Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada
Berlin/Masar-i-Scharif - Es war gegen 22 Uhr, als Rahman Gul am Donnerstagabend unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde. "Ich hörte viele Schüsse, fast eine ganze Minute lang, ganz nah an meinem Haus", berichtete der Einwohner von Khanabad im Südosten des nordafghanischen Kunduz SPIEGEL ONLINE heute per Telefon. Von seinem Dach aus habe er wenig später sehr viele afghanische und deutsche Soldaten auf der Straße gesehen, die um einen Minibus herumgestanden hätten. "Auf der Straße lagen Tote und Verletzte", so der Augenzeuge.
Was Rahman Gul am Donnerstagabend sah, könnte sich zu einem Alptraum für die Bundeswehr und die weitere Mission der Soldaten in Nordafghanistan auswachsen. Noch sind die Informationen über den tödlichen Vorfall lückenhaft, doch die afghanischen Behörden erheben zumindest zum Teil Vorwürfe gegen die Deutschen: Die Soldaten hätten an dem gemeinsam mit der afghanischen Armee geführten Checkpoint drei Zivilisten getötet.
Zum ersten Mal gerät die Bundeswehr nun in den Verdacht, beim Kampf gegen Taliban und ihren Terror auch vor der Zivilbevölkerung keinen Halt zu machen.
Bundeswehr ermittelt, wer geschossen hat
Im Bundesverteidigungsministerium und im Hauptquartier in Kabul ist man sich der Brisanz bewusst. Nur wenige Stunden nach dem Vorfall teilte ein Sprecher von Verteidigungsminister Franz-Josef Jung mit, es habe sich ein tödlicher Vorfall mit Beteiligung deutscher Soldaten ereignet. Thomas Raabe sagte, die Sicherheitskräfte hätten das Feuer eröffnet, nachdem ein Auto trotz eindeutiger Haltezeichen weitergefahren sei. Es habe drei Tote und mehrere Verletzte gegeben. Ob Deutsche geschossen hätten, sei noch unklar.
Die ISAF teilte auf ihrer Internetseite mit, sie bedauere den Zwischenfall zutiefst, rechtfertigte aber das Verhalten der Soldaten. Die Toten wären vermeidbar gewesen, so die Webseite, wenn sich die Zivilisten korrekt verhalten hätten. Die Truppe betonte auch, dass Isaf-Soldaten ausgebildet seien, um zivile Opfer zu vermeiden. "Jedoch müssen sie auch Maßnahmen ergreifen, um sich selbst zu schützen", so der Pressetext.
Die afghanischen Behörden stellten den Vorfall detailliert dar. Deutsche Isaf-Soldaten hätten an dem Kontrollpunkt in der Stadt Khanabad das Feuer auf ein Auto mit Zivilisten eröffnet, sagte Polizei- und Sicherheitschef Abdul Rahman Aqdash SPIEGEL ONLINE. Neben der getöteten Frau und zwei Kindern seien noch fünf weitere Personen verwundet worden, darunter drei Minderjährige. Einige Opfer seien schwer verletzt, so der Polizeichef.
Zwei Autos, offenkundig Minibusse mit bis zu 20 Insassen, seien auf den Checkpoint zugefahren, sagte Aqdash. Einer der Fahrer habe kurz vor dem Kontrollpunkt den Wagen gewendet, der zweite sei dann gefolgt. Die Sicherheitskräfte hätten angenommen, es handele sich um Taliban oder Drogenhändler. Dann hätten, so die Darstellung von Aqdash, die Deutschen das Feuer eröffnet und auf das zweite Fahrzeug geschossen. Der Fahrer habe überlebt.
"Wir wollen wissen, warum Zivilisten getötet worden sind"
Der Gouverneur der Provinz Kunduz, Mohammad Omar, sagte SPIEGEL ONLINE, der Minibus sei von einer Hochzeit in der Region Takhar gekommen. Omar teilte später mit, dass der Fahrer des Minibusses Mitarbeitern des Gouverneurs gesagt habe, er habe einen Fehler begangen. "Meinen Leuten schilderte der Fahrer, dass er Angst vor den Soldaten hatte und deshalb umdrehte", so Omar, "er bereut seinen Fehler".
Eine genaue Stellungnahme aus dem Bundesverteidigungsministerium gibt es noch nicht. Von Offizieren war zu erfahren, dass es für den Abend eine konkrete Warnung gab - vor einem mit Sprengstoff beladenen Fahrzeug. Diese Beschreibung habe auf das später getroffene Auto gepasst. Zudem hätten sich Fahrer und Insassen "verdächtig" verhalten. Ein hochrangiger Beamter aus dem Ministerium ergänzte, nach dem tödlichen Anschlag diese Woche nahe Kunduz herrsche höchste Alarmbereitschaft. "Die Nerven liegen blank", so der Beamte.
Ruf der Bundeswehr in Gefahr
Die Bundeswehr bemüht sich seit den Schüssen fieberhaft um Aufklärung: Am Tatort wurden Projektile gesichert, um zu klären, ob aus deutschen oder afghanischen Waffen geschossen wurde. Das Ergebnis steht noch aus. Kurz nach Bekanntwerden der Vorfalls eröffnete die Staatsanwaltschaft Potsdam ein Ermittlungsverfahren. So schnell wie möglich sollen die eingesetzten Soldaten an dem Kontrollpunkt befragt werden.
Die hektischen Aktivitäten zeigen, wie heikel der Vorgang ist. In der Vergangenheit hatten versehentliche Tötungen von Zivilisten in Afghanistan zu heftigen Protesten und sogar Ausschreitungen geführt. Die meisten zivilen Opfer waren durch Bombenangriffe der Isaf-Schutztruppe umgekommen. Auch an Checkpoints kam es immer wieder zu tödlichen Zwischenfällen.
Nun muss die Bundeswehr fürchten, dass ihr relativ guter Ruf im Norden Afghanistans nach dem Vorfall leiden könnte. Auch in der Hauptstadt Kabul zeigten sich deutsche Vertreter besorgt. "Ob sich die Soldaten korrekt verhalten haben, spielt hier kaum eine Rolle", sagte ein Diplomat, "am Ende bleibt hängen, dass wir auf Zivilisten schießen."
Grundsätzlich gelten an Checkpoints der internationalen Schutztruppe in Afghanistan sehr strenge Regeln - vor allem zum Selbstschutz der Soldaten. Dabei gilt die Regel, eher schneller das Feuer auf verdächtige Fahrzeuge zu eröffnen, als diese an den Kontrollpunkt herankommen zu lassen. Grellrote Schilder in allen Landessprachen weisen auf die Straßensperren hin, die Fahrer werden aufgefordert, langsam zu fahren und den Anweisungen der Soldaten zu folgen.
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