Moskau/Brüssel - Gerade einmal fünf Minuten dauerte die Fernsehansprache des russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew - doch mit seiner knappen Erklärung riskiert der Staatschef, die Beziehungen seines Landes zum Westen dauerhaft zu erschüttern: "Ich habe im Namen der Russischen Föderation die Anordnungen über die Anerkennung der Unabhängigkeit Südossetiens und der Unabhängigkeit Abchasien unterschrieben", hat Medwedew verkündet - und damit ein diplomatisches Beben ausgelöst.
wurde im Westen heftig kritisiert. Unmittelbar nach der Erklärung lehnte die Nato den Vorstoß des russischen Präsidenten ab: Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer sagte in Brüssel, das Verhalten Russlands in den vergangenen Wochen stelle Moskaus Bekenntnis zu Frieden und Sicherheit im Kaukasus in Frage.
Mit ungewöhnlich deutlichen Worten stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Kooperation mit Moskau in Frage. Russlands Handeln sei "absolut nicht akzeptabel", sagte Merkel in Tallinn. "Dieses widerspricht dem Prinzip der territorialen Integrität, einem grundlegenden Prinzip des internationalen Völkerrechts." Merkel schloss Konsequenzen für die erst vor wenigen Wochen begonnenen Verhandlungen mit Russland über ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit der EU nicht aus. Für Europa gelte es jetzt, mit Russland über die gemeinsame Wertebasis zu diskutieren. Ein einfaches "Weiter so" könne es nicht geben. "Wir müssen als Europäische Union alles daran setzen, dass wir Georgien und genauso der Ukraine im Rahmen unserer Nachbarschaftspolitik beistehen", sagte Merkel.
Die EU mahnte eine "friedliche Lösung der Konflikte in Georgien" an. Die Anerkennung durch Russland stehe "im Widerspruch zu den Prinzipien der Unabhängigkeit, Souveränität und territorialen Integrität Georgiens", erklärte die EU-Ratspräsidentschaft in Paris. Sie verwies dabei auf die Charta der Vereinten Nationen und die Resolutionen des Uno-Sicherheitsrates. Die Konsequenzen der russischen Entscheidung würden geprüft, hieß es.
US-Außenministerin Condoleezza Rice bezeichnete den Vorstoß Russlands als "extrem bedauerlich". Es habe Gespräche gegeben, wie man auf internationaler Ebene den Kaukasus-Konflikt lösen könne. Russland sei dem Ausgang dieser Diskussionen nun zuvorgekommen. Beide abtrünnigen Regionen seien Teile Georgiens und würden dies auch bleiben. Die USA würden mit ihrem Veto im Weltsicherheitsrat jeglichen russischen Versuch blockieren, an deren Status etwas zu ändern.
Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon kritisierte den Vorstoß Russlands ungewöhnlich offen. Der Schritt könne weiterreichende Folgen für die Sicherheit und Stabilität im Kaukasus haben, ließ Ban am in New York erklären. Die laufenden Bemühungen, über den Sicherheitsrat zu einer gemeinsamen Lösung in der Georgienfrage zu finden, werden durch den Alleingang erschwert. Ban forderte, den von Frankreich vorgeschlagenen Sechs-Punkte-Friedensplan voll umzusetzen.
London fordert "Koalition gegen den russischen Angriff"
Heftige Kritik auch aus Großbritannien: Außenminister David Miliband nannte die Entscheidung "nicht zu rechtfertigen und inakzeptabel". Medwedew heize die Krise in Georgien weiter an. "Wir unterstützen Georgiens Unabhängigkeit und innerstaatliche Integrität, die nicht per Dekret aus Moskau verändert werden kann." Russland müsse sofort seine Truppen abziehen, sagte Miliband und kündigte an, am Mittwoch in die Ukraine reisen, um "eine größtmögliche Koalition gegen den russischen Angriff" zu versammeln.
Frankreich sprach von einer "bedauerlichen Entscheidung" Medwedews. Ein Sprecher des Außenministeriums in Paris sagte, die französische Regierung sei dabei, sich mit den europäischen Partnern abzustimmen, um eine gemeinsame Verurteilung des Schrittes zu erreichen. Der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa nannte das Vorgehen Russlands "einen Verstoß gegen grundlegende OSZE-Prinzipien. Wie alle OSZE-Staaten ist Russland verpflichtet, die Souveränität und die territoriale Integrität anderer zu respektieren."
Italiens Außenminister Franco Frattini äußerte bei allem Bedauern auch Verständnis: "In Russland schwelte eine Frustration, die jetzt leider explodiert." Der Westen habe den Fehler begangen, Russland zu erniedrigen. "Moskau wurde darum gebeten, Energie zu liefern und unseren Unternehmen Investitionsmöglichkeiten zu bieten, ohne Russland dabei aber eine politische Rolle zuzuerkennen." Mit "ernsthafter Besorgnis" reagierte das Nato- und EU-Mitglied Bulgarien. Auch Rumänien sprach von einem "bedauerlichen einseitigen Akt ohne rechtliche Grundlage".
Der Europarat warf Moskau vor, die territoriale Integrität eines Mitgliedslandes zu verletzen. "Die Entscheidung Medwedews gefährdet die Aussicht auf eine Verhandlungslösung in dem Streit um den künftigen Status dieser beiden Regionen", erklärte Generalsekretär Terry Davis in Straßburg.
Medwedew zeigt sich von Protesten des Westens unberührt
Ungeachtet des internationalen Proteststurms bekräftigte Medwedew am Dienstagnachmittag seine Entscheidung. "Wir haben vor nichts Angst, auch nicht vor der Aussicht auf einen Kalten Krieg", sagte er in einem auf Englisch übersetzten Interview des Fernsehsenders Russia Today. "Natürlich wollen wir das nicht. Alles hängt von der Haltung der Weltgemeinschaft und unserer Partner im Westen ab."
Der georgische Präsident Micheil Saakaschwili warf Russland vor, sein Land annektieren zu wollen. "Es ist der erste Versuch eines großen Landes in Europa seit Nazi-Deutschland und Stalin, das Territorium eines anderen Landes zu annektieren", sagte Saakaschwili am Dienstag in Tiflis.
Der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow warnte vor einer erneuten "Spaltung" der Welt: "Das Risiko einer erneuten Spaltung ist aufgekommen", schrieb er in einer Erklärung an die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass. Der Kaukasus-Konflikt habe eine Reihe "politischer und militärischer Mechanismen" in den USA, Europa und Russland ausgelöst. "Es besteht die wachsende Bedrohung eines weltweiten Chaos."
Medwedew hatte seine Entscheidung in der Fernsehansprache damit gerechtfertigt, Südossetien und Abchasien müssten vor weiteren möglichen Aggressionen aus Georgien geschützt werden. "Das ist die einzige Möglichkeit, das Leben der Menschen dort zu schützen." Er erhob erneut schwere Vorwürfe gegen Georgiens Präsidenten Micheil Saakaschwili. Dieser habe "den Völkermord gewählt, um seine politischen Aufgaben zu lösen". Georgien habe den am wenigsten humanen Weg gewählt, um sein Ziel zu erreichen - "Südossetien zu absorbieren, indem eine ganze Nation eliminiert wird".
Die Menschen in Südossetien und Abchasien nahmen die Anerkennung der Unabhängigkeit durch Russland mit Begeisterung auf. Durch die Straßen der vom Krieg zerstörten Hauptstadt Zchinwali liefen Menschen mit den Fahnen Russlands und Südossetiens. Das Mobilfunknetz in der Region brach wegen Überlastung zusammen.
amz/dpa/Reuters/AP
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