Montag, 23. November 2009

Politik



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
26.08.2008
 

Kampf um US-Präsidentschaft

Weiß gegen Schwarz

Von Gerhard Spörl

McCain gegen Obama: Das heißt Republikaner gegen Demokrat, Alt gegen Jung - aber vor allem Weiß gegen Schwarz. Deshalb kommt es für Barack Obama so sehr auf seine besiegte Rivalin Clinton an. Denn sie ist die Leitfigur der weißen skeptischen Wechselwähler.

Auf CNN interviewte am Dienstag eine schöne Blondine namens Rosemary einen Abgeordneten des US-Repräsentantenhauses. Nicht irgendwen, sondern Jesse Jackson junior, den Sohn des Bürgerrechtlers Jesse Jackson, der auch schon zweimal versucht hat, Präsident zu werden. Der Junior ist ein ernsthafter Mensch, ein guter Abgeordneter, ohne den Hang zu Klamauk und die Provokationen, für die der Alte immer noch gut ist.

Kampf ums Weiße Haus: John McCain und Barack Obama
Getty Images; DPA

Kampf ums Weiße Haus: John McCain und Barack Obama

Die schöne Blondine stellte eine gute Frage, sie fragte Jackson junior, ob denn das weiße amerikanische Publikum gestern nicht am Ende doch befremdet zugeschaut hat, wie Michelle Obama und ihre beiden Töchter in Denver den Ton vorgaben für den Krönungsparteitag der Demokraten. Jackson wich in seiner Antwort aus. Er erzählte, wie eindringlich Michelle Obama den Amerikanern vor Augen geführt habe, dass sie in die Mitte dieses Landes gehört mit ihrer Sorge um die Kinder, mit ihren Werten und Zielen. Damit habe sie ihren Landsleuten auch bewusst gemacht, wie wenig John McCain – "John McCain, our real pain", kalauerte er, um vom Ausweichen abzulenken – in den Mainstream gehöre, er, der sieben Häuser besitze und sich morgens fragen müsse, in welchem der sieben er gerade aufwache, wo die Tür sei und wie viele Zimmer es habe.

Die Frage war so gut, dass Jesse Jackson junior sie gar nicht beantworten durfte. Denn die große Unbekannte in diesem Duell zwischen Barack Obama und John McCain ist der Umstand, dass der eine schwarz und der andere weiß ist. Und wann immer irgend jemand diese kluge Frage stellt, hält der Befragte entweder den Atem an, hat nur noch wenig Zeit und ist mit Gedanken anderswo oder weicht mit langen Sätzen ins Niemandsland aus.

Hält Amerika eine schwarze Familie im Weißen Haus aus?

Am Montagabend traten Michelle Obama und ihre Töchter in Denver so auf, wie Amerikaner das von der Familie der Kandidaten erwarten: als liebende, begeisterte, anfeuernde Cheerleader. Und da sie unübersehbar schwarz sind, ist die verhüllte, aber entscheidende Frage dieses Wahlkampfes nur noch schwer beiseite zu schieben: Hält es Amerika aus, dass eine schwarze Familie ins Weiße Haus einzieht und dass dieses Land fortan von einem Mann regiert wird, der sich als Schwarzer definiert, auch wenn seine Mutter eine Weiße aus Kansas gewesen ist?

MEHR ZUM THEMA

Im neuen SPIEGEL 35/2008:

Der kalte Krieger
Warum McCain Obama noch schlagen kann
Fotos Alfredo Estrella/AFP, Mauritius
Die Hautfarbe Obamas ist im Wahlkampf immer schon mal thematisiert worden, verhüllt, indirekt, trickreich. Hillary Clinton erinnerte besonders hübsch perfide daran. Wie nebenbei brachte sie Bobby Kennedy und Barack Obama in einem Satz zusammen, der ungefähr so ging: Bobby Kennedy ist ja ermordet worden, und deshalb ist es gut, wenn ich, Hillary im Rennen bleibe. Geraldine Ferraro, die Vizepräsidentin geworden wäre, wenn Walter Mondale die Wahl nicht verloren hätte, führte Beschwerde, dass Obama aufgrund seiner Rasse von den Journalisten mit Vorzug behandelt werde. So ähnlich schwadronierte auch Bill Clinton munter herum. Als sei es in Amerika ein unschätzbarer Vorteil, schwarz geboren zu sein und ein unaufholbarer Nachteil, weiß zu sein.

Den Clintons, die Niederlagen gerne zu Intrigen oder Verschwörungen oder monumentalem Unrecht herunterreden, fällt es heute noch ungemein schwer, den Mann zu unterstützen, der sie besiegt hat. Obama war besser als Hillary, der bessere Redner, schlauer im Aufbau der Kampagne, der tolle neue Junge im Viertel. Seine Hautfarbe gab bestimmt nicht den Ausschlag im Vorwahlkampf der Demokraten, aber sie gereichte ihm auch nicht zum Nachteil.

OBAMA/BIDEN VS. MCCAIN/PALIN: DIE PERSÖNLICHEN PROFILE

Jetzt geht es McCain gegen Obama, Republikaner gegen Demokrat, Alt gegen Jung – und vor allem Weiß gegen Schwarz. McCain thematisiert diesen Subtext natürlich nicht direkt, aber sehr wohl indirekt. Weiß ist, wenn man so ist wie John McCain: patriotisch, auf Ehre und Würde bedacht, aufopfernd, ein Held. Schwarz ist, wenn man so ist wie Barack Obama: auf Ruhm erpicht wie diese Hollywood-Schauspieler, egozentrisch, spielerisch, ohne die großen amerikanischen Werte. Da wird, gekonnt subkutan, das weiße Amerika gegen das schwarze Amerika mobilisiert.

Es kommt auf die Aufgeklärten unter den Wechselwählern an

Es ist nicht nur die veränderte Weltlage, die McCain plötzlich wieder zum ernsthaften Gegner im Wahlkampf werden lässt, die imperialen Gelüste Russlands, das sein postsowjetisches Terrain arrondiert. Es ist auch die Rassenfrage, die Obama schwächt und McCain stärkt, das alte Trauma Amerikas von seinen Anfängen an, das ungelöste, in politischer Korrektheit erstickte Dilemma dieses großen Landes. Allenfalls einem enthemmten Haudegen wie Rush Limbaugh, der mit seinen Hassgesängen im Radio die schweigende Mehrheit aufpeitscht, ist es zuzutrauen, dass er die trostlose weiße Wahrheit dieses Wahlkampfes ausspricht: Ein Schwarzer im Weißen Haus – niemals.

Dass vermutlich eine Mehrheit der republikanischen Wähler so denkt oder fühlt, liegt auf der Hand. Es kommt aber auf die Aufgeklärten unter den Wechselwählern an, ob sie am Ende davor zurückschrecken, den Schwarzen anstatt des Weißen, zu wählen. Und es kommt auf die Wankelmütigen unter den demokratischen Wählern an, die in den achtziger Jahren Ronald Reagan gewählt haben und jetzt vor der Alternative stehen, Obama oder doch lieber McCain zu wählen.

Es wird auch auf Hillary Clinton ankommen, die Gekränkte, die Besiegte, auf ihre Botschaft in Denver, in dieser brodelnden, fiebernden, wild bewegten Halle. Sie wird auch weiterhin Hof halten, und der Kandidat tut gut daran, sie zu charmieren. Denn sie ist die Leitfigur der weißen Skeptiker, die sich nur schwer mit Obama abfinden können.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




FORUM

Einigt Obama die Demokraten? Diskutieren Sie mit anderen Lesern!








Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern