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29.08.2008
 

Kampf ums Weiße Haus

Obama schwört Amerikaner auf den Wechsel ein

Es ist die mit Spannung erwartete Predigt einer gigantischen Krönungsmesse: Vor 80.000 Fans hat Barack Obama offiziell die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten angenommen. "Acht Jahre sind genug", ruft er - und schwört das Land mit einer fulminanten Rede auf den Wechsel ein.

Denver - Es ist der historische Moment, auf den er 18 Monate hingearbeitet hat - und es ist das dramatische Finale eines gigantischen Krönungsspektakels unter freiem Himmel: "Mit tiefer Dankbarkeit und großer Demut nehme ich die Nominierung für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika an."

Dieser Satz macht Barack Obama nun endlich auch offiziell zum ersten schwarzen Präsidentschaftskandidaten einer der großen US-Parteien - anderthalb Jahre, nachdem der Senator aus Illinois seine Bewerbung in Springfield verkündete. "Es ist Zeit, Amerika zu verändern. Und daher kandidiere ich für das Präsidentenamt der Vereinigten Staaten", ruft Obama nun.

Die Kulisse für den Startschuss zum Wahlkampfendspurt gegen seinen republikanischen Rivalen John McCain könnte eindrucksvoller kaum sein. Mehr als 80.000 Menschen jubeln Obama im Invesco Field, dem Football-Stadion von Denver, zu. Einen solchen Auftritt vor den Demokraten-Delegierten hat zuletzt nur John F. Kennedy gewagt, mit dem der 47 Jahre alte Obama so gerne verglichen wird. Die Obama-Fans, sie ersehnen den Kennedy-Moment.

Der Empfang, den sie ihrem Hoffnungsträger am Donnerstagabend bereiten ist an Euphorie denn auch kaum zu überbieten. Eingestimmt durch Musik, Lightshow und einen Videoclip mit den wichtigsten Stationen im Leben Obamas lassen die Anhänger den Kandidaten zunächst kaum zu Wort kommen. Jedes "Danke" wird mit einem neuen Jubelsturm beantwortet, schon bevor Obama die obligatorische Annahme der Kandidatur verkünden kann, skandieren sie den Wahlkampfslogan: "Yes, we can."

Obama wirkt gerührt, aber zugleich ruhig und ohne jede Nervosität. Es soll ein präsidialer Auftritt werden: Seine Rede, die am Ende 44 Minuten dauern wird, richtet sich an alle Amerikaner, nicht nur an die Parteifreunde. Und Obama enttäuscht nicht: Seine Attacken setzt er gezielt und scharf, auch inhaltlich ist er konkreter als bei früheren Reden, er setzt neue Akzente.

Gleich zu Beginn ruft er die Zehntausenden im Stadion und geschätzten 40 Millionen Amerikaner an den TV-Geräten zu Hause auf, einen Schlussstrich unter die Ära von Präsident George W. Bush zu ziehen. Die USA befänden sich am Ende einer "gescheiterten Präsidentschaft", die durch Krieg und Wirtschaftskrise gekennzeichnet sei, sagt Obama. "Dieser Moment, diese Wahl", ruft Obama in das weite Rund, "ist unsere Chance, um das amerikanische Versprechen im 21. Jahrhundert lebendig zu halten."

Obama schwört die Menschen im Land auf den Wechsel ein: "Amerika, wir sind besser als diese letzten acht Jahre, wir sind ein besseres Land als dieses. Wir lieben dieses Land zu sehr, als dass die kommenden vier Jahre aussehen wie die vergangenen acht", ruft er. "Am 4. November müssen wir aufstehen und sagen: Acht sind genug."

Es ist eine entschlossene Kampfansage - und der Satz findet sofortigen Widerhall. "Acht sind genug", rufen die Fans im Chor. John McCain habe in der Vergangenheit stets zu 90 Prozent Bush zugestimmt, rechnet Obama ihnen einmal mehr vor - und schiebt hinterher: "Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bin nicht bereit, nur eine zehnprozentige Chance auf einen Wandel zu wählen."

Im Vorfeld hatten die Republikaner versucht, Obama angesichts seines erneuten Auftritts vor einem Megapublikum Obamas Polit-Star-Image ins Negative zu kehren, ihn als begabten Redner darzustellen, der allerdings keine Inhalte zu bieten habe. Obama antwortet am Donnerstag mit klaren Ansagen: "Lasst mich genau sagen, was dieser Wechsel bedeuten würde, wenn ich Präsident bin."

Der Senator verspricht einen umfassenden Wechsel in der Wirtschafts- und Sozialpolitik zugunsten von Arbeiterfamilien und der Mittelschicht. "Wir messen die Stärke unserer Wirtschaft nicht an der Zahl der Milliardäre, die wir haben", sagt Obama. Die Wirtschaft müsse die Würde der Arbeit respektieren. Dazu gehöre auch, dass eine Kellnerin ohne Angst um ihren Arbeitsplatz einen Tag frei nehmen könne, um nach ihrem kranken Kind zu sehen.

