückt, zu Tausenden, zu Hunderttausenden, wie in Berlin an der Siegessäule.

Die Umfragen spiegelten das Gefühl wider: Abgeschlagen war John McCain, der alte Mann, bald 72 Jahre alt, gezeichnet von Kerker und Folter in Vietnam, ein Held, aber zugleich Symbol der Vergangenheit. Die Menschen in den USA wollten den Wandel, den ihnen der 47-jährige Obama versprach. Sie riefen: "Yes, we can."

Doch irgendwann in den vergangenen Wochen ist die Stimmung gekippt. Plötzlich stottert die Obama-Maschine, die Souveränität schwindet. Die Umfragen prophezeien jetzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Einzug ins Weiße Haus.

Plötzlich dreht sich der Trend

Am vergangenen Mittwoch jubelten die republikanischen Wahlkämpfer über die Zahlen des Instituts von Meinungsforscher John Zogby. McCain lag in der landesweiten August-Umfrage plötzlich vor seinem Konkurrenten, zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten. Würde jetzt gewählt, gewänne er mit 46 Prozent vor Obama mit 41.

Ein Erdbeben - im Juli hatte der demokratische Senator aus Illinois noch einen Vorsprung von sieben Prozentpunkten. Den ermittelte vor einem Monat auch CNN noch, am Montag liegen McCain und Obama hier gleichauf bei 47 Prozent der Wählerstimmen.

Auch in den anderen Umfragen ist der bislang deutliche Vorsprung Obamas weitgehend verdampft. Das Gallup-Institut kam jüngst auf 45 Prozent für Obama, McCain lag nur einen Punkt dahinter. Fast aufgeschlossen hatte der Republikaner in den Erhebungen von "New York Times" und CBS, beim konservativen Sender Fox hatte Obama nur knapp die Nase vorn. Inzwischen muss er schon nach Deutschland schauen, um sich an schönen Zahlen zu erfreuen. Knapp drei Viertel der Bundesbürger würden laut Forsa Obama ihre Stimme geben, wenn sie denn dürften.

In den USA allerdings ist die Euphorie über den Prediger des "Wandels" abgekühlt, die Chancen von John McCain sind gestiegen. Das Comeback Kid des republikanischen Vorwahlkampfes ist jetzt auch plötzlich im Wahlkampf der Offensive.

Was ist passiert? Geholfen hat McCain unter anderem die Krise im Kaukasus. Zu unerfahren sei Obama, das hat der Senator aus Arizona seinem Gegner immer wieder vorgeworfen, ein außenpolitisches Greenhorn. Als in Georgien der Krieg ausbrach, forderte McCain staatsmännisch den sofortigen Rückzug der russischen Truppen. Obama erreichte die Nachricht von den Kämpfen im Urlaub auf Hawaii, Fotos zeigten ihn lachend beim Eisschlecken. Auch er reagierte, seine Worte waren jedoch deutlich gemäßigter gewählt, von Dialog und Diplomatie war die Rede.

McCain dagegen verlangte eine Antwort der internationalen Staatengemeinschaft auf die russische "Aggression". Es klang nach der Entschlossenheit eines Kalten Kriegers, der einst in Wladimir Putins Augen die Buchstaben "K-G-B" gesehen haben wollte - eine Anspielung auf eine Bemerkung George Bushs, der beim Anblick Putins nach eigenen Worten dessen Seele erkannte.

Nun soll es der Vize Joe Biden richten

In unruhigen Zeiten wollen die Amerikaner einen starken, entschlossenen "Commander in Chief". Den Job als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte und außenpolitischen Krisenmanager trauen sie offenbar eher John McCain zu, wie die "Washington Post" in ihrer jüngsten Umfrage ermittelte: Die Beziehungen zu Russland, der Krieg gegen den Terror, eine unvorhergesehene größere Krise - in allen Fragen hat McCain in den Augen der Wähler einen Kompetenzvorsprung.

80 Prozent, so fanden Meinungsforscher für die "Los Angeles Times" heraus, sind der Ansicht, dass die internationale Routine für McCain spreche. 48 Prozent der Befragten monieren zugleich Obamas mangelnde Erfahrung.

