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29.08.2008
 

Demokraten-Konvent in Denver

Obama verheißt Amerikanern besseres Leben

Aus Denver berichtet Gregor Peter Schmitz

Der Spagat zwischen Popstar und Staatsmann: Barack Obama hat ihn bei seinem Auftritt als offizieller US-Präsidentschaftskandidat gemeistert. Er verspricht, die Sorgen der einfachen Leute ernst zu nehmen, umschifft die Rassenfrage - und kanzelt Gegner McCain als reichen Schnösel ab.

Denver - Die beiden Paare halten sich an den Händen und stürmen vor bis an den Bühnenrand. Wie Schauspieler eines großen Theaters, die noch eine Zugabe genießen. Joe Biden und seine Frau Jill, Barack Obama und seine Michelle. Über ihnen am Himmel krachen Feuerwerkskörper, über die 16 Leuchtschriftbänder, im "Invesco Field" in Denver flimmert "Obama/Biden". Die Ränge sind bis in die oberste Reihe gefüllt, 80.000 Menschen jubeln. Stehend. Michelle und Barack umarmen sich und tuscheln strahlend.

Sie haben auch einiges zu bereden: Eine Stunde vorher, um kurz nach 20 Uhr, hat Barack Obama den Satz ausgesprochen, der ihn als ersten afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten in den Geschichtsbüchern verewigt. "Mit tiefer Dankbarkeit und Demut nehme ich die Nominierung für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika an." Noch jetzt stehen im Stadionrund viele Zuschauer mit feuchten Augen - Prominente wie die schwarze Talkshow-Legende Oprah Winfrey weinen hemmungslos. Die Stimmung ist weniger wie bei einer Theaterzugabe. Eher wie bei einem Popkonzert.

Es sind Bilder, die Obamas Wahlkampfstrategen nervös machen könnten. Natürlich wissen sie, dass die Republikaner solche Eindrücke gegen ihren Kandidaten nutzen könnten. In TV-Spots haben die ihn immerhin schon mit Paris Hilton und Britney Spears verglichen - und als "Celebrity" verspottet, also als Pop-Berühmtheit. Wohl deshalb schwärmt Obama in seiner Rede ausführlich von seiner Großmutter, die ihn großzog. Bei Beförderungen sei sie immer übergangen worden, weil sie eine Frau war - doch sie habe immer selbst Opfer gebracht, um dem Enkel alles zu ermöglichen. "Ich weiß nicht, was für John McCain das Leben von Berühmtheiten ausmacht", donnert Obama. "Aber das ist mein Leben. Das sind meine Helden."

Sein Leben. Seine Helden. Darum soll es an diesem Abend gehen. Nicht um feurige Rhetorik und die großen Bilder. Denn Obama will sich den Menschen im Stadion - vor allem aber den bis zu 40 Millionen Fernsehzuschauern daheim - nicht als Polit-Star vorstellen, sondern als normalen Amerikaner.

Deutlich ist das zu sehen in dem Video, das vor seiner Rede über die Stadionbildschirme flimmert. Es beginnt mit gelben Kornfeldern in Kansas, wo Obamas Mutter lebte. Die spielt eine Hauptrolle in dem kurzen Film - während der schwarze Vater, den Obama nur einmal traf, fast nicht vorkommt. Zu sehen sind auch Michelle und er, wie sie herumalbern im Hochzeitsstaat. Der Kandidat spielt Karten mit seinen Kindern, er spricht in die Kamera von Ehrlichkeit, Respekt, Glauben, Freundlichkeit. Vom Wert harter Arbeit.

Die Bilder vom einfachen Familienvater aus dem Herzen Amerikas stehen in gewissem Gegensatz zu den gewaltigen Säulen, die Obama auf der Bühne einrahmen - und den McCains Strategen als "Obamas Tempel" verspotteten.

Weniger Rockstar-Image, mehr Botschaften sollten es sein

Durch den Abend ziehen sich noch mehr Gegensätze: Die Auftrittsplaner lassen für die Zuschauer, die meist schon sechs Stunden vor Obamas Rede ins Stadion strömen, Stevie Wonder rocken. Jennifer Hudson von "Dream Girls" singt die Nationalhymne. Und dann, zwischendurch, laufen auf den Stadionschirmen Ansprachen einfacher Leute aus Ohio, Michigan, Indiana, New Mexico. Die tragen rot-weiß-karierte Hemden, sie erzählen von ihrer Diabetes oder ihren Sorgen wegen der Hypothekenzahlungen. Und Obama wird nicht von Al Gore auf die Bühne gebeten, der als Nobelpreisträger und Ex-Vize wohl die größte "Berühmtheit" in Demokraten-Kreisen ist - sondern von einem unbekannten Senator aus Illinois.

Der demokratische Hoffnungsträger weiß: Er darf diesen Abend nicht zum Krönungsspektakel ausufern lassen. Zu viele Parteifreunde sorgen sich, dass sein Star-Image ihm an der Wahlurne schaden könnte. Und sie fragen immer lauter, wie sich seine Botschaft des Wandels konkreter beschreiben ließe.