Er kündigt an, in der Energieversorgung die Abhängigkeit vom Öl aus dem arabischen Raum in den nächsten zehn Jahren beenden zu wollen, auch im Interesse der Zukunft des Planeten. Als Alternativen nennt er Erdgas, eine "saubere Kohlentechnik" und "Wege, um die Atomkraft sicher zu nutzen". 150 Milliarden Dollar sollen innerhalb der kommenden zehn Jahre in erneuerbare Energiequellen investiert werden.

"Den Krieg im Irak verantwortungsbewusst beenden"

Seine besten Momente hat Obama bei den Themenfeldern, bei denen ihn die Republikaner attackieren - etwa seine angeblich mangelnde außenpolitische Erfahrung. Besonders entschlossen, geradezu grimmig versichert er, dass er als Commander-in-Chief, als Oberbefehlshaber, nicht zögern wird, das Land zu verteidigen. Er werde Truppen aber nur mit einer klaren Mission entsenden.

"Wir sind die Partei von Roosevelt. Wir sind die Partei Kennedys. Daher soll mir niemand sagen, dass die Demokraten dieses Land nicht verteidigen könnten." Die Bush-McCain-Außenpolitik habe das Erbe verprasst, dass Generationen von Amerikanern - Demokraten und Republikaner - aufgebaut hätten, "und wir müssen dieses Erbe erneuern".

Obama bekräftigt seine Absicht, den Irak-Einsatz US-amerikanischer Truppen zu beenden, einen konkreten Zeitpunkt für einen Rückzug nennt er allerdings nicht. "Ich werde den Krieg im Irak verantwortungsbewusst beenden und den Kampf gegen al-Qaida und die Taliban in Afghanistan zu Ende führen", sagt Obama. Noch vor einigen Wochen hatte Obama versprochen, die US-Truppen innerhalb von 16 Monaten aus dem Irak abzuziehen.

Ungewöhnlich scharf fiel auch Obamas Antwort auf die immer wieder bemühte Unterstellung aus, er sei möglicherweise nicht patriotisch genug für das Weiße Haus. "Ich habe gute Nachrichten für Sie, John McCain", rief Obama mit spöttischem Unterton aus. "Wir alle setzen unser Land an erste Stelle."

Erinnerung an Martin Luther King

Vor Obamas Rede brachte eine Reihe von Stars und prominenter Redner die Menge mit ihren Auftritten in Stimmung, unter ihnen Stevie Wonder, Sheryl Crow und Oscar-Preisträgerin Jennifer Hudson. Einen Überraschungsauftritt legte 35 Minuten vor der Obama-Rede Joe Biden auf der Bühne des Invesco Field hin. Eine Ansprache des Vizekandidaten war nicht im offiziellen Ablaufplan angekündigt, er hatte bereits am Mittwochabend im Pepsi-Center zu den demokratischen Delegierten gesprochen. Nun gab er noch einmal kurz den Einheizer vor den Zehntausenden im Football-Stadion.

Die Parteitagsrede Obamas an diesem Donnerstag fällt auf den 45. Jahrestag der berühmten "I have a dream"-Rede von Martin Luther King jr. (1904-1968) über eine Gesellschaft ohne Rassenschranken. Sein Vater "wäre stolz auf Barack Obama gewesen, stolz auf die Partei, die ihn nominiert hat und stolz auf das Amerika, das ihn wählen wird", sagt Martin Luther King III schon vor dem Auftritt des demokratischen Bewerbers. Zugleich warnt er vor überzogenen Erwartungen an einen möglichen Präsidenten Obama. "Amerika braucht mehr als einen großen Präsidenten, um den Traum meines Vaters zu verwirklichen."

McCain gratuliert

Auch Friedensnobelpreisträger und Ex-US-Vizepräsident Al Gore forderte bei seinem Auftritt den politischen Wandel: "Eines der größten Geschenke unserer Demokratie ist es, dass wir alle vier Jahre einen Richtungswechsel einleiten können", sagte Gore, der vor acht Jahren im Präsidentschaftsduell gegen Bush nach einer umstrittenen Stimmauszählung unterlegen war. "Die Frage, die sich stellt, ist einfach: Werden wir diese Gelegenheit für einen Wandel ergreifen?"

Rivale McCain gratulierte seinem demokratischen Rivalen zur Nominierung als erster schwarzer Präsidentschaftskandidat der USA. "Zu oft bleiben die Leistungen unserer Gegner unbemerkt", erklärte McCain in einem Fernsehspot. "Also wollte ich innehalten und sagen: Gratulation." Morgen werde man wieder gegeneinander Wahlkampf führen, sagte der Senator aus Arizona zu seinem Kollegen aus Illinois. "Aber heute Nacht, Senator - das war gute Arbeit."

phw/AP/dpa/AFP/Reuters

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