Nun soll es Joe Biden richten: Mit dem Vorsitzenden des Senatsausschusses für auswärtige Angelegenheiten als Vizekandidaten holte sich Obama außenpolitische Expertise ins Team - ein Schritt, den ihm das McCain-Lager sofort als Eingeständnis der eigenen Schwäche auslegte.

Obamas Hoffnung ist die Wirtschaftskompetenz. Hier kann der Demokrat nach wie vor punkten - und das Thema gilt noch immer als das, welches die US-Bürger am meisten bewegt. Sollten Rezession und schrumpfender Arbeitsmarkt im November für die Amerikaner also noch immer ganz oben auf der Agenda stehen, wäre dies ein Vorteil für Obama.

"Die Menschen wissen einfach nicht, wer dieser Obama ist"

Neben inhaltlichen Fragen könnte am Ende noch etwas ganz anderes den Ausgang der Wahl mitentscheiden. Obama selbst hat seine Hautfarbe immer sehr zurückhaltend thematisiert, wollte nie in erster Linie der schwarze Kandidat sein. Doch schon im Vorwahlkampf ging es zwangsläufig auch immer wieder darum. Da waren die Vorwürfe gegen das Clinton-Lager, es versuche Ängste zu schüren, es gab die Affäre um Obamas schwarzen Pastor Jeremiah Wright.

Ein Grund, warum Obama McCain bisher nicht abgehängt hat, sei, dass die Menschen "einfach nicht wissen, wer dieser Obama ist", schrieb Kolumnist David Brooks vergangenen Woche in der "New York Times". Viele Wähler, glaubt Brooks, könnten ihn wegen seiner ungewöhnlichen Herkunft - der Vater Kenianer, die Mutter eine Weiße, er wuchs in Indonesien und Hawaii auf - nicht recht einordnen.

Andere drücken es noch deutlicher aus. John Heilemann vertrat im "New York Magazine" die Ansicht, dass die Zurückhaltung der Wähler alleine mit Obamas Hautfarbe zu tun habe: "Das ist der große Elefant im Raum, über den sich niemand zu reden traut."

In den nächsten Tagen wird sich Obama aller Voraussicht nach wieder ein wenig von McCain absetzen. Er wird die Schlagzeilen bestimmen, bis er zum Abschluss des Nominierungsparteitags der Demokraten in Denver im Football-Stadion Ivesco Field vor mehr als 70.000 Fans redet. Es wird Obamas Krönungsmesse.

Die Umfragewerte werden sich deutlich verbessern. McCain wird in dieser Zeit keine unnötigen Kräfte vergeuden - und dennoch versuchen, den zu erwartenden bounce für Obama so klein wie möglich zu halten.

Je höher die Erwartungen, desto größer die Enttäuschung

Dafür versucht man im Lager des republikanischen Kandidaten die Erwartungen an den Konkurrenten in historische Höhen zu schrauben: Obama könne wohl mit einem Plus rechnen, wie es einst Bill Clinton bei seiner Nominierung 1992 erreichte, wird laut "New York Times" gestreut. Clinton schoss seinerzeit um 16 Punkte in Höhe - allerdings vor allem, weil sich der unabhängige Ross Perot aus dem Rennen verabschiedete. Das Kalkül hinter der ehrfürchtigen Einschätzung ist klar: Je höher die Erwartungen, desto größer die Enttäuschung, wenn Obama sie nicht erfüllt.

Zudem will McCain am Freitag, also just zum Ende des Demokraten-Spektakels, seinen Vize-Kandidaten benennen, bevor unmittelbar danach der Republikaner-Parteitag beginnt. Damit liefert dann McCain wieder die Nachrichten. Die Obama-Krönung, so die Hoffnung der Republikaner, wäre schnell vergessen - und John McCain kann seinerseits denbounce seiner Nominierung nutzen.

Der Kampf ums Weiße Haus hat gerade erst begonnen.

phw/ddp/Reuters/dpa/AP

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