Obama bemüht sich redlich: Nach knapp 20 Minuten Rede ruft er "Genug!" - viel lauter als sonst in seinen Reden. Es geht um Rechnungen, die Amerikaner nicht mehr zahlen können. Autos, die sie sich nicht mehr leisten können. Der Kandidat spricht von der kranken Mutter, die auf dem Totenbett mit Versicherungen streiten musste - und verspricht eine bessere Krankenversicherung für Amerikaner. Er schildert in drastischen Bildern die Energiekrise - und gelobt, in zehn Jahren werde Amerika unabhängig sein von Energieimporten aus dem Nahen Osten. Er stellt in Aussicht, die Steuern für 95 Prozent der US-Mittelklasse zu senken.

Natürlich bleibt der frisch gekürte Präsidentschaftsbewerber an vielen Stellen vage, vieles wiederholt sich aus seinen Wahlkampfreden. Doch immerhin legt er die verbale Zurückhaltung ab, wie es sich viele Demokraten gewünscht haben - und attackiert seinen Rivalen John McCain. Zwar betont Obama wieder, der Ex-Kriegsgefangene habe seinem Land ehrenhaft gedient. Noch nicht einmal als sozial kalten Republikaner mag er ihn zeichnen, wenn es um die Nöte einfacher amerikanischer Arbeiter gehe. "Es ist nicht so, dass John McCain das nicht kümmert. Er weiß es einfach nicht." McCain - verheiratet mit einer millionenschweren Biererbin und seit Jahrzehnten US-Senator - kenne die wirtschaftlichen Sorgen der Wähler nicht mehr.

Immer wieder erwähnt Obama in der rund 45 Minuten langen Ansprache seinen republikanischen Rivalen mit Namen, und meistens rückt er ihn in die Nähe des verhassten Präsidenten George W. Bush. "Acht Jahre sind genug", röhrt Obama. "Er hat zu 90 Prozent mit George W. Bush übereingestimmt. Ich bin nicht bereit, auf zehn Prozent Wandel zu setzen."

"Er wirkte wie ein Rockstar, nicht wie ein Staatsmann"

Der Demokrat wagt sogar, seinen Rivalen auf dessen stärkster Flanke zu attackieren, der Außenpolitik. Beim Thema Terrorismus etwa: "McCain sagt, er will Osama Bin Laden bis an die Tore der Hölle verfolgen. Aber in Wahrheit will er ihm noch nicht einmal in die Höhle folgen, in der er lebt." Obamas Kommentar zu Irak und al-Qaida: "Man kann nicht eine Terrororganisation besiegen, die in 80 Ländern operiert, in dem man in den Irak einmarschiert."

Zu einem äußert er sich nicht - zum Verhältnis der Rassen in Amerika. Obwohl gerade wieder Bilder aus New Orleans viele US-Bürger erschüttern, weil die Stadt erneut droht, in einem Wirbelsturm unterzugehen. Obama erwähnt zwar New Orleans und das Versagen der Bush-Regierung beim ersten Unglück dort. Doch am 45. Jahrestag der "I have a dream"-Rede von Martin Luther King spielt Hautfarbe kaum eine Rolle in seiner Ansprache.

Fast 40 Minuten vergehen, bis er King überhaupt erwähnt. "Wir können nicht alleine gehen", spricht Obama dann im Geiste Kings. "Wir müssen uns wieder versprechen, in die Zukunft zu marschieren." Doch selbst diese Sätze klingen nicht unbedingt wie die eines Kandidaten mit schwarzer Hautfarbe.

Das ändert an der Begeisterung der Demokraten zum Ende ihres Parteitags aber nichts. Aus den Boxen dröhnt "Ain't no stopping us now", jetzt stoppt uns nichts. Die Erleichterung ist zu spüren, dass die Querelen um die Rolle der Clintons vorbei sind.

Die Republikaner wirken besorgt ob so viel Enthusiasmus. John McCain zeigte sich zwar versöhnlich - und würdigte den historischen Abend seines afroamerikanischen Rivalen. Statt dem durch die Ankündigung seines Vizekandidaten die Schau zu stehlen, sprach er in einem TV-Spot direkt in die Kamera: "Morgen streiten wir uns wieder. Aber heute sage ich: Gut gemacht!"

Doch wenig später probieren republikanische Strategen auf CNN schon ihre neuen Angriffslinien aus. So viel Begeisterung für einen Politiker sei doch irgendwie verdächtig. "Er wirkte wie ein Rockstar, nicht wie ein Staatsmann", mäkelt McCain-Unterstützer Ben Stein. Darum müsse sich der Republikaner keine Sorgen machen.

Gestern verlautete allerdings: Für eine Großveranstaltung morgen in Ohio, bei der McCain an seinem 72. Geburtstag seinen Vize vorstellen will, sind noch jede Menge Tickets zu haben.

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