Sonntag, 22. November 2009

Politik



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02.09.2008
 

Republikaner-Parteitag

Palins Privatleben wird zur Belastung für McCain

Aus St. Paul berichtet Marc Pitzke

Ihr politischer Werdegang ist umstritten, ihre Teenager-Tochter schwanger: Sarah Palin, John McCains Vize-Kandidatin, gerät zunehmend unter Druck. Auf dem Republikaner-Parteitag gibt es ernste Zweifel an der Entscheidung für die Gouverneurin - ihr Lebenslauf wurde offenbar nur eilig überprüft.

St. Paul - Es begann mit einem Gerücht. Die wahre Mutter des Babys, so schrieb der Blogger, sei in Wahrheit die minderjährige Tochter. Die Oma hätte eine "Schwangerschaft" nur vorgetäuscht - und dann das Kind als ihr eigenes ausgegeben. Eine Story wie aus einer Seifenoper. In der Tat hat die TV-Serie "Desperate Housewives" gerade erst einen solchen Handlungsstrang als Quotenfänger eingeführt. Doch diese Story war nicht weit entfernt von der Realität - und blieb auch nicht lange Privatsache.

Denn erstens gehörte der Blogger zum Netzwerk des einflussreichen linken Polit-Blogs "Daily Kos". Zweitens war besagte Oma - die vorgetäuschte Mutter - ihm zufolge niemand anderes als Sarah Palin, die konservative Gouverneurin Alaskas und Vizepräsidentschafts-Kandidatin John McCains.

Ein doppelter Paukenschlag eröffnete am Montag den Wahlparteitag der US-Republikaner in St. Paul im Bundesstaat Minnesota. Nicht nur, dass Hurrikan "Gustav" den Delegierten die Partylaune verdarb. Auch wurde das Gemunkel über Palin, die hier als neuer Star der Partei installiert werden soll, immer lauter.

Auf beide Krisen reagierte das McCain-Team mit der Flucht nach vorne. Wegen des Sturms strich es das Programm des ersten Tages, mit seinen Breitseiten gegen den Gegner, pietätvoll auf die nötigsten Formalien zusammen. Und es räumte die Palin-Gerüchte ein für allemal aus der Welt - mit einem noch größeren Knaller.

"Wir sind stolz, Großeltern zu werden"

Das fragliche Baby, erklärten Palin und ihr Mann Todd mittags per E-Mail an die Reporter, sei tatsächlich Palins eigener Sohn Trig. Ihre 17-jährige Tochter Bristol freilich, seit Tagen im Kreuzfeuer der Blogger - ja, die sei nun auch schwanger: "Wir sind stolz auf Bristols Entscheidung, ihr Baby zur Welt zu bringen, und noch stolzer, Großeltern zu werden." Bristol werde den Vater des Kindes - der nur als "Levi" identifiziert wurde - alsbald heiraten.

Damit hätte sich die Sache normalerweise auch erledigt. Kandidatenkinder, Privatsphäre - man kennt es ja: Finger weg. Selbst der Demokrat Barack Obama, nach einem Auftritt in Michigan angesprochen, nahm Palin in Schutz: Die Geschichte habe "keine Relevanz", sagte er. "Meine Mutter bekam mich, als sie 18 war." Und doch: Mit einem Schlag hatten die rund 4500 Delegierten und 15.000 Journalisten, die sich in den Wandelgängen des XCel Energy Centers zum sturmbedingten Rumpfprogramm eingefunden hatten, kaum ein anderes Thema mehr. Über die Plasmaschirme in den Fluren mochte zwar "Gustav" flimmern - im Saal redeten alle bald nur noch von Sarah Palin.

Vor allem die Medien sogen die Nachricht mangels anderer Parteitagsdramen gierig auf. Schließlich ging es hier um die minderjährige, ledige Tochter einer Politikerin, die stets für einen strengen Moralkodex und Abstinenz vor der Ehe geworben hat. Die politische Pikanterie dieser Enthüllung entging natürlich keinem.

Bei einer Pressekonferenz mit Matthew Dowd, einem Ex-Wahlkampfberater von US-Präsident George W. Bush, drehten sich die meisten Fragen um Palin. Auf der Website der "New York Times" war Bristols Schwangerschaft nach "Gustav" die zweite Top-Meldung des Tages. Und in den politischen TV-Talkshows zankten sich die Kommentatoren nicht um McCains Vorzüge oder Nachteile als Kandidat - sondern um die familiären Angelegenheiten seiner Vize-Lady. So hatten sich die Republikaner den Auftakt ihres Parteitags sicher nicht vorgestellt.

"Ein Christ zu sein heißt nicht, dass du perfekt bist"

Zu ihrer Erleichterung jedoch reagierten die meisten Delegierten sowie die christlich-konservative Parteibasis zunächst mit Verständnis für Palin und ihre Tochter - einem Verständnis, das die Rechten den Demokraten übrigens sonst selten zu Gute kommen lassen. "Ein Christ zu sein heißt nicht, dass du perfekt bist", intonierte James Dobson, der Gründer der Lobby-Gruppe Focus on the Family. "Und es heißt nicht, dass deine Kinder perfekt sind." Tony Perkins, der Präsident des konservativen Family Research Councils, beklagte zwar jede Schwangerschaft unter Teenagern, wie sie "in der heutigen Gesellschaft nur zu üblich" geworden sei. Doch "zum Glück" habe sich Bristol dazu entschlossen, nicht abzutreiben. Weshalb er nun auch für sie beten werde.

Andere waren weniger nachsichtig. Vor allem bei den Demokraten - trotz Obamas Appell, die leidige Geschichte zu ignorieren, und trotz der Gefahr, dass jede Kritik an Palin sofort als sexistisch interpretiert würde. "Wie kann eine Mutter ihrem Kind nur so etwas zumuten, in vollem Wissen, dass es früher oder später an die Öffentlichkeit kommt?", wetterte der linke Radio-Talker Ed Schultz. "Die Republikaner behaupten, sie seien die Partei der familiären Werte. Sie sind uns eine Erklärung schuldig." Doch steht hier ja viel mehr zur Debatte als das sorgfältig inszenierte Image Sarah Palins als konservative Vorzeigefrau.

Zur Debatte steht vor allem auch die Glaubwürdigkeit und Urteilskraft McCains: Der hatte Palin erst am Freitag als überraschende Hoffnungsträgerin für seine bis dahin demoralisierte Moralpartei aus dem Hut gezaubert - und schon wird sie zum Reizthema, bevor sie offiziell bestallt ist.

Die Frage, die sich viele stellen: Hat McCain vorher von der Sache gewusst? Ja, versicherte sein Top-Stratege Steve Schmidt, der im Pressezentrum umlagert wurde. Was die Folgefrage aufwarf: Warum hatte er sich mit solchem Ballast in den Parteitag gewagt? McCain, so war darauf aus Parteikreisen zu hören, habe gehofft, die Geschichte bis nach seiner Nominierung geheim halten zu können. Kein gutes Omen für den "straight talker".

Doch das schwangere Mädchen war nicht die einzige Schlagzeile, mit der Palin gestern für Aufregung sorgte. Langsam merkten die Republikaner, wie wenig sie eigentlich wissen über diese Frau aus dem hohen Norden, mit der sie den Demokraten die schmollenden Hillary-Clinton-Fans abspenstig machen wollen.